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Eltern im Home Office
Eltern im Home-Office

Home-Office und Kinder – kann das klappen?

Viele Eltern müssen derzeit das Unmögliche möglich leisten: Kinderbetreuung und Home-Office miteinander verbinden. Nicola Becker, Redakteurin bei SOS-Kinderdorf,  hat viele Jahre im Home-Office gearbeitet – bedingt durch die Corona-Krise jetzt wieder. Sie verrät ihre Erfahrungen, Tipps und Herausforderungen.

Nicola, wie geht es dir im Home-Office?

Hier läuft es soweit gut, mittlerweile hat sich alles eingependelt. Ich habe jedoch den großen Vorteil, dass meine Töchter mittlerweile 11 und 16 Jahre alt sind und sich somit über einen längeren Zeitabschnitt alleine beschäftigen können. Das genieße ich sehr, denn das war früher anders.

Was ist deines Erachtens am Wichtigsten, wenn man Kinderbetreuung und Arbeit unter einen Hut bringen muss?

Struktur. Am wichtigsten ist ein klarer Zeitplan. Schon jüngere Kinder können beispielsweise mithilfe einer Eieruhr lernen, wie lange die Mama nicht gestört werden kann – außer es passiert natürlich ein Notfall.

Wie sieht dein Tagesablauf aus?

Ich stehe zwei Stunden vor den Mädchen auf, checke E-Mails, scanne und erledige die wichtigsten ToDos. Dann frühstücken wir gemeinsam und planen den Tag. Wir gehen gemeinsam die Lernvorgaben der Schule durch und überlegen, ob das alleine machbar ist oder ob es dazu YouTube-Erklärvideos gibt, etc. Dann lernen die Mädchen ungefähr zwei Stunden und toben sich im Nachhinein selbständig aus. Die Große geht alleine joggen, die Kleine hüpft im Garten Trampolin. Einen Garten zu haben ist ein großes Privileg. Dann essen wir zu Mittag, besprechen weitere Lern-ToDos. Die Große telefoniert dann mit Freunden, die Kleine ist kreativ oder bastelt – so dass ich gut auf sieben Stunden Arbeitszeit pro Tag komme – wie im Büro auch.

Früher, als deine Töchter kleiner waren, war das bestimmt anders?

Als sie noch jünger waren, musste ich mich nach ihren Schlafenszeiten richten. Morgens früher aufstehen, dann die Mittagsschlafenszeit nutzen und kaum waren die Mädchen im Bett: PC an. Manchmal konnte ich aber auch noch tagsüber ein bis zwei Stunden arbeiten, wenn die Mädchen einen Film angeschaut haben oder ihre Lieblingsserien auf KIKA.

Das hat teilweise echt an den Nerven gezehrt: außer 100 Prozent im Job und 100 Prozent für die Kinder gab es nichts.

Welche Lehren hast du daraus gezogen?

Damals habe ich gelernt, die Perfektion herunterzuschrauben. Man kann in solchen Zeiten nicht allem gerecht werden. Dann leidet eben mal der Haushalt. Und ja, auch der Partner muss zurückstecken. Und man selbst. Aber es geht vorbei.

Ich habe allerdings immer einen Vorteil gehabt: ich konnte mir meine Zeit weitestgehend frei einteilen. Es gab eventuell ein oder zwei Telefontermine pro Tag zu festen Zeiten, ansonsten war ich flexibel.

Im Internet sieht man lustige Fotos von total verwüsteten Wohnzimmern, wenn Eltern Homeoffice und Kinderbetreuung vereinen müssen.

Ja, das kann ich gut nachvollziehen. Denn beides zur gleichen Zeit kann – in einem gewissen Alter der Kinder - nicht funktionieren. Ein Tipp wäre, sich Hilfe zu holen. Eventuell gibt es einen zuverlässigen Teenager in der Nachbarschaft, der verantwortungsvoll mit der Corona-Pandemie umgeht und der gerne mal zwei Stunden auf die Kinder aufpasst.

Ich habe bei meinen Kindern einen „Drei-Punkte-Plan“ eingeführt. Pro erfüllter Tätigkeit gab es einen grünen Klebepunkt. Waren alle drei Dinge erfüllt, durfte man fernsehen. Die Tätigkeiten waren einfach zu erfüllen: irgendwann am Tag beim Tischdecken oder Abräumen helfen, Zähneputzen und Pyjama anziehen und Spielsachen wegräumen. Letzteres war mir logischerweise am Wichtigsten. Dadurch, dass die anderen beiden Aufgaben nebenher passiert sind, war der Anreiz riesig, sich auch den dritten „Punkt“ zu verdienen. Insofern war immer angemessen aufgeräumt und man hatte als Erwachsener nur noch den Feinschliff zu erledigen.

Derzeit bist du also zeitgleich Mutter, Angestellte und Lehrerin? 

Sozusagen. Noch geht das ganz gut, weil sich die bisherigen Aufgaben größtenteils auf Dinge beziehen, welche die Kinder schon in der Schule besprochen oder gelernt haben. Ich bin aber sehr gespannt, wie es ab kommender Woche wird. Theoretisch soll meine große Tochter im Juni ihre Abschlussprüfung schreiben – und ich steige jetzt schon bei dem aktuellen Stoff in Fächern wie Physik, Chemie oder Mathe aus. Ich hoffe sehr, dass sich das durch Klassenchats oder Video-Unterricht regelt, ansonsten kann das nicht funktionieren.

Was hat dich früher am meisten genervt – und was nervt dich heute am meisten?

Abgesehen von der Technik, die mal besser und mal schlechter funktioniert hat, haben mich am meisten die Erwartungen der kinderlosen Kollegen und Kolleginnen genervt. Homeoffice mit Kindern ist immer eine Gratwanderung. Da ist es nicht möglich, sieben Stunden am Stück am Schreibtisch zu sitzen und toujours erreichbar zu sein. Da arbeitet man eben mal zu ungewöhnlicheren Zeiten, erledigt aber trotzdem alle ToDos.

Auch hier ist es ganz wichtig, seine Zeitpläne, die sich irgendwann einpendeln, mit den Kollegen zu teilen.

Und man sollte selbst realistisch bleiben: Wenn man merkt, dass Vollzeit einfach nicht funktioniert und zu Hause nur noch Stress, Chaos und Unzufriedenheit herrschen, sollte man ehrlich sein und das Gespräch mit seinem Chef suchen und Arbeitszeit reduzieren.

Ich würde mir in dieser Ausnahmesituation wünschen, dass mehr individuelle Lösungen gefunden werden.

Tipps kurz zusammengefasst

Tipp 1: Struktur

Schaffen Sie einen klaren Zeitplan. Zeigen Sie Ihrem Kind, z.B. anhand einer Eieruhr, wie lange Sie nicht gestört werden möchten.

Tipp 2: Schlafenszeiten nutzen

Nutzen Sie die Schlafenszeiten ihres Kindes, um arbeiten zu können.

Tipp 3: Erwartungen an sich selbst herunterschrauben

Man kann nicht allem gleichermaßen gerecht werden. Vielleicht bleibt dann einmal etwas im Haushalt liegen. Wenn man die Erwartungshaltung an sich selbst herunterschraubt, wird es leichter.

Tipp 4: Hilfe holen

Lassen Sie sich helfen. Das kann aber muss nicht zwingend Hilfe von außen sein. Anhand eines Belohnungssystems, wie dem Drei-Punkte-Plans, können Sie Ihre Kinder ermuntern, Aufgaben zu erledigen, wie Spielsachen aufräumen, Zähneputzen, beim Abräumen oder Abwaschen helfen, etc.

Drei-Punkte-Plan: Pro erfüllter Tätigkeit bekommt das Kind einen grünen Klebepunkt. Sind alle drei Dinge erfüllt, darf das Kind beispielsweise fernsehen.

Tipp 5: Offene Kommunikation

Besprechen Sie mit Ihrem Kollegen, wann Sie erreichbar sind. Seien Sie auch gegenüber Ihrem Chef offen, sollten Sie merken, dass Vollzeit für Sie nicht möglich ist und suchen gemeinsam eine Lösung.