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Psychologin Johanna Schneider SOS-Kinderdorf Bremen
Interview mit Psychologin Johanna Schneider

„Geschwister geben Nähe und Sicherheit“

„Geschwister sind eine wichtige Ressource für Kinder“, sagt Psychologin Johanna Schneider* vom SOS-Kinderdorf Bremen. Gerade in Extremsituationen, wie zum Beispiel während einer Inobhutnahme, geben sie einander Stabilität und können helfen, Traumata besser zu verarbeiten.

Frau Schneider, was genau geht in einem Kind vor, das in Obhut genommen wird?

Gerade am Anfang einer solchen Maßnahme sind die Kinder sehr verunsichert. Sie fragen sich, was jetzt passiert, wie es weitergeht und was mit Mama und Papa ist. Auch erleben viele eine Art Kontrollverlust. Für sie fühlt es sich an, als hätten sie nicht mehr in der Hand, was um sie herum geschieht. Und gerade die Kinder, die es irgendwie geschafft haben, selber auf ihre Situation aufmerksam zu machen, fühlen sich oft auch schuldig. Sie fragen sich zum Beispiel, ob ihre Eltern jetzt sauer sind oder ob sie Schuld daran sind, dass ihre Geschwister unter der Situation leiden. Insgesamt ist es erstmal ein ganz ordentliches Paket für die Kinder.

Erleichterung darüber, dass sie erstmal von ihrem Elternhaus mit seinen Problemen weg sind, empfinden diese Kinder nicht?

Das könnte man meinen, aber gerade am Anfang ist das oft nicht so. Man muss bedenken: Die meisten Kinder aus schwierigen Verhältnissen kennen nichts anderes als ihre bisherige Situation und haben mit der Zeit Strategien entwickelt, sie auszuhalten. Für sie ist das Unbekannte da erstmal schlimmer. Lediglich ältere Kinder, die ihre Situation schon stärker reflektieren können und mitbekommen haben, dass es bei anderen Kindern zu Hause anders läuft, fühlen vielleicht so etwas wie Erleichterung. Bei den anderen tritt das erst im Laufe der Zeit ein, wenn sie merken, dass ihnen während der Inobhutnahme nichts passiert und sie außerhalb des Elternhauses zur Ruhe kommen können.

Wie hilft es bei einer solchen Grenzerfahrung, wenn Geschwister zusammen bleiben können?

Das ist natürlich unterschiedlich und kommt auch auf die Dynamiken in den Geschwistergruppen an. Aber in den allermeisten Fällen sind Geschwister ein stabilisierender Faktor und damit eine wichtige Ressource für die Kinder. Mit den Geschwistern haben sie jemanden an ihrer Seite, der das gleiche erlebt hat und weiß, was zu Hause alles passiert ist. Geschwister sind vertraut, geben Nähe und Sicherheit. Auch hilft es den meisten Kindern zu wissen, wo die Geschwister sind und dass es ihnen gut geht. Werden Kinder während einer Inobhutnahme getrennt, ist das für sie meist sehr beängstigend.

Warum ist das so?

Bevor Kinder in Obhut genommen werden, ist oft viel passiert: Gewalt oder Vernachlässigung durch die Eltern zum Beispiel. Geschwister übernehmen in solchen Situation oft viel Verantwortung füreinander, versorgen sich und kümmern sich darum, dass es allen gut geht. Auf einmal nicht mehr genau zu wissen, wo die Geschwister sind und was mit ihnen passiert, löst in Kindern große Sorgen aus. Gerade kleineren Kindern fehlt ja oft auch eine Vorstellung dafür, wo ihre Geschwister sein könnten.

Kann es dennoch manchmal sinnvoll sein Geschwister während einer Inobhutnahme zu trennen?

Es gibt natürlich auch Geschwisterbeziehungen, bei denen zumindest eine Trennung auf Zeit sinnvoll sein kann. Wenn zum Beispiel die Geschwisterrivalität zu groß ist oder die Kinder schädliche Muster, die sie von zu Hause mitbringen, untereinander wiederholen. Aber auch in solchen Fällen ist es wichtig, dass die Kinder trotz räumlicher Trennung weiter Kontakt miteinander halten. Während einer Inobhutnahme wird ja auch versucht, Kontakt zu Eltern oder Freunden zu ermöglichen. Die Kinder sollten nie völlig von ihrem alten Leben abgeschnitten sein und Geschwister sind da ein wichtiger Faktor.

Knapp 40 Prozent aller Kinder kehren nach einer Inobhutnahme wieder zurück zu ihren Familien. Hilft es hier bei der Wiedereingewöhnung, wenn Geschwister ihre Inobhutnahmezeit gemeinsam verbracht haben?

Ja, schon. Denn zum einen entwickelt sich ja jedes Kind während dieser Zeit weiter. Es kann zum Beispiel sein, dass eines der kleineren Kinder auf einmal deutlich mehr spricht und viel präsenter ist. Da ist es für die älteren dann schon einfacher, wenn sie diesen Entwicklungsschritt von Anfang an miterlebt haben und sich daran gewöhnen konnten. Zum anderen haben Geschwister so auch  gemeinsame Erinnerungen und können über eine gemeinsam erlebte Zeit sprechen. Denn die Frage, ob und wie man über eine Inobhutnahme spricht, beschäftigt Familien oft noch sehr lange. Aber sie zu verschweigen, halte ich für die schlechteste Lösung. Denn Kinder brauchen Erklärungen.

*Johanna Schneider ist Diplom-Psychologin und arbeitet im Fachdienst des SOS-Kinderdorfs Bremen. Hier ist  auch für die Kinder, die während einer Inobhutnahme im Geschwisterhaus unterkommen zuständig und steht außerdem den pädagogischen Mitarbeitern der Einrichtung bei Fragen im Umgang mit den Kindern zur Verfügung.





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