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Wohnungs- und obdachlose Jugendliche in Deutschland
Wohnungslosigkeit in Deutschland

Nirgendwo Zuhause

Einfach nur noch raus, weg von den Eltern, der Familien und allen Problemen: Bis Jugendliche es nicht mehr zu Hause aushalten, ist meist viel vorgefallen. Etwa 37.000 junge Menschen unter 27 Jahren, das schätzen Experten sind in Deutschland obdach- oder wohnungslos. Das heißt, sie leben entweder ständig auf der Straße oder kommen zeitweise bei Freunden, Bekannten und Verwandten unter. Zuhause waren sie ständigen Konflikten ausgesetzt, wurden vernachlässigt oder hatten Gewalt erfahren.

Mit dem Leben ohne festen Wohnsitz geht für die meisten Jugendlichen ein Leben ohne Perspektiven einher. Und weil viele von ihnen zumindest gelegentlich ein Dach über dem Kopf haben, fallen sie im Straßenbild nur selten auf. Ohne feste Strukturen, Ausbildung oder Arbeit und entsprechende Hilfsangebote verlieren die jungen Menschen immer mehr den Anschluss zu Gleichaltrigen – und damit die Chance auf einen Neuanfang.

Die Corona-Krise verschärfte die Lage dieser jungen Menschen noch zusätzlich. Denn Ausgangsbeschränkungen, Kontaktreduzierungen und Hygienemaßnahmen sind ohne festen Wohnsitz so gut wie nicht einzuhalten. Dazu brachen viele Unterstützungsstrukturen von heute auf morgen weg. Mehr denn je waren die Jugendlichen auf sich alleine gestellt.

SOS-Kinderdorf setzt sich ein, um diesen jungen Menschen zu helfen. An den Standorten Saarbrücken und Freiburg betreibt SOS-Kinderdorf verschiedene Angebote, die ganz auf die Bedürfnisse junger Obach- und Wohnungsloser zugeschnitten sind. Diese reichen von Streetwork, über Anlaufstellen bis hin zu Ausbildungs- und Wohnprojekten. Ziel ist es, den jungen Menschen Auswege aus ihrer Situation zu zeigen und sie auf dem Weg in eine Zukunft zu begleiten. Denn jeder Mensch verdient ein Zuhause.

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32000

Kinder und Jugendliche waren 2018 laut Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe deutschlandweit ohne feste Bleibe.

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16

Im Durchschnitt schlafen obdachlose Jugendliche mit 16 Jahren zum ersten Mal auf der Straße.

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der betroffenen Jugendlichen nutzen Beratungsangebote.

Hilfe für wohnungslose Jugendliche


Interview mit Christel Kohls, Teamkoordinatorin im Jugenddienst des SOS-Kinderdorf Saarbrücken

Was ist der Unterschied zwischen wohnungslosen und obdachlosen Jugendlichen?

Christel Kohls: Als wohnungslose Jugendliche bezeichnen wir Jugendliche, die keinen eigenen Wohnraum haben, z. B. weil sie aus dem Elternhaus rausfliegen oder selbst gehen, und in der Regel bei Freunden unterkommen. Und obdachlose Jugendliche sind für uns Jugendliche, die tatsächlich auf der Straße leben, z. B. in Abrisshäusern, unter Brücken oder in Hausnischen. Das kommt bei jungen Erwachsenen eher weniger vor, da sie meist ein gutes soziales Netzwerk haben und bei Freunden unterkommen können.

Was sind die Gründe, wenn Jugendliche von zuhause flüchten?

Christel Kohls: Es gibt Jugendliche, die sehr schlechte Bedingungen zuhause haben – wenig Wohnraum, eine große Familie, Stress zwischen den Eltern. Wenn Eltern drogen- oder alkoholabhängig sind, muss ein Kind aber auf jeden Fall raus von Zuhause, um nicht in das gleiche Muster zu fallen. Weitere Gründe können aber auch traumatische Erlebnisse sein – Psychoterror der Eltern. Manche Eltern sperren ihre Kinder ein, schließen die Küche ab, kontrollieren ihre Kinder zwanghaft bis dahin, dass sie Handys und Kontakte kontrollieren – das haben wir schon sehr oft.

Nicht immer sind aber die Eltern Schuld. Es kommt auch vor, dass die Jugendlichen an dieser Situation die Hauptverantwortung tragen, wenn beispielsweise Aggressionen oder Drogen im Spiel sind. Es gibt Fälle, in denen Eltern zum Beispiel jüngere Geschwister schützen wollen.

Warum konnte das Jugendamt hier nicht im Vorfeld helfen?

Christel Kohls: Viele suchen einfach nicht den Kontakt zum Jugendamt. Aber es gibt auch Jugendliche, die selbst zum Jugendamt gehen. Oft wird bei Problemen eine Erziehungsbeistandschaft in die Familie geschickt. Während diese Person da ist, scheint die Situation in Ordnung, aber wenn nicht, bricht oftmals alles wieder zusammen.

Welche Problemlagen haben die Jugendlichen?

Hinter der Wohnungslosigkeit verbergen sich ganz viele andere Probleme. Das können Schulden sein, ein Strafregister, gegebenenfalls steht eine Inhaftierung an, Drogen- und Alkoholprobleme.

Wie lange dauert es bis die jungen Menschen aus der Wohnungslosigkeit herausfinden?

Wie gut die jungen Erwachsenen aus ihrer Situation herausfinden ist ganz unterschiedlich. Wir haben aber schöne Erfolge mit jungen Menschen, bei denen sich schnell positive Entwicklungen zeigen. Manche kommen aber schon jahrelang zu uns, machen einen Schritt vor und einen oder mehrere zurück. Sie stecken in einem Teufelskreis, der schwer zu durchbrechen ist. Manche Prozesse dauern sehr lange. Wir beschreiben das immer als den Weg des langen Atems. Und auch nach Rückschritten sind wir immer da. Wir haben schon immer die Haltung: „Du kannst jederzeit wiederkommen, auch wenn du mal irgendwo gescheitert bist.“