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Eltern- und Familienberatung SOS-Kinderdorf
Tipps für Familien

Überlastung von Familien

Karen Silvester ist Referentin für Kinderfragen bei SOS-Kinderdorf und Systemische Familientherapeutin. Sie erklärt woran Eltern eine Überlastung bei sich selbst oder anderen erkennen können und was sie dagegen tun können. 

Überlastung ist nicht erst seit der Corona-Krise ein Thema. Woher kommt diese hohe Belastung und auch Überlastung der Familien?

Karen Silvester: Gerade „Belastung" oder Überlastung ist etwas sehr Individuelles. So individuell wie es Familienformen gibt. Was klar zu beobachten ist: Die Belastungsfaktoren für Familien haben eine große Bandbreite bekommen. Ein-Eltern-Familien haben andere Themen als komplexe Patchwork­ oder Regenbogenfamilien.

Familie und Beruf lassen sich in den alten Mustern nicht mehr gut verbinden. Nur sehr langsam entwickelten sich Strukturen, durch die Familien entlastet wurden. Kinder und Familie so zu leben, dass keiner überlastet ist – das ist nach wie vor schwierig: Vollzeit-Arbeitszeiten, die nicht mit den Öffnungszeiten der Kitas übereinstimmen, fehlende Ganztagesplätze an Schulen, die Anzahl der Urlaubstage im Vergleich zu den Schulferien, etc.

Welche weiteren Faktoren spielen bei familiärer Überlastung eine Rolle?

Karen Silvester: Ich möchte erst mal über Belastung sprechen: Die Grundthemen sind Konflikte in der Beziehung, finanzielle Sorgen, zu enger Wohnraum, Erkrankungen, fehlende Unterstützersysteme, Unsicherheit in der Elternrolle und eben Doppelbelastungen durch Arbeit mit damit verbundenen dauerhaften Stresspegel.

Zur Überlastung kommt es erst, wenn der Ausgleich zur Anspannung und Belastung fehlt. Belastung halten wir eine ganze Weile aus – Überlastung hingegen führt irgendwann zu ernsthaften Erkrankungen.

Was passiert, wenn Familien dauerhaft überlastet sind?

Karen Silvester: Das Problem ist, dass wir lange Zeit halten Überlastung für normal halten. Wir funktionieren einfach. Irgendwann ist unsere Stresskurve am Anschlag. Dann gönnen wir uns eine Mini-Auszeit, gehen in die Sauna oder machen einen Wochenend-Tripp. Dadurch fühlt man sich zwar entspannter, die Entspannung geht aber nicht mehr auf „ Normal­ Null" zurück. Wir haben also immer weniger Puffer. Wenn dann noch etwas unerwartet oben draufkommt – wie Homeschooling – bricht das System zusammen.

Eine ganze Weile sendet unser Körper Warnzeichen: Anfälligkeit für Infekte, Schlafprobleme, Kopfschmerz, Magen-Darm-Probleme, Herzbeschwerden, Rückenschmerz, etc. Wenn wir diese Warnsignale nicht ernst nehmen, kann es zu schweren psychischen Erkrankungen, wie Depressionen oder Substanzmittelmissbrauch, kommen.

Gibt es frühe Warnzeichen?

Karen Silvester: Unser Körper gibt nicht nur Warnzeichen, er würde uns auch sagen, was uns guttut. Aber, im „Ich muss alles schaffen"- Funktionsmodus überhören wir das zu oft. Frühe Warnzeichen sind das anhaltende Gefühl, sich zu sehr zu verausgaben, kein Interesse mehr an Hobbys zu haben, sich nicht mehr mit anderen Menschen treffen zu wollen, das Gefühl der inneren Leere und Zerrissenheit, anhaltende Müdigkeit, Antriebslosigkeit, verstärkter Konsum von Alkohol und Zigaretten, Rückzug, eine erhöhte Reizbarkeit. Die Liste ist lang und individuell.

Was können Eltern tun, wenn sie Warnsignale bei sich selbst oder ihrem Partner wahrnehmen?

Karen Silvester: Interessanterweise bemerken oftmals andere vertraute Menschen, dass etwas nicht stimmt. Das ist nicht unbedingt der Partner. Viele Partnerschaften funktionieren in Alltagsroutinen gut. „Bringst du die Kartoffeln mit - ich hol die Kinder ab".

Freunde bemerken vielleicht, dass man immer wieder kurzfristig Verabredungen absagt.Partner bemerken vielleicht, dass der andere schweigsamer wird oder nur teilnahmslos in Gesprächen ist. Ein Anzeichen kann auch sein, dass es schwer fällt Entscheidungen zu treffen oder kleine Probleme plötzlich als unlösbar erscheinen. Auch in der Arbeit kann es auffallen: Konzentrationsschwierigkeiten, Fehler, Streitlust - oder andere Wesensveränderungen.

Kinder haben für so etwas feine Sensoren. Sie erleben überlastete Eltern als nicht gut berechenbar. Was eben noch lustig war, mündet in einen Wutausbruch. Diese emotionale Unberechenbarkeit ist für Kinder schwer auszuhalten. Sie entwickeln dann selber Symptome wie Rückzug oder Rebellion.

Sobald Anzeichen für Überlastung über ein paar Wochen anhalten braucht es unbedingt ein „Wachrütteln". Ob das eine  Freundin, ein Freund, Eltern oder Partner sind. Selbst gesteht man es sich nicht so leicht ein.

Haben Sie Sofort-Tipps für Eltern, um diese Herausforderungen mental gut zu bewältigen?

So banal es klingt: Allein mit der Konzentration auf unseren Atem können wir unseren Stresspegel beeinflussen. Atem steht uns jeder Zeit zur Verfügung und ist ein Anker in turbulenten Zeiten. Alle Aufmerksamkeit auf den Atem zu legen beruhigt Körper und Geist. Es gibt dazu hilfreiche Apps, die an kurze Atemmeditationen oder Übungen erinnern.

Rückzugsort und Zeitinseln schaffen: Auch wenn man sich räumlich nicht aus dem Weg gehen kann – 15 Minuten mit einem Hörbuch, Lieblingsmusik oder Meditation auf Kopfhörern schaffen Abstand zu Stress und Herausforderungen. 

Auch wenn es sich anders anfühlt: Sie sind nicht alleine mit Ihren Sorgen und Schwierigkeiten. Es gibt nach wie vor Unterstützungssysteme, die Sie nutzen können.