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Carmen Frauenholz SOS-Kinderdorf Augsburg
Schneewittchen: Beratung bei Essstörungen

Interview mit Carmen Frauenholz

Wie erkennt man eine Essstörung und was tun, wenn Freunde oder Familienangehörige betroffen sind? Carmen Frauenholz, Sozialpädagogin, Familientherapeutin, Beraterin für Menschen mit Essstörungen in der Beratungsstelle Schneewittchen, gibt auf diese und weitere Fragen hilfreiche Antworten.

Wie können Familie und Freunde eine Essstörung erkennen?

C. Frauenholz: Im ersten Schritt durch eine Gewichtsabnahme. Oft werden zuerst Süßigkeiten weggelassen. Man merkt, die Gedanken der Person drehen sich viel ums Essen. Es geht ständig darum Kalorien einzusparen. Es geht nicht mehr um Hunger und Sättigungsgefühl. Des Weiteren machen viele Betroffenen viel Sport. Dabei geht es nicht mehr um den Spaß am Sport, sondern darum Kalorien zu verbrennen. Die Betroffenen ziehen sich zurück, sind depressiv, schlecht gelaunt und gereizt. Die Bulimie erkennt man am Erbrechen, allerdings bekommen Angehörige teilweise lange Zeit nichts davon mit. Wenn Eltern aber zum Beispiel bemerken, dass es auf der Toilette öfter nach Erbrochenem riecht, dann wäre das ein Zeichen für eine Bulimie.

Was können neben beispielsweise Zeitschriften und dem Internet Auslöser für eine Essstörung sein?

C. Frauenholz: Was auch eine Rolle spielt ist die Familie. Wie gehen die Eltern mit ihrem Körper um? Es gibt viele erwachsene Frauen, die stark unter dem Schlankheitsdiktat stehen und eine Diät nach der anderen machen. Das wirkt sich auch auf die Kinder aus und gerade in jungen Jahren orientieren sich Kinder sehr stark an ihren Eltern.

Sind Shakes, die oftmals von Influencern beworben werden, für Jugendliche geeignet?

C. Frauenholz: Nein, eine natürliche und ausgewogene Ernährung ist das Beste, was ein Kind essen kann. Eltern sollten ihre Kinder darüber aufklären, dass diese Influencer von der Industrie für Werbung bezahlt werden und diese Produkte nicht unbedingt gut finden müssen.

Wie viel Sport noch gesund?

C. Frauenholz: Mit dieser Frage hat sich auch schon der Bundesfachverband für Essstörungen beschäftigt. Da es schwer ist hier eine Zahl zu nennen, hat man sich geeinigt das anders zu definieren: Wenn Sport noch Spaß macht, dann ist er gesund. Wenn man sich zum Sport aber zwingt, selbst wenn man wirklich erschöpft oder sogar krank ist, einzig und allein um Kalorien zu verbrennen, dann hat das nichts Gesundes und Gutes mehr. Manchmal seinen inneren Schweinehund überwinden zu müssen, ist natürlich noch nicht krankhaft.

Was könnten Influencer besser machen?

C. Frauenholz: Wir brauchen Influencer, die ein reales Bild vermitteln – du bist gut so wie du bist – und die von Jugendlichen als authentisch wahrgenommen werden. Es gibt eine ganz breite Spanne von Körperformen und Gewichtsbereichen, die in Ordnung ist. Auch ein BMI (Body-Mass-Index) über 25 kann noch gesund sein. Erst wenn das Körpergewicht in einen Bereich geht nach oben oder unten, der nicht mehr gesund ist, sollte man etwas ändern.


„Bei anderen Süchten kann man den Suchtstoff weglassen. Das Essen kann man nicht weglassen.“

Carmen Frauenholz, Beraterin für Menschen mit Essstörungen

Wenn bei einem Familienmitglied, Freund, etc. eine Essstörung vermute, wie verhalte ich mich?

C. Frauenholz: Die Wahrheit ist der größte Feind einer jeden Sucht. Es ist immer gut, die Augen nicht zu verschließen, sondern den Betroffenen anzusprechen. Ich würde das immer unter vier Augen machen. Es ist nicht gut, wenn mehrere auf den Betroffenen einreden. Man könnte dem Betroffenen  seine Beobachtungen schildern, sagen, dass man sich Sorgen macht und nachfragen, was los ist. Da es viel Überwindung kostet über eine Essstörung zu sprechen, ist Verständnis das wichtigste. Und am besten ist es, wenn man dann anbietet zusammen zur Beratungsstelle zu kommen. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass der Betroffene erst einmal nicht so offen reagiert. Dann sollte man denjenigen immer wieder mal mit viel Feingefühl darauf ansprechen, aber nicht zu aufdringlich werden.

Kann man als Freund oder Familie den Betroffenen selbst retten?

C. Frauenholz: Ich bin der Meinung, dass man sich professionelle Hilfe holen muss. Eine Essstörung kann man nicht selbst heilen. Dafür ist die Erkrankung viel zu schwerwiegend. Es geht nicht nur darum, wieder richtig essen zu lernen, sondern auch herauszufinden, was die Essstörung ausgelöst hat. Das können ganz unterschiedliche Gründe sein, wie familiäre Gründe, ein Mangel an Selbstliebe und Selbstakzeptanz oder sogar eine genetische Veranlagung für Suchterkrankungen. Wenn man gesund werden möchte, muss man die Ursachen der Essstörung bearbeiten.

Wie geht es weiter, wenn Angehörige oder Betroffene zu Ihnen kommen?

C. Frauenholz: Wir vereinbaren einen Beratungstermin und machen uns ein Bild davon wie stark die Essstörung ausgeprägt ist und was die Gründe sind. Zusammen mit den Betroffenen erarbeiten wir dann einen Weg aus der Essstörung, ob beispielsweise eine ambulante Therapie oder doch ein Klinikaufenthalt besser ist. Wenn die Angst vor einer Therapie noch zu groß ist, ist es unsere Aufgabe die Therapieängste zu verringern.

Wie verschafft man sich ein realistisches Bild von der Krankheit, wenn man mit dem Betroffenen spricht?

C. Frauenholz: Das ist sehr unterschiedlich. Betroffene, die von den Eltern zu uns „geschleppt“ werden, untertreiben meistens und sehen auch nicht, dass sie krank sind. Hier geht es dann wirklich darum langsam eine Krankheitseinsicht zu erarbeiten und den Betroffenen zu vermitteln, dass eine Essstörung eine schwere ernstzunehmende Erkrankung ist, an der jede sechste Betroffene stirbt.

Es gibt aber auch Menschen, die sich nicht sicher sind, ob sie eine Essstörung haben, und das abklären wollen. Und manche Betroffenen sind sich dessen Bewusst, dass sie an einer Essstörung leiden und suchen aktiv Hilfe. Das ist natürlich die beste Voraussetzung für uns.

Wie lange dauert eine Therapie im Schnitt?

C. Frauenholz: Der durchschnittliche Heilungsweg ist zwischen drei und fünf Jahren. Das ist eine lange Zeit. Die Eltern unserer Elterngruppe sind dann immer geschockt und denken, dass doch bereits nach drei Monaten eine Besserung eingesetzt haben sollte. Allerdings muss man das Verhalten ändern. Man muss Dinge, oft auch traumatische Erlebnisse, aus der Vergangenheit aufarbeiten – und das dauert. Was die Essstörung an dieser Stelle auch von anderen Süchten abhebt: bei anderen Süchten kann man den Suchtstoff einfach weglassen, beispielsweise bei der Alkohol- oder Drogensucht. Das Essen kann man nicht weglassen. Man muss die Angst vor dem Essen abbauen, sich Schritt für Schritt an eine genussvolle Ernährung annähern und wieder auf sein Körpergefühl hören. Jeder, der wirklich möchte, findet seinen Weg gesund zu werden.