SOS-Kinderdorf-Traumapsychologin über Kriegsfolgen für notleidende Kinder in Syrien
Syrien

Traumapsychologin Teresa Ngigi über die Folgen des Krieges

Eine Kindheit unter Beschuss – welche Folgen hat die tägliche Konfrontation mit Unsicherheit und Gewalt für die Kinder in Syrien? 

Teresa Ngigi, Psychologin und Beraterin für psychische Gesundheit und psychosoziale Unterstützung, reist regelmäßig nach Syrien, um das dortige SOS-Kinderdorf-Team für psychische, psychologische und soziale Gesundheit zu schulen und bietet Unterstützung für syrische Kinder, die sich in der Obhut von SOS-Kinderdorf befinden. Im folgenden Interview spricht sie über die Auswirkungen auf Kinder, die in Krisenregionen leben.

Was sind Ihre allgemeinen Beobachtungen zur psychischen Gesundheit von Kindern, mit denen Sie in Syrien gearbeitet haben?

 Fast alle in unserer Obhut befindlichen Kinder haben auf die eine oder andere Weise „toxischen Stress“ erfahren. Viele haben die Folgen von Krieg, Hass und Katastrophen erlebt, und alle haben irgendeine Form von Verlassenheit erfahren. Einige dieser Kinder sind ausgesprochen hyperaktiv - nicht die normale Hyperaktivität von Kleinkindern oder Kindern, sondern eine Form der Hyperaktivität, die durch viel Aggression gekennzeichnet ist. Das zeigt sich besonders deutlich bei den Jungs.

Wie äußert sich toxischer Stress?

Wir betreuen einen Jungen, der ungefähr sechs Jahre alt war, als der Krieg begann. Er sah, wie sein Vater getötet wurde, als eine Bombe ihr Haus traf. Seine Mutter verschwand, sein Bruder rannte weg, und dieser Junge wurde dort allein zurück gelassen. Er wurde gefangen genommen und erlebte Schreckliches. Schließlich landete er auf der Straße. SOS-Kinderdorf rettete ihn, als er etwa 12 Jahre alt war.

Dieser Junge zeigt viele Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung sowie anderer psychischer Probleme, was bedeutet, dass mehr als eine Störung gleichzeitig auftritt. Sein Verhalten war extrem aggressiv. Ihm wurden Psychopharmaka verabreicht, um sowohl ihn zu stabilisieren als auch seine Umgebung zu schützen. Gleichzeitig arbeiten wir intensiv mit ihm, um ihn aufzufangen und ihm Sicherheit zu geben. Es ist ein langer Prozess, der viel Engagement erfordert. Beeindruckend sind dabei die SOS-Mitarbeiter, die ihr Leben einsetzen und alles versuchen, damit Kinder wie dieser Junge unter disen sehr schwierigen Umständen alles bekommen, was sie brauchen, und das gibt einem wieder Hoffnung.

Wirkt sich der Stress des Krieges auf andere Weise auf Kinder aus?

Ich war am 20. Januar 2019 in Syrien, als mitten in der Nacht in Damaskus ein Bombenangriff erfolgte. Sie konnten den Schrecken sehen, den die Kinder erlebten, als sie diese Explosionen hörten. Sie konnten die Hilflosigkeit, die Starrheit und das Einfrieren einiger Kinder während dieser furchterregenden Bombenanschläge miterleben.

Es stimmt, dass Kinder nach solchen Erfahrungen ziemlich schnell wieder zur Normalität zurückkehren können. Ich finde es jedoch eine ziemliche Herausforderung, vor allem wenn Kinder dauerhaft diesem toxischen Stress ausgesetzt sind. Sie werden innerlich terrorisiert, sie führen ein Leben in Angst und Schrecken, sie sind verunsichert. Das Leben ist so unvorhersehbar.

Wir haben auch Fälle von Kindern, deren Eltern gestorben oder verschwunden sind oder die allein gelassen wurden. Manche zogen von einer Pflegestelle zur nächsten oder lebten auf der Straße, bis sie durch SOS-Kinderdorf ein liebevolles Zuhause fanden. Einige der Kinder verstehen ihre Umstände nicht. Es ist sehr beunruhigend für ein Kind, nicht zu wissen, ob sein Elternteil lebt oder tot ist. Die Ungewissheit über den Verbleib ihrer Eltern oder ihrer Angehörigen ist für ein Kind - selbst für einen Erwachsenen - schlimmer, als wenn man weiß, dass jemand tot ist.

Kinder müssen mit ihren Familien in Kontakt stehen - auch wenn sie nur entfernte Verwandte sind. Ein Kind, das seine Wurzeln nicht kennt, wird häufig eine Identitätskrise erleben. Sie fühlen sich nirgends zugehörig.

Schätzungsweise 3 Millionen Menschen mussten ihre Ausbildung in Syrien abbrechen und Hunderte von Schulen wurden während des Krieges zerstört. Wie wirkt sich das auf Kinder aus?

Die Schule spielt eine sehr wichtige Rolle bei der Entwicklung eines Kindes. Die Schule ist nicht nur ein Ort, an dem man lesen und schreiben lernen kann. Es ist ein Ort, an dem man Kontakte knüpfen und lernen kann, in einer Gemeinschaft zu leben. Schulen haben viele andere positive Aspekte, die nicht nur akademischer Natur sind.

In den Schulen in Syrien wurde jedoch nur sehr wenig unternommen, um die psychologischen Bedürfnisse der Kinder zu befriedigen. Aus psychologischer Sicht waren Kinder - auch in der Schule - viel toxischem Stress ausgesetzt. Es mangelt an Ressourcen und der Staat konzentriert sich auf andere Themen. Es gibt also eine große Lücke, wenn es darum geht, Kinder im schulischen oder gemeinschaftlichen Kontext psychologisch zu unterstützen.

Die Arbeit mit schutzbedürftigen Kindern in Syrien ist mit vielen Herausforderungen verbunden. Gibt es Anzeichen von Hoffnung?

Die Kinder und Betreuer geben mir jedes Mal, wenn ich dort bin, neuen Mut. Die SOS-Kinderdorf-Mitarbeiter arbeiten trotz aller Herausforderungen immer weiter. Und die Kinder haben ganz enge Beziehungen zu ihren Betreuern - es ist toll. Viele dieser Kinder entwickeln sich hervorragend. Sie sind keine passiven Opfer, sondern blühende Überlebende. Sie konnten wieder zu sich selbst finden und den Erwachsenen wieder vertrauen.

SOS-Kinderdorf hat vielen Kindern Stabilität gebracht. Und deshalb hoffe ich, dass wir diese Stabilität auch weiterhin anbieten, denn wir sind ein Hoffnungsschimmer für viele Kinder.