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Mädchen schaut in den Spiegel hält sich Hand vor den Mund
Projekt Schneewittchen

Magersucht: Suizid auf Raten

Magersucht und Bulimie nehmen zu – und die Patienten werden immer jünger. Jedes fünfte Kind im Alter von 11 bis 17 Jahren in Deutschland zeigt Symptome von Essstörungen. Die SOS-Beratungsstelle „Schneewittchen“ in Augsburg ist für viele Betroffene die erste Anlaufstelle.

Immer mehr Jugendliche werden magersüchtig. Im Jahr 2000 erkrankten von 100.000 Personen 17 daran, heute sind es laut Statistischem Bundesamt 33. „Suizid auf Raten“ nennt die SOS-Mitarbeiterin Christina Santelia, die gemeinsam mit ihrer Kollegin Carmen Frauenholz seit 20 Jahren in der Beratungsstelle „Schneewittchen“ tätig ist, die gefährliche Erkrankung. Die Betroffenen hungern sich immer weiter herunter – und finden sich dabei stets noch zu dick. Wenn die Essstörung nicht behandelt wird, kann sie tödlich enden.

Jedes zweite Mädchen empfindet sich als zu dick

Nach wie vor leiden unter Essstörungen in erster Linie Frauen. Jedes zweite Mädchen in Deutschland zwischen 11 und 17 Jahren findet sich zu dick. Insgesamt 27,9 Prozent der Mädchen zeigen laut einer aktuellen Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland Anzeichen einer Essstörung.

Und auch die meisten Patienten von „Schneewittchen“ sind weiblich. Es sind Mädchen wie Laura*, die im Teenageralter an Essstörungen erkranken – weil sie das Gefühl haben, nicht zu genügen, nicht schön genug zu sein. Die 16-Jährige kam vor einem halben Jahr auf eigene Initiative in die Beratungsstelle, ihre Eltern sollten nichts davon wissen, „damit sie sich keine Sorgen machen“.

Seit Jahren leidet die Gymnasiastin mit den dunkelblonden langen Haaren an Bulimie. Die Nahrung, die sie zu sich nimmt, erbricht sie regelmäßig. Laura treibt exzessiv Sport und macht Diäten. „Diäten und Sport sind oft die Einstiegsdroge für eine Essstörung“, sagt Santelia. „Wenn die Mädchen dann noch Lob und Anerkennung für ihre Gewichtsreduktion bekommen, kann das motivieren weiterzumachen.“

In die Bulimie gemobbt

Auch Laura fühlt sich durch die purzelnden Kilos angespornt. Wie es dazu kommen konnte? „In der Klasse haben die Jungs Noten für das Aussehen von uns Mädchen verteilt“, erzählt Laura. Die 16-Jährige wird von den Jungs für ihren vermeintlich zu dicken Hintern gemobbt. Zu Hause lässt ihr Vater Kommentare fallen, dass sie sich doch sehr weiblich entwickelt habe. „Solche Aussagen können wie eine Granate im Selbstwert des Mädchens einschlagen und junge Menschen in ihrer Körperwahrnehmung stark verunsichern“, sagt Santelia.

Die Waage bestimmt über die Tagesstimmung

Die abschätzigen Kommentare der Schulkameraden und ihres Vaters sind für Laura der Beginn einer langen Leidensgeschichte von Diäten, heimlichen Fressanfällen und Erbrechen. Ihre Gedanken kreisen fortan nur noch um ihr Gewicht.

Raus aus der Opferrolle, hin zur Ich-Wirksamkeit

In der Einzelberatung begibt sich die SOS-Mitarbeiterin Santelia gemeinsam mit Laura auf eine Forschungsreise nach den Ursachen der Essstörung. Ziel ist es, dass Patientinnen wie Laura nicht mehr Opfer der Umstände und ihrer Ess- und Brechattacken sind, sondern die Kontrolle über ihren Körper und ihr Leben zurückgewinnen, sogenannte Ich-Wirksamkeit erfahren. Deshalb ist es für jeden Patienten so wichtig zu erkennen: Welches Bedürfnis liegt meinem kranken Essverhalten eigentlich zugrunde? Im Fall von Laura lösten Gefühle der Wut und der Einsamkeit die Essattacken aus. In der Therapie ging es dann darum herauszufinden, warum sie so wütend ist und wie sie anders mit ihrer Wut umgehen kann, anstelle diese gegen sich selbst und ihren Körper zu richten.

Vom gestörten Fremdbild zum Selbstbild

Es geht darum, einen Zugang zu sich selbst zu schaffen, zu den eigenen Fähigkeiten, Stärken und Interessen. „Wenn die Frauen ein positiveres Selbstbild entwickeln, dann verblasst der eigene Leistungsdruck und sie beginnen, sich von innen heraus schön zu finden. Das ist der Weg der Heilung, der Weg aus der Essstörung“, sagt Santelia.

*Name und Abbildung wurden aus persönlichkeitsrechtlichen Gründen geändert.