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Beratungssituation zwischen zwei Frauen mit einem Baby
Interview mit Heidrun Boye

„Mit Elternarbeit lässt sich viel erreichen“

Mit großen und kleinen Familienkrisen kennt sich Heidrun Boye aus. Die Pädagogin arbeitet für die  ambulanten Hilfen zur Erziehung im SOS-Kinderdorf in Hamburg, wo sie Familien in Schwierigkeiten berät und begleitet. Im Interview erzählt sie, womit Eltern heutzutage kämpfen, wie sie auch an Problemfälle herankommt.

Frau Boye, mit welchen Problemen haben die Familien, die sie in der ambulanten Hilfe betreuen, besonders häufig zu tun?

Gewalt in der Familie ist ein häufiges Thema, genauso wie Sucht, Erziehungsschwierigkeiten und Schulden. Man muss auch sagen, es gibt eine Entwicklung. Früher hatten Familien, die zu uns kamen, ein oder zwei konkrete Probleme, heute haben sie mit vielen Problemen gleichzeitig zu tun und manchmal ist zu Anfang gar nicht klar, was das Hauptproblem ist.

Warum ist das so?

Ich glaube, dass die Anforderungen an Familien heutzutage größer geworden sind. Dazu betreuen wir viele Eltern in Hartz-IV. Hier erleben wir, dass den Menschen, die lange auf diese Unterstützung angewiesen sind, von den Behörden viel Verantwortung abgenommen wird. Irgendwann verlieren sie so die Motivation, sich selber um ihre Angelegenheiten zu kümmern. Bis sie zu uns kommen, hat sich dann in vielen Familien oft schon ein Berg an Problemen angehäuft.

Wie helfen Sie den Familien dabei diesen Berg abzutragen?

Wir machen zunächst ein sogenanntes Clearing mit den Familien, um uns überhaupt erstmal einen Überblick zu verschaffen, wo genau die Probleme liegen. Im nächsten Schritt geht es darum, ein Netzwerk aufzubauen. Zunächst mit Institutionen wie zum Beispiel der Schuldnerberatung oder dem Jobcenter, die Teilaspekte der akuten Probleme übernehmen können. Das andere sind soziale Kontakte. Wir zeigen den Eltern, was es in ihrem Stadtteil für Möglichkeiten gibt, verweisen zum Beispiel auf unser eigenes Familienzentrum am Dulsberg oder auf Nachbarschaftstreffs mit Spielangeboten für die Kinder. Das hilft auch, die Hilfe nachhaltig zu machen. Denn wir begleiten die Familien höchsten zwei Jahre lang. Auf das Netzwerk können sie aber auch danach zurückgreifen.

Über familiäre Probleme spricht eigentlich niemand gerne. Wie schaffen Sie es trotzdem, dass die Leute sich Ihnen gegenüber öffnen?

Gerade am Anfang geht es in unserer Arbeit viel um Beziehungsaufbau. Schwierige Gespräche können dann auch mal warten. Stattdessen gehen wir die Probleme erstmal ganz konkret an, begleiten Eltern zum Jobcenter oder zu Gesprächen in der Schule. So merken die Familien dann auch schnell, wie hilfreich das ist und dass es schnell positive Veränderungen gibt. Das schafft zusätzlich Vertrauen.

Gibt es Probleme, die zu groß sind für die ambulante Hilfe?

Ja. Schwierig wird es immer dann, wenn das Wohlergehen der Kinder in der Familie stark gefährdet ist, durch Gewalt zum Beispiel. Bevor es aber überhaupt soweit kommt, können die ambulanten Hilfen durch Elternarbeit oft viel erreichen, was der Situation in der Familie und damit dem Kind zugute kommt.

Gibt es Faktoren, die Familien besonders krisenanfällig machen?

Ja, eine hatte ich zuvor schon erwähnt: Hartz-IV und Armut im Allgemeinen spielen zumindest bei uns oft eine Rolle. Ein weiterer Faktor, den wir häufiger beobachten, sind psychische Probleme der Eltern. Die sorgen oft dafür, dass Strukturen in Familien völlig zusammenbrechen und Kinder zu früh die Rolle der Erwachsenen übernehmen müssen.

Ambulante Hilfen im SOS-Kinderdorf Düsseldorf