Zum Warenkorb 0

Zum Warenkorb hinzugefügt:

Schutzgebühr:

Zum Warenkorb
Familienberatung
Im Interview: Anisa Saed-Yonan

Familienberatung zu Zeiten von Corona

Normalerweise ist der Arbeitsplatz von Anisa Saed-Yonan in der Familien- und Erziehungsberatung des SOS-Kinderdorfs Berlin. Doch wegen der steigenden Corona-Fallzahlen in ganz Deutschland ist auch sie seit einigen Tagen im Home-Office. Nun berät sie Familien statt persönlich übers Telefon. Im Interview erzählt sie, wie ihr Arbeitsalltag sich verändert hat und mit welchen Problemen sich die Menschen nun an sie wenden.

Frau Saed-Yonan, wie war die Reaktion Ihrer Klienten auf die Schließung der Familien- und Erziehungsberatung?

Anisa Saed-Yonan

Ganz unterschiedlich. Ich habe Anfang der Woche alle angerufen, um ihre persönlichen Termine abzusagen und ihnen von der telefonischen Beratung zu erzählen. Einige wären am liebsten gleich am Telefon geblieben, weil sie die Corona-Thematik schon so beschäftigte, andere haben, glaube ich, erst durch unsere Schließung verstanden, wie ernst die Lage wirklich ist.

Sind das Virus und seine Folgen in Ihren Beratungen derzeit ein wichtiges Thema?

Ja, bei vielen steht die Corona-Thematik jetzt ganz weit im Vordergrund. Viele haben Angst. Eine Mutter, deren Kind in der Kita mit einem infizierten Kind gespielt hatte, hatte richtige Panik. Bei einigen führt der emotionale Stress sogar zu psychosomatischen Beschwerden. So etwas wirkt sich auf die ganze Familie und die Kinder aus. Ein verwandtes Problem ist, dass bei den meisten jetzt die ganze Familie den ganzen Tag zuhause ist. Viele der Menschen, mit denen ich arbeite, wohnen auf sehr engem Raum. Siebenköpfige Familien auf 60 Quadratmetern sind keine Seltenheit. Da kann es schnell sein, dass die Decke auf den Kopf fällt und gerade bei Kindern untereinander ein gewisses Gewaltpotential durchbricht. Eltern wollen wissen, wie sie solche Situationen trennen oder deeskalieren. Auch die Frage, wie man die Kinder jetzt beschäftigt, kommt immer wieder. 

Welche Ratschläge geben Sie?

Der erste Rat für Eltern ist: Bleiben Sie so ruhig wie möglich. Denn Ihre Panik hat Auswirkungen auf die Kinder. Versuchen Sie mit den Kindern ein Programm zu gestalten, das ablenkt. Geben Sie ihnen Aufgaben im Haushalt oder ermutigen Sie sie, sich kreativ zu beschäftigen und zu basteln. Auch Schulaufgaben müssen natürlich erledig werden. Die helfen auch dabei, dass die Kinder ihre gewohnte Routine beibehalten. Wenn die Kinder etwas zu tun haben, entlastet das auch die Eltern, die derzeit zuhause arbeiten müssen.

Verschärfen sich die Probleme, wegen denen die Menschen schon vorher zu Ihnen kamen, durch die momentane Situation?

Noch nicht, noch sind wir am Anfang. Derzeit beobachte ich in einigen Fällen sogar das Gegenteil: Probleme, die die Menschen vorher hatten, sind auf einmal nicht mehr die Priorität. Ich betreue zum Beispiel ein Paar wegen Eheproblemen. Die sind für die beiden völlig in den Hintergrund getreten. Wichtig ist für sie jetzt, dass sie sich und ihre Kinder gut durch die kommenden Wochen und Monate bringen. Ich glaube aber schon, dass wenn die Situation länger dauert oder es vielleicht sogar zu Ausgangssperren kommt, die Probleme in den Familien irgendwann eskalieren werden. Noch können wir die langfristigen sozialen und psychischen Auswirkungen nicht absehen, aber einfach wird es vermutlich für viele nicht.

Wie kann SOS-Kinderdorf helfen, wenn es dazu kommt?

Wir haben einen großen Vorteil: Die Leute kennen uns schon, sie haben Vertrauen zu uns und rufen deshalb auch von sich aus eher an. Und gerade davon, dass Menschen mit Problemen sich rechtzeitig bei uns melden, hängt jetzt viel ab. Außerdem haben wir zu den Familien schon Hintergrundwissen und können so schnell und auch auf die Distanz Lösungen finden.

Wie sieht das in der Praxis aus?

Ich kann es an einem Beispiel erklären: Ich betreue eine Familie mit mehreren Söhnen, die sich schon unter normalen Umständen nicht gut vertragen. Jetzt kam es zuhause wegen der angespannten Lage zur ersten Schlägerei und die Mutter wusste nicht mehr, was sie machen sollte. Ich habe erst mit der Mutter gesprochen und dann mit dem Jugendlichen, der die Schlägerei angefangen hat. Es hat sehr geholfen, dass ich beide schon kannte und wir auch schon mit ihm in der persönlichen Beratung über sein Gewaltpotential gesprochen haben. Im Gespräch kam dann auch ein guter Vorschlag von ihm: Die Familie hat eine Spielkonsole und der Junge wollte einfach ein bisschen Zeit für sich, in der er damit spielen kann. Jetzt hat jedes Kind seine Zeit an der Konsole und die anderen müssen das respektieren.

Macht es für Sie einen großen Unterschied, ob Sie telefonisch beraten oder persönlich?

Am Anfang war es schwer. In meiner Arbeit funktioniert viel über Beziehung und natürlich ist eine persönliche Beratung intensiver. Wenn ich einen Menschen sehe, kann ich seine Gefühle besser einschätzen. Mimik, Gesten und Körpersprache spielen für mich eine große Rolle . Aber es ist alles Gewöhnungssache. Ich habe jetzt gemerkt, dass ich mich beim telefonieren mehr konzentriere, gerade weil ich die Person nicht sehe. Auch an der Stimme kann man einiges ablesen. Zu Beginn dachte ich auch, Telefonberatungen wären wahrscheinlich nur kurz. Mittlerweile merke ich, das muss nicht sein. Mit einer Mutter habe ich gestern fast eine Stunde lang telefoniert.