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Mädchen mit blonden Haaren im Vordergrund, im Hintergrund zwei Frauen, die sich unterhalten
Auf dem Weg in ein eigenständiges Leben

„Erwachsenwerden ist ein Prozess“

Dr. Kristin Teuber, Leiterin des Sozialpädagogischen Instituts von SOS-Kinderdorf, erläutert, wie SOS-Kinderdorf Care-Leaver unterstützt und fördert.

Was versteht man unter „Leaving Care“ und wie geht SOS-Kinderdorf damit um?

SOS-Mitarbeiterin Dr. Kristin Teuber, Leitung SPI

Dr. Kristin Teuber, Leiterin des Sozialpädagogischen Instituts von SOS-Kinderdorf

Dr. Kristin Teuber: Im Grunde ist es die Phase des Selbstständigwerdens, die sich über mehrere Jahre erstreckt. In Deutschland verlassen junge Menschen ihr Elternhaus durchschnittlich im Alter von 23 Jahren. Etwa 20.000 junge Menschen pro Jahr, die nicht bei ihren leiblichen Eltern aufgewachsen sind, müssen diesen Übergang in die Selbstständigkeit sehr viel früher bewältigen – oft bereits schon ab dem 18. Lebensjahr. Care Leaver, deren Betreuung in einem SOS-Kinderdorf, einer Wohngruppe oder einer Pflegefamilie endet, verfügen häufig über kaum tragfähige soziale Netzwerke oder ausreichend materielle Ressourcen. Damit fehlt ihnen ein verlässlicher Rückhalt im Alltag. SOS-Kinderdorf unterstützt sie deshalb auf unterschiedliche Art und Weise. Entscheidend dabei ist, dass jeweils im Einzelfall geprüft wird, welche Unterstützung die oder der junge Erwachsene benötigt.

Was brauchen die jungen Menschen denn für den Schritt ins Erwachsenenleben?

Dr. Kristin Teuber: Zur Vorbereitung auf ein eigenständiges Leben müssen Jugendliche natürlich viele Kompetenzen erwerben: Wie führe ich einen eigenen Haushalt, wie gehe ich mit Geld um oder wie sorge ich für meine eigene Gesundheit. Daneben gehört zu einer eigenständigen Lebensführung auch, Beziehungen zu pflegen, sich selbst ein kleines Netzwerk aufzubauen, mit schwierigen und unerwarteten Situationen umzugehen und für sich eine Zukunftsperspektive zu entwickeln.

Was trägt dazu bei, dass Care Leaver den Übergang in die Eigenständigkeit gut bewältigen können?

Dr. Kristin Teuber: Sie können nur die Schritte in die Eigenständigkeit gehen, die sie sich auch zutrauen. Und es macht einen großen Unterschied, ob ich als Care Leaver weiß, was auf mich zukommt, oder ob ich das Gefühl habe: ‚Ich weiß nicht, was mich erwartet, habe Angst, dass ich nicht zurechtkommen werde – und eigentlich bin ich noch nicht bereit, allein zu leben.‘ Für die jungen Menschen ist es deshalb besonders wichtig, dass sie verschiedene Optionen haben und mitbestimmen können, wie ihr Übergang in die Selbstständigkeit aussehen soll.

Was befähigt junge Menschen dazu, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und Perspektiven zu entwickeln?

Dr. Kristin Teuber: Ein Aspekt ist die Selbstwirksamkeit, also das Gefühl, im eigenen Leben etwas bewirken zu können. Die Konsequenzen des eigenen Handelns zu spüren, ist dafür eine wichtige Grunderfahrung. In dieser Hinsicht haben viele Kinder und Jugendliche zu wenige positive Erfahrungen gemacht, wenn sie in prekären Verhältnissen gelebt haben. Eine weitere wesentliche Erfahrung ist die der Zugehörigkeit. Ich brauche als Mensch die Gewissheit, dass ich irgendwo dazugehöre und gewollt bin, wo ich Anerkennung, Liebe, Orientierung bekomme. Der verlässliche Rückhalt bringt mich erst in die Lage, vorausschauen und Ideen für mein eigenes Leben entwickeln zu können.

Woran lässt sich aus Ihrer Sicht festmachen, dass ein Care-Leaving-Prozess gelungen ist?

Dr. Kristin Teuber: Das ist nicht so einfach zu beantworten. Abgeschlossen ist der Prozess erst dann, wenn man als Care-Leaver für sich das Gefühl entwickelt hat: „So, wie ich bin und wie ich jetzt lebe, ist es in Ordnung. Ich habe eine schwierige Geschichte und jetzt lebe ich ein ‚normales‘ Erwachsenenleben.“ Das ist natürlich sehr viel leichter gesagt als getan. Viele Care Leaver sagen nach vielen Jahren im Rückblick, sie haben es weit geschafft und sind mit ihrem Weg zufrieden – auch wenn er häufig beschwerlich war.

Was fordern Sie von der Politik, um die Situation von Care Leavern in Deutschland zu verbessern?

Dr. Kristin Teuber: Um den Übergang für Care Leaver so erfolgreich wie möglich zu gestalten, wünschen wir uns von der Politik, den Rechtsanspruch auf Hilfen für junge Volljährige in der Kinder- und Jugendhilfe regelhaft bis zum 23. Lebensjahr auszudehnen. Im Einzelfall sollen die Leistungen nach wie vor bis zum 27. Lebensjahr möglich sein, nicht zuletzt um z.B. die finanzielle Existenzsicherung der Care Leaver in Ausbildungsphasen zu berücksichtigen. Außerdem brauchen wir einen bundesweiten Ausbau von Ombudsstellen, um Care Leaver dabei zu unterstützen, ihr Recht auf Hilfe durchzusetzen.

Bens Weg in ein zufriedenes Leben

Zusammen mit seinem Bruder wuchs Ben im SOS-Kinderdorf Niederrhein auf. Hier bekam er die Liebe und Geborgenheit, die er brauchte. Mit 18 Jahren zog er aus und machte sein Fachabitur. Auch heute ist das SOS-Kinderdorf Niederrhein noch sein Zuhause. Zu Feiertagen und auch sonst besucht er regelmäßig seine alte Kinderdorffamilie.