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Chris, besucht Angebote für Wohnungslose im SOS-Kinderdorf Saarbrücken
Jugenddienst im SOS-Kinderdorf Saarbrücken

Eine Ersatzfamilie für obdachlose Jugendliche

Wenn Chris* an seine Zukunft denkt, dann wünscht er sich vor allem eines: Seinen Sohn wiederzusehen, ihm ein richtiger Vater zu sein und vielleicht auch sein zerbrochenes Familienleben wieder zu kitten.

Chris ist 25 Jahre alt, wirkt aber älter. In seinem Leben hat er schon viel mitgemacht: Schulprobleme, Jobverluste  Drogen- und Alkoholsucht und immer wieder Phasen, in denen er nicht wusste, wie es mit seinem Leben weitergehen sollte.  

„Ich habe versucht, alles irgendwie auf die Reihe zu kriegen.“

Chris, 25 Jahre alt

Erst die Geburt seines Sohnes vor zwei Jahren gab dem jungen Mann so etwas wie eine Perspektive: „Ich habe versucht, alles irgendwie auf die Reihe zu kriegen“, erzählt er. Doch er und seine Freundin stritten viel. Als sie schließlich auszog und den Sohn mitnahm, fiel Chris in ein tiefes Loch. Er selber sagt heute: „Das war der Moment, ab dem ich wieder in den Sumpf gerutscht bin.“ Von da an wuchs Chris das Leben nach und nach wieder über den Kopf. Er verlor erst seinen Job und schließlich die Wohnung. Seitdem schläft der 25-Jährige auf der Straße oder bei Freunden auf dem Sofa.

Geschichten, wie die von Chris, kennt Christel Kohls viele. Die Sozialpädagogin leitet den Jugenddienst des SOS-Kinderdorf Saarbrücken, eine Anlaufstelle für obdach- und wohnungslose** Jugendliche im Alter zwischen 14 und 27 Jahren. „Bei den meisten, die hierher kommen, sind ganz viele Themen aufzuarbeiten“, sagt sie. Konflikte mit den Eltern, Suchtprobleme und finanzielle Schwierigkeiten seien mit die häufigsten Gründe, warum schon junge Menschen kein Zuhause mehr hätten, erzählt die Pädagogin.

„Wir sind für die Jugendlichen wie eine Ersatzfamilie.“

Christel Kohls, Sozialpädagogin im Jugenddienst des SOS-Kinderdorf Saarbrücken

Seit der Gründung des Jugenddienstes in den 90er Jahren hat sich das Angebot ständig weiterentwickelt. Heute besteht es aus einem offenen Treff, Beratungsangeboten und der Arbeit auf der Straße, bei der Mitarbeiter des Dienstes obdachlose Jugendliche aufsuchen und ihre Hilfe anbieten. „Wir sind für die Jugendlichen wie eine Ersatzfamilie“, fasst Kohls zusammen, was den Jugenddienst so besonders macht.

Untergebracht ist die Einrichtung im Erdgeschoss eines normalen Wohnhauses in Saarbrücken. Es gibt einen Kicker, einen großen Esstisch und einen Hinterhof mit Grill und Sitzgelegenheiten. Den Jugendlichen soll es leicht gemacht werden vorbeizukommen, und sie sollen sich wohlfühlen. Oftmals ergibt sich so aus einem lockeren Gespräch im offenen Treff ein Termin für ein Beratungsgespräch und damit vielleicht ein erster Schritt in ein neues Leben.

Ein eigenes Angebot nur für wohnungs- und obdachlose Jugendliche sei wichtig, erklärt Kohls. „Denn das pädagogische Ziel bei den Jüngeren ist ein anderes“, sagt sie. „Bei ihnen ist die Chance am größten, ihrem Leben nochmal eine Wende zu geben und die Straßenkarriere früh zu beenden. Viele Erwachsene haben sich dagegen schon mit dem Leben auf der Straße arrangiert.“

„Der Jugenddienst hat mir geholfen, nach und nach meine Probleme aufzuarbeiten.“

Chris

Viele Wohnungslose erfahren durch Freunde oder Verwandte vom Jugenddienst. So auch Chris, der über einen Verwandten zur Anlaufstelle kam. Seitdem schaut er mehrmals in der Woche vorbei. „Der Jugenddienst hat mir geholfen, nach und nach meine Probleme aufzuarbeiten“ erzählt er. So haben ihn die Mitarbeiter zum Beispiel dabei unterstützt Arbeitslosengeld zu beantragen und ihn auch an einen Suchttherapeuten vermittelt. Bald will Chris auch wieder arbeiten, als Gerüstbauer zum Beispiel. „Etwas, wo ich mich auspowern kann“, sagt er hoffnungsvoll.

Es sind kleine Schritte, wie sie für jemanden in Chris‘ Situation ganz typisch sind. Und nicht immer führen diese auf geradem Weg zum Ziel, das wissen auch Christel Kohls und ihr Team. „Wir nennen das den Weg des langen Atems. Natürlich gibt es bei vielen Jugendlichen auch Rückschritte. Aber unsere Haltung ist: Du kannst jederzeit wiederkommen, auch wenn du mal gescheitert bist“, sagt Kohls.

Beratung von wohnungslosen jungen Menschen im SOS-Kinderdorf Saarbrücken

Die SOS-Mitarbeiter im Jugenddienst des SOS-Kinderdorf Saarbrücken unterstützen Chris dabei Arbeitslosengeld zu beantragen und vermittelten ihn an einen Suchttherapeuten.

„Ich will mir ein Familienleben aufbauen, wieder eine Wohnung haben und mit beiden Beinen im Leben stehen.“

Chris über seine Zukunft

Umso lieber erzählen die Mitarbeiter des Jugenddienstes von den kleinen und großen Erfolgsgeschichten, die das Angebot mit den Jahren hervorgebracht hat. Von der jungen Frau zum Beispiel, die früher alkohol- und drogenabhängig auf der Straße lebte. „Die konnte innerhalb eines halben Jahres ihre Sucht in den Griff bekommen und eine Wohnung beziehen. Heute hat sie Arbeit und eine eigene kleine Familie“, erzählt Kohls. „Oder der junge Mann, der damals noch nicht einmal den Hauptschulabschluss hatte, mir aber immer davon vorgeschwärmt hat, wie gerne er Chemie studieren würde.  Auch der hat es, trotz allem, geschafft, hat erst das Abitur und dann seinen Uniabschluss gemacht.“

Auch für Chris gibt es inzwischen einen Lichtblick. Die Mutter seines Kindes und er haben sich in den vergangenen Monaten wieder etwas angenähert. Mehrmals durfte er seinen Sohn inzwischen sehen. Für ihn eine zusätzliche Motivation, weiter zu kämpfen, für sich und für seinen großen Zukunftswunsch: „Ich will mir ein Familienleben aufbauen, wieder eine Wohnung haben und mit beiden Beinen im Leben stehen.“

*Name zum Schutz der Privatsphäre geändert

** Obdachlose Jugendliche haben keine fest Bleibe und wohnen auf der Straße. Wohnungslose Jugendliche hingegen wohnen bei Freunden, Verwandten, haben aber keinen festen Wohnsitz.

Wohnungslos: Wie Chris neue Hoffnung schöpft