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Familie zu Hause
Familie zu Hause

Eine Gedulds- und Belastungsprobe

Karen Silvester, Referentin für Kinderfragen und Medienexpertin bei SOS-Kinderdorf, erlebt gerade selbst, was es bedeutet mit der Familie auf engstem Raum zusammenzuleben und gleichzeitig aus dem Home-Office zu arbeiten.

Sollte eine Familie einen Tagesplan haben?

Karen Silvester: Was dem Familienalltag Stabilität und Sicherheit gibt, ist eine Tages- und Wochenstruktur. Strukturierende Elemente sind zum Beispiel Frühstück, Mittagessen und Abendessen. So entstehen automatisch Tagesblöcke: am Vormittag können alle Pflichten erfüllt werden und am Nachmittag ist dann Zeit für alles, was Spaß macht und für Ablenkung sorgt. Je nach Arbeitspensum kann es auch noch einen etwas kürzeren Block am Abend geben, wenn die Kinder im Bett sind.

Hierbei hilft beispielsweise ein Wochenplan: Wer bereitet wann welche Mahlzeit zu? Wer geht einkaufen? Wer kümmert sich ums Aufräumen oder Saubermachen? Machen Sie einen Wochenplan, auch wenn Sie sonst ohne Dienstplan auskommen. Wenn alle Zuhause sind, fällt mehr Arbeit an als sonst. Ordnung und Sauberkeit sind aktuell nicht nur unter hygienischen Gesichtspunkten wichtig – es sorgt auch für psychisches Wohlbefinden.

Ob Sie diesen Wochenplan schriftlichen oder mündlich machen, ist Ihnen überlassen und hängt auch von den bisherigen Gewohnheiten ab. Gerade jüngeren Kindern fällt es leichter, wenn sie weiterhin so etwas wie einen Stundenplan haben, an den sie sich halten können. Die meisten älteren Kinder sind das aus der Schule bereits gewohnt und brauchen vielleicht nur etwas Unterstützung, um das Pensum gut zu verteilen.

Wie in allen anstrengenden Lernphasen ist die Abwechslung von Arbeits- und Entspannungszeiten wichtig. Nicht zu vernachlässigen ist, dass die Kinder nun nicht einmal mehr den Schulweg zur Bewegung haben. Bewegung ist aber von großer Bedeutung für das Wohlbefinden. Deshalb gehört in jeden Tagesplan Bewegung an der frischen Luft.

Was sollte gemeinsam als Familie stattfinden?

Karen Silvester: Kinder brauchen in Zeiten der großen Verunsicherung viel Nähe und Zeit mit den ihnen vertrauten Personen. Das alleine gibt ihnen schon Sicherheit. Deshalb sind gemeinsame Mahlzeiten, Spaziergänge und kleine Aktivitäten ganz besonders wichtig. Es braucht keine besonderen Highlights oder Verwöhnprogramme – „da sein“ ist wichtig, Zuhören, Fragen beantworten, Ängste und Befürchtungen ernst nehmen und mit gemeinsamen Lieblingsbeschäftigungen für Ablenkung sorgen.

Auch wenn es nicht bei allen auf Begeisterung stoßen wird: Gemeinsam bedeutet aktuell nicht nur „Freizeit und Unterhaltung“. Gemeinsam bedeutet auch, gemeinsam den Haushalt am Laufen halten – jeder mit seinen Möglichkeiten – gemeinsam dafür sorgen, dass jeder sein Arbeitspensum schafft, sich gemeinsam bei Laune halten.

Wie gebe ich allen Familienmitgliedern Freiraum und Rückzugsorte?

Karen Silvester: Wie Familienmitglieder darauf reagieren, wenn sie unter den aktuellen Vorzeichen für so lange Zeit Zuhause sind, lässt sich schwer voraussagen. Jeder geht anders mit Anspannungen um. Es gibt dabei sicher kein „richtig“ oder „falsch“ – nur manchmal vertragen sich die unterschiedlichen Bedürfnisse nicht gut. Die einen brauchen viel Nähe und die Rückversicherung, dass alle „da“ sind, der andere sucht Zerstreuung in seinen Hobbys und zieht sich aus gemeinschaftlichen Aktivitäten zurück.

Ganz wörtlich hängt der mögliche Freiraum davon ab, wie viel Raum jeder Zuhause hat. Teilen sich Kinder ein Zimmer? Ist das Arbeitszimmer gleichzeitig das neue Home-Office? Gibt es einen Garten oder Balkon? Je weniger Raum da ist, desto besser müssen die Absprachen sein. In der Arbeitsphase am Vormittag sollte es zum Beispiel keine laute Musik oder Videos geben, damit jeder ungestört arbeiten kann.

Genauso wichtig ist der Freiraum, den jeder braucht, um in der eigenen Balance zu bleiben. Stabilität und Halt können Sie nur geben, wenn Sie selbst für sich und Ihre Bedürfnisse sorgen. Das kann die ausgiebige Dusche sein, wenn Kinder einen Mittagsschlaf oder Hausaufgaben machen, das Telefonat mit einer Freundin oder einem Freund, die Runde Joggen vor dem Frühstück oder Yoga vor dem Schlafengehen.

Zum Freiraum gehört auch: schaffen Sie „krisenfreie Zeiten“. Schalten Sie auch mal Weg von den Nachrichten, um nicht ununterbrochen mit neuesten Meldungen konfrontiert zu sein. Halten Sie so gut es geht diese Informationsflut von Ihren Kindern fern. Wenn Sie Ihren Kindern etwas erklären: Halten Sie sich an die Fakten. Sachliche und gut aufbereitete Informationen finden Sie auf den Seiten des Robert-Koch-Instituts oder der Bundesregierung.

Wie schlichte ich Stress unter Geschwistern?

Karen Silvester: Unsicherheit und das Gefühl, eingeengt zu sein, kann zu mehr Konfliktpotential unter Geschwistern führen als gewohnt. Es kann aber auch genau zum Gegenteil führen: dem Wunsch „näher zusammenrücken zu wollen“. Es kann sich auch beides am Tag mehrfach abwechseln. Das ist anstrengend für alle Beteiligten, aber auch nicht sonderlich ungewöhnlich.

Wie bei jedem Geschwisterstreit gilt auch jetzt: Halten Sie sich so gut es geht raus, wenn der Streit am Kochen ist. Sorgen Sie dafür, dass Ihre Kinder voneinander ablassen, sich zurückziehen können und sprechen Sie mit ihnen, wenn sich wieder alle beruhigt haben. Tappen Sie nicht in die Falle und suchen nach Schuldigen. Und vor allem entladen Sie nicht Ihre eigene Anspannung durch Anschreien. Das ist wie Öl ins Feuer zu gießen.

Vielleicht gelingt es Ihnen, die angespannte Situation in wohlwollendes Lachen aufzulösen, wenn es sich um offensichtliche Banalitäten handelt, wie „du hast mir den letzten Apfel weggegessen.“ Sie könnten auf diese Situation mit einem Satz wie, „endlich, meine Kinder streiten, wer mehr Vitamine bekommt“, reagieren. Lachen nimmt fast immer Spannung aus einer Situation.

Manchmal hilft jedoch nur: Aushalten, nicht Partei ergreifen, für Ablenkung sorgen.

Wie halte ich es mit Regeln und deren Missachtung?

Karen Silvester: Vertraute Regeln geben Halt und Sicherheit. Deshalb sollte nicht alles auf den Kopf gestellt und außer Kraft gesetzt werden, was in deiner Familie vereinbart ist. Es kann sogar im Gegenteil so sein, dass Kinder Regeln und Rituale stärker einfordern denn je.

Es gilt aber auch: außergewöhnliche Zeiten erfordern außergewöhnliche Maßnahmen. So können beispielsweise Regeln zur Mediennutzung neu verhandelt werden. Sind die Hausaufgaben gemacht, spricht nichts gegen Onlinespielen mit Freunden, usw. Hier ist es sinnvoll, geschlossene Medienverträge nicht einfach außer Kraft zu setzten, sondern sie für die Zeit neu zu schließen. (Download: Mediennutzungsvertrag 6-11 Jahre und ab 12 Jahren

Ein anderes Beispiel sind Schlafenszeiten. Da der Schulweg entfällt können bei älteren Kindern spätere Bettgehzeiten vereinbart werden. Es spricht aber auch nichts dagegen, kleine Kinder früher ins Bett zu schicken, damit Sie selbst noch etwas Zeit für sich haben.

Was macht man gegen Lagerkoller?

Karen Silvester: Lagerkoller hat oft etwas mit bedrückenden Gedanken, Bewegungsmangel und Monotonie zu tun. Zum Glück macht es uns das Wetter gerade leicht: Bewegung, frische Luft und Sonnenschein sind deshalb das beste Gegenmittel. Erkunden Sie dabei Wege und Straßen, die Sie im Alltag sonst nicht nutzen und konzentrieren Sie sich dabei auf all Ihre Sinne: den Duft des Frühlings, die Wärme der Sonne auf deiner Haut und die Geräusche der Umgebung. 

Homes-Schooling – mein Kind hört nicht auf mich. Was kann ich tun?

Auch wenn Corona gerade die Welt verändert. Es setzt nicht alles außer Kraft, was wir gewohnt sind: Eltern sind oft die „schlechtesten“ Lehrer – auch wenn sie geduldig sind und wunderbar erklären können. Wenn es nicht klappt: Nehmen Sie den Druck raus, provozieren Sie deshalb keinen Streit.