Abou Bakary, Programmdirektor des Familienstärkungsprogramms Benin
Interview mit Abou Bakary Mounmouni Moussa

„Der beste Ort zum Großwerden ist die eigene Familie“

Abou Bakary Mounmouni Moussa, Programmdirektor des Familienstärkungsprogramms Benin, erzählt im Interview warum es so wichtig ist, die Familien frühzeitig zu unterstützen.

Worum geht es beim Familienstärkungsprogramm?

Wir wollen Bedingungen schaffen, die es Familien ermöglichen, zusammen zu bleiben. Im Zentrum stehen immer die Kinder und ihre Bedürfnisse. Familienstärkung ist präventiv. Sie soll verhindern, dass Kinder aus ihrer Familie herausgenommen werden, weil die Eltern nicht mehr angemessen für sie sorgen können.

Warum ist es so wichtig, Familien auf diese Weise zu helfen?

Weil der beste Ort zum Großwerden die eigene Familie ist. Man muss Bedingungen schaffen, die Kindern ein behütetes Aufwachsen in der Familie ermöglichen. Eingebettet in ihre eigene Kultur. Auf dass sie zu Bürgern heranwachsen, die ihre Gemeinschaft voranbringen. Kinder sind die Zukunft eines Landes. Wenn Eltern nicht angemessen für ihre Kinder sorgen können, müssen die Gemeinschaft und das Dorf das auffangen und eigene Lösungen entwickeln.

Wie sind denn die Lebensbedingungen für Familien in Benin?

Die Armut ist groß, die Lebensumstände sind extrem hart, vor allem für Alleinerziehende. Aber auch, wenn Vater und Mutter beide präsent sind, machen es Probleme wie chronische Krankheiten notwendig, dass Familien durch das Familienstärkungsprogramm Hilfe erhalten. Wir geben ihnen ein Stück Hoffnung zurück. Viele Kinder würden ohne Hilfe beispielsweise nur eine Mahlzeit am Tag erhalten und auch die wäre extrem ärmlich und würde nicht das erhalten, was ein Kind zum Aufwachsen braucht. Mit leerem Magen kann ein Kind in der Schule nicht richtig mitarbeiten. Dazu kommt, dass viele Familien das Schulgeld nicht bezahlen können.

Krankheiten sind ein Problem, wir haben hier sehr viel mit Malaria zu tun. Eltern können sich keine Behandlung leisten, so dass die Kinder vor ihren Augen sterben. Dazu kommen soziale Probleme wie Alkoholismus. Dann werden Kinder vernachlässigt, erhalten nichts mehr zu essen, gehen nicht in die Schule. Die ganze Familie gerät in Schieflage, die Kinder landen auf der Straße, wo sie von Kriminalität, Prostitution und Kinderhandel bedroht sind. Das sind Gefahren, die Familien zerstören können.

Was bedeutet es für Kinder, zur Schule gehen zu können?

Ohne Schule und Bildung sind ihre Chancen gleich Null. Auch ein Bauer muss heute über ein gewisses Wissen verfügen, um erfolgreich zu sein. Kinder, die nicht zur Schule gehen können, werden häufig von Kinderhändlern ausgebeutet. Sie landen in Nigeria und in den großen Städten, wo sie auf den Feldern und im Haushalt schuften müssen und krank werden, das sind vergeudete Leben. Wie überall auf der Welt müssen auch unsere Kinder in Benin zur Schule gehen und einen Beruf lernen, um ihr Leben später meistern zu können.

Wie profitiert die Gesellschaft in Benin vom Familienstärkungsprogramm?

Indem wir die Bedürfnisse und Probleme der Kinder in den Mittelpunkt stellen, eröffnen sich Wege für die ganze Gemeinschaft. Wie soll zum Beispiel eine Mutter ihre Kinder ernähren, wenn sie kein Einkommen hat? Also sorgen wir zu Beispiel dafür, dass diese Mutter Zugang zu einem Mikro-Kredit erhält, dass sie ein kleines Geschäft, einen kleinen Handel betreiben kann und mit ihren Einkünften ihre Kinder versorgen und zur Schule schicken kann.

Können Sie erklären, was das für das Land Benin bedeutet?

Ich denke, die wichtigste Ressource eines Landes ist seine Bevölkerung und deren Fähigkeiten. Wenn ein Land sein Humankapital vernachlässigt, verspielt es seine Zukunft. Wenn wir es versäumen, unsere Kinder auszubilden und sie zu verantwortungsvollen Erwachsenen zu machen, gibt es keine Zukunft.

Wie hilft das Familienstärkungsprogramm den Eltern?

Indem es ihnen zum Beispiel ermöglicht, ihren Kindern wenigstens eine ausgewogene Mahlzeit pro Tag zu geben. Normalerweise möchte man drei Mahlzeiten pro Tag geben, aber viele Familien hier kämpfen schwer, um eine einzige Mahlzeit zu sichern. Wir bilden die Familien, wir entsenden Tutorinnen und Tutoren, die sich um die Kinder kümmern, die aber auch die Eltern in ihrer Kompetenz stärken. Darüber hinaus schauen wir, wie wir die Familien wirtschaftlich stärken können. Indem wir ihnen zum Beispiel helfen, eine geschäftliche Aktivität zu entwickeln oder ein bestehendes Geschäft besser und effizienter aufzustellen.

Unsere Gesellschaft ist patriarchalisch geprägt. In der Vergangenheit hat eine Familie eher die Söhne zur Schule geschickt und die Töchter eher vernachlässigt. Töchter sollten zuhause bleiben und Kinder bekommen. Diese Diskriminierung ist immer noch spürbar und ein Handicap für die Frauen. Selbst wenn Jungen und Mädchen zur Schule gehen, darf der Junge dann oft zuhause lernen, während das Mädchen der Mutter in der Küche helfen muss. Diese Form der Diskriminierung findet bei SOS-Kinderdorf nicht statt. Mädchen erhalten dieselben Chancen wie Jungen, die Geschlechter müssen zusammenarbeiten und sich die Hand geben, um die Gesellschaft voranzubringen. Die Familie ruht auf zwei Säulen: Vater und Mutter. Beide tragen gleichermaßen zur Familie bei. Und wenn eine Säule wegbricht, muss die andere sie ersetzen.

Was macht Ihrer Meinung nach eine gute Kindheit aus?

Eine gute Kindheit ist beschützt und behütet. Ein glückliches Kind ist ein Kind, das spielt, das drei ausgewogene Mahlzeiten am Tag erhält. Ein glückliches Kind lebt im Kreis von Menschen, die es lieben, mit seinen Geschwistern und mit Mutter und Vater. Wichtig ist auch, dass es in seiner eigenen Kultur aufwächst, die Sprache seiner Gemeinschaft spricht und ihre Gepflogenheiten lebt. Ein Kind sollte spüren, dass es geliebt und beschützt wird. Und dass es Teil einer Gemeinschaft, einer Familie ist, das ist sehr wichtig. Eine gute Kindheit gibt dem Kind die Mittel an die Hand, die es braucht, um sein Leben zu meistern. Wenn es gerne tanzt, soll es Gelegenheit haben zu tanzen. Ein Kind soll einfach glücklich werden können in seinem Leben.

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