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Abwärtsspirale Essstörungen
Essstörungen – Projekt Schneewittchen

„Ich lebe ja noch“ – der Weg aus der Magersucht

Lena* war gerade einmal 13 Jahre alt als sie eine Essstörung entwickelte. Sie aß kaum noch, trieb übermäßig Sport, ihr Leben drehte sich allein um Kalorien und abnehmen. Bei 1,58 m wog sie gerade einmal 37 kg. Heute ist sie 19 Jahre alt und versucht die Krankheit hinter sich zu lassen.

Ausgrenzung und Mobbing in der Schule

Lena wurde in der Schule oft gemobbt. Und auch zu Hause war die Situation schwierig. Ihre Eltern stritten sich oft, woran sie sich die Schuld gab. Durch den Stress entwickelte sie Lebensmittelunverträglichkeiten und konnte immer weniger essen. Als ihr in der Schule ein Buch über Essstörungen in die Hände fiel, beschäftigte sie sich erstmalig mit dem Thema. „Obwohl es kein Buch war, das Essstörungen verherrlicht hätte, dachte ich, dass dies ein Weg sein kann, akzeptiert zu werden“, meint die junge Frau heute. Am Anfang will sie nur zwei bis drei Kilo abnehmen – schließlich immer mehr.

Essstörung – eine Abwärtsspirale

Lena hat eine Zwillingsschwester, Sophia*. Ständig werden die beiden verwechselt. Von den Eltern miteinander verglichen, gerade wenn es um schulische Leistungen geht.  Das Nachbarskind nennt  die beiden Lena-Sophia, als wären sie eine Person. Carmen Frauenholz, Beraterin für Menschen mit Essstörungen in der Beratungsstelle Schneewittchen des SOS-Kinderdorfs Augsburg, erklärt: „Zwillinge haben tatsächlich häufiger Essstörungen, um sich von anderen abzugrenzen und eine eigene Identität zu haben.“

„Am Anfang habe ich einfach Mahlzeiten weggelassen. Irgendwann kreisen alle Gedanken nur um das Essen. Wie viel Kalorien hat was? Ich habe angefangen alles abzuwiegen. Außerdem habe ich viel Sport gemacht und war eigentlich immer in Bewegung. Das ging so weit, dass ich mich beim Sitzen  nicht einmal mehr angelehnt habe“, beschreibt Lena die Anfänge der Essstörung. Sie redet sich ein, dass sie für jede weggelassene Mahlzeit mehr Zeit zum Lernen hat. Freunde meidet sie, damit das Thema Essen nicht aufkommt. Dann treten körperliche Symptome der Mangelernährung auf: Haarausfall, brüchige Nägel, Kreislaufprobleme, schlechte Blutwerte, Herzrhythmusstörungen. Ganz alltäglich Dinge, wie die Treppe zum Klassenzimmer im ersten Stock hoch zu gehen, werden eine riesige Hürde. „Ich musste mich alle paar Stufen hinsetzen und ausruhen, weil mir schwarz vor Augen wurde“, meint sie.

„Ich bin noch nicht krank genug. Ich lebe ja noch.“

Abnehmen

Lena versucht viele verschiedene Therapien, unter anderem ist sie mehrmals in essstörungsspezifischen Wohngruppen. Doch auch diese sind nicht das Richtige für die junge Frau – nicht ungewöhnlich meint Carmen Frauenholz. „In der essstörungsspezifischen Wohngruppe geht es den ganzen Tag um Essstörungen und das kann sowohl positiv als auch negativ wirken. Wenn man schon so viele Therapien durchgemacht hat, dann möchte man verständlicherweise irgendwann auch einmal Abstand von diesem Thema und ein wenig Normalität zurück.“

Fünf Jahre und vier Krankenhausaufenthalte später hat Lena kaum noch soziale Kontakte: „Die Anorexie war meine zuverlässigste Freundin. Sie gab mir Sicherheit.“ Aufhören kommt für sie nicht infrage: „Mein typischer Gedanke war: Ich bin noch nicht krank genug. Ich lebe ja noch.“ Als sie das fünfte Mal ins Krankenhaus kommt und ihr Vater psychisch nicht mehr in der Lage ist, sie zu besuchen, realisiert sie, was sie nicht nur sich, sondern auch ihrer Familie antut. „Er hatte mich angerufen und so sehr geweint. Für ihn war es einfach unverständlich, wie ich mir das antun konnte“, erzählt sie.

Die richtige Therapie

Lena möchte gesund werden, aber auf keinen Fall mehr in ein Krankenhaus oder eine Wohngruppe. Sie beginnt eine ambulante Therapie mit strenger Alltagsbegleitung. In der Alltagsbegleitung von SOS-Kinderdorf Augsburg kochen Carmen Frauenholz und Lena gemeinsam, machen Ausflüge, Fahrradtouren und kümmern sich um Organisatorisches. „Durch die Alltagsbetreuung habe ich mich nicht mehr alleine gefühlt. Ich wusste, dass jemand da ist, der zum Beispiel mit mir Formulare ausfüllt, aber auch Themen bespricht, die mich aktuell beschäftigen“, meint Lena.

Heute eineinhalb Jahre nach dem Höhepunkt ihrer Krankheit wohnt Lena mit ihrem Partner zusammen, studiert an der Musikhochschule in Augsburg, ist eine erfolgreiche Cellospielerin und hat schon einige Wettbewerbe gewonnen: „Für mich war es total wichtig, gesund zu sein für die Musik. Es gibt immer etwas, wofür es sich lohnt gesund zu werden und zu kämpfen.“

*Der Name wurde zum Schutz der Privatsphäre geändert. Die Abbildungen zeigen nicht die reale Person.