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Präventive Hilfen bei SOS-Kinderdorf

Vernachlässigung, Kinderarmut und Gewalt: Mit präventiven Angeboten Katastrophen vermeiden

Fast 60.600 Kinder und Jugendliche waren 2020 bundesweit in ihrem Wohl gefährdet. Knapp 60 Prozent wurden vernachlässigt, bei etwa einem Drittel der Betroffenen wurden Hinweise auf psychische Misshandlungen gefunden und in 26 Prozent der Fälle gab es Anzeichen für körperliche Gewalt. Auch die Kinderarmut in Deutschland verharrt seit Langem auf einem hohen Niveau. Dr. Vincent Richardt, Leiter des Ressorts Pädagogik bei SOS-Kinderdorf, im Gespräch über Vernachlässigung, Kinderarmut und Gewalt gegen Kinder in Deutschland.

Dr. Vincent Richardt, Leiter des Ressorts Pädagogik bei SOS-Kinderdorf

Dr. Vincent Richardt, Leiter des Ressorts Pädagogik bei SOS-Kinderdorf

Wie sieht der Alltag eines vernachlässigten Kindes aus?

Es gibt nicht ‚die eine‘ Geschichte. Aber letztendlich ist Vernachlässigung eine Art Unterlassung. Etwas, was gemacht werden muss, wird nicht gemacht. Eltern versorgen ihre Kinder nicht ausreichend, geben ihnen nicht genug zu essen oder Kleidung, die nicht warm genug ist. Ganz banale Grundbedürfnisse werden nicht erfüllt. Ein weiteres Anzeichen von Vernachlässigung ist, dass die Kinder nicht beaufsichtigt sind. Wenn andauernde und schwere Vernachlässigung auffällt, führt es dazu, dass die Kinder zu ihrem Schutz aus der Familie genommen werden müssen. Und dann gibt es noch die emotionale Vernachlässigung. Da können Kinder betroffen sein, die alles Nötige bekommen, was sie zum Leben brauchen. Sie kriegen aber keinen Zuspruch, kein Lob, keine Anerkennung. Dieser emotionale Mangel äußert sich dann in verschiedener Weise, indem die Kinder z.B. sehr früh depressiv, aggressiv oder auffällig werden.

Es ist nur schwer erklärbar, warum Eltern ihre Kinder vernachlässigen. Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe?

Die Gründe für Vernachlässigung sind ganz unterschiedlich. Wenn Eltern z.B. aus eigenen Schwierigkeiten heraus nicht in der Lage sind, den Kindern das zu geben, was sie brauchen, weil sie mit eigenen Problemen zu kämpfen haben oder psychisch krank sind. Das sind die Fälle, bei denen Eltern ihre Kinder vernachlässigen, weil sie überfordert und erschöpft sind. Oft nehmen dann Geschwister eine Art Elternrolle ein. Die Älteren versuchen die Jüngeren zu versorgen, solange bis Mama oder Papa wieder dazu fähig sind. Da ist es gut, dass wir mit ambulanten Erziehungshilfen, mit offenen Angeboten und verschiedenen Unterstützungsmöglichkeiten diesen Familien helfen. Wenn wir wissen, dass für die Mutter wieder eine schwierige Phase bevorsteht, können wir einspringen und ihr konkrete Unterstützung zukommen lassen oder ihr dabei helfen, eine Therapie zu beginnen.

Vernachlässigung wird oft von Generation zu Generation weitergegeben. Was tun Sie dagegen?

Erfahrungen, die man selbst als Kind gemacht hat, sind sehr tief verwurzelt, sodass die Gefahr groß ist, dass man sich bei den eigenen Kindern ähnlich verhält. Wir können mit unseren Kinder- und Jugendhilfen einen guten Beitrag leisten, damit sich die Vernachlässigung nicht 1:1 wiederholt. Die Kinder bauen, wenn sie z.B. bei uns wohnen, persönliche, positive Beziehungen auf und sind dann im Stande, diese Erlebnisse auf neue Beziehungen zu übertragen. Unser Ansatz liegt aber auch im präventiven Bereich bei den Eltern, damit es erst gar nicht zur Vernachlässigung kommt. Wir unterstützen junge Eltern und reflektieren gemeinsam mit ihnen, wie die Erfahrungen und die eigene Biografie verarbeitet sind. Das ist ganz wichtig, um neu starten zu können.

Neben Vernachlässigung sind Kinder in Deutschland auch von Armut betroffen. Woran merkt ein Kind, dass es arm ist?

Bei uns geht es natürlich um eine andere Art von Armut als in einem Kriegsgebiet oder in Entwicklungsländern. Aber es ist nach wie vor so, dass ein Fünftel aller Kinder in Deutschland von relativer Armut betroffen ist. Relativ heißt, dass man weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Bevölkerung zur Verfügung hat. Und das merkt ein Kind natürlich an allen Ecken und Enden. Die Kinder müssen ihre Klamotten viel länger tragen als die Schulkameraden, haben weniger Spielzeug oder können nur selten in den Urlaub fahren.

Was kann SOS-Kinderdorf einem von Armut betroffenen Kind geben?

Ganz wichtig ist, dass wir auf der materiellen Ebene wirklich etwas kompensieren. Den Familien helfen, Dinge zu beantragen, z.B. einen Urlaub oder Freizeitangebote für die Kinder. Und in die Zukunft gedacht, ist Bildung das A und O. Der Bildungsabschluss hängt in Deutschland nach wie vor extrem vom sozialen und finanziellen Hintergrund des Elternhauses ab. Wir müssen dafür sorgen, dass die Kinder nicht schon in der ersten oder zweiten Klasse abgehängt werden. Das liegt nicht daran, dass sie es nicht könnten, sondern dass die Förderung fehlt. Mit Angeboten wie den frühen Hilfen, Nachhilfe oder speziellen Sprachförderungsgruppen versuchen wir, das zu kompensieren.

Wie verbreitet ist Gewalt gegen Kinder in Deutschland?

Jahr für Jahr werden um die 50.000 Kinder aus verschiedenen Gründen aus ihrer Familie genommen. Körperliche oder schwere Misshandlungen spielen dabei nicht die Hauptrolle, das sind um die 20 Prozent davon, aber natürlich sind das immer noch viel zu viele. Außerdem gibt es eine große Dunkelziffer. Kinder halten, egal was ihnen passiert, zuerst einmal zu ihren Eltern. Oft ist Gewalt gegen Kinder nicht körperlich, sondern psychisch. Wenn Kinder z.B. auf die dunkle Kellertreppe gesetzt werden und ihnen gesagt wird: „Du musst jetzt hier sitzen zur Strafe“. Obwohl die Kinder Angst haben. Das ist ein unfassbar schrecklicher Schmerz, der aber keine körperlichen Spuren hinterlässt. Und aufgrund der großen Dunkelziffer leiden wahrscheinlich viel, viel mehr Kinder unter so etwas, als man sich vorstellen mag. Allerdings kommt Vernachlässigung häufiger vor als diese Art von Gewalt.

Dass ein Kind von Gewalt betroffen ist, fällt erst auf, wenn es sichtbare Spuren zeigt. Wie gehen Sie präventiv vor?

Auch hier ist es wieder wichtig, bei jungen Eltern Aufklärungsarbeit zu leisten und sie darauf vorzubereiten, was es heißt, Kinder zu haben. Wir versuchen vor allem mit unseren offenen Angeboten in den Familienzentren präventiv zu wirken. Gerade wenn man früh Kinder bekommt und noch nicht mit beiden Beinen im Leben steht, überfordert das einen mitunter. Manche Eltern reagieren dann mit Gewalt. Bei körperlicher Gewalt liegen unter Umständen auch schwere psychische Störungen zugrunde und nicht selten sind die Täter von heute die Opfer von gestern.