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Familiengefühl
Interview mit Psychologe Tim Hagemann

„In Krisenzeiten rückt die Familie instinktiv näher zusammen“

Laut Psychologe Tim Hagemann basiert ein gutes Familiengefühl auf Vertrauen, Akzeptanz und Toleranz. Gerade in Zeiten von Corona brauchen wir dieses emotionale Back-up-System.

Herr Hagemann, was macht Familie heute aus, wenn es nicht mehr nur die reine Blutsverwandtschaft ist?

Familie – egal in welcher Form – ist eine besondere soziale Beziehung, die sich durch eine hohe Anteilnahme, Interesse, Vertrauen und Verlässlichkeit auszeichnet. In der Regel hält diese Art von Beziehung über eine lange Zeit, sie übersteht eher Krisen und Meinungsverschiedenheiten, als es manch „normale“ Freundschaft vermag. Es heißt ja: „Familie kann man sich nicht aussuchen, Freunde schon.“ Sprich, eine Freundschaft beendet man leichter, wenn es nicht so gut läuft. In unserer pluralistischen Gesellschaft sind die Grenzen jedoch mittlerweile fließend – auch langjährige Freundschaften können Familiencharakter haben.

Jedes Kind braucht eine Familie. Welche Rolle spielt sie im Leben eines Menschen?

Familie ist der Ort, an dem wir von Anfang an sozialisiert werden. Für unsere Entwicklung ist ein enges soziales Umfeld überlebenswichtig. Denn wir können uns nicht aus uns selbst heraus entwickeln. Sowohl emotional als auch kognitiv. Nehmen wir die Sprachentwicklung: Aus dem Gebrabbel der Schallwellen um uns herum können wir nur konkrete Begriffe herausfiltern und erlernen, wenn jemand kontinuierlich zu uns spricht. Das sind in der ersten Lebensphase die engsten Bezugspersonen – die Mutter oder der Vater. In der Familie lernen wir zudem die fundamentalen Regeln des sozialen Miteinanders. Wir lernen, die Welt zu verstehen und uns in ihr zu bewegen. Zu dieser Sozialisation gehört auch, wie wir später Beziehungen mit anderen Menschen führen und wie wir mit Krisen und Ängsten umgehen.

„In Familien, in denen es zu Gewalt kommt, erleben Kinder das Gefühl der Hilflosigkeit. Sie wissen gar nicht, dass das verletzende Verhalten nicht richtig, nicht normal ist – sie haben es nie anders erlebt.“

Tim Hagemann, Psychologe

Familie kann Ort der Zuflucht, der Liebe und des Vertrauens sein. Sie kann aber auch Stress, Ablehnung und Gewalt bedeuten. Woher kommen diese Gegensätze?

Familie wird durchaus ambivalent erfahren. Einerseits brauchen wir die soziale Einbindung. Andererseits kann sie zum Problem werden: In Familien, in denen es zu Gewalt kommt, erleben Kinder das Gefühl der Hilflosigkeit. Sie wissen gar nicht, dass das verletzende Verhalten nicht richtig, nicht normal ist – sie haben es nie anders erlebt. Deshalb dauert es bei Menschen mit Gewalterfahrung oft sehr lange, ehe sie sich Hilfe suchen. Und leider werden solche Verhaltensweisen oft weitergegeben. Auch Alkoholsucht oder Depressionen treten bei Menschen häufiger auf, wenn sie diese im Elternhaus erlebt haben. Das ist aber nicht zwangsläufig der Fall! Es können natürlich auch viele positive Lernprozesse im Laufe des Lebens stattfinden, die eine Wendung zum Guten ermöglichen.

Was macht für Sie ein gutes Familiengefühl aus?

Wichtig ist, dass man sich gegenseitiges Vertrauen schenkt. Dass Eltern ihrem Kind zeigen: Du kannst mir vertrauen und ich vertraue dir. Was auch bedeutet: Wir trauen dir etwas zu! Auf diese Weise erlernt das Kind Selbstwirksamkeit – ein wichtiger Grundstein für sein Selbstvertrauen und seine spätere Selbstständigkeit. Eltern tendieren mitunter dazu, ihre Kinder überzubehüten. Doch es ist wichtig, im Leben auch mal „auf die Schnauze zu fallen“ – nicht nur rein körperlich beim Rollerfahren, sondern auch im übertragenen Sinne. Damit wir später im Leben mit Misserfolgen umgehen können. Dieses emotionale Back-up-System der Familie besitzt darüber hinaus eine ganz praktische Komponente: Wenn ich mal nicht weiterweiß, kann ich meine Familie fragen. Das Füreinanderdasein ist die Basis für ein gutes Familiengefühl.

Gibt es heute in Zeiten äußerer Unsicherheiten mehr Krisen als früher?

Unsicherheiten und Krisen gab es immer. Das 20. Jahrhundert war davon besonders geprägt, auf die Industrialisierung folgten Weltwirtschaftskrisen, Weltkriege, gesellschaftliche Umbrüche wie die 68er-Bewegung oder der Fall der Mauer. Im Hinblick darauf hatten wir in den vergangenen 20 bis 30 Jahren eine vergleichsweise ruhige Phase. Heute erleben wir aber ein Gefühl von Unsicherheit, weil diverse Erfindungen, die tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen mit sich bringen, immer schneller aufeinander folgen. Zum Beispiel das Internet und die Digitalisierung. Dadurch schrumpft etwas, das wir als Gegenwart und Sicherheit empfinden. Man hat das Gefühl, dass die Welt gestern noch anders war – und man weiß, dass sie morgen anders sein wird.

„Wichtig ist, dass man sich gegenseitiges Vertrauen schenkt. Dass Eltern ihrem Kind zeigen: Du kannst mir vertrauen und ich vertraue dir. Was auch bedeutet: Wir trauen dir etwas zu!“

Tim Hagemann, Psychologe

Welche Rolle spielt da die Familie?

In einer schnelllebigen Zeit entsteht das Gefühl, dass es keine Zurückgezogenheit mehr gibt – ich muss mich immer bewegen, um am Ball zu bleiben. In dieser Situation kann die Familie als Ruhepol wirken. Sie ist eine Konstante in meinem Leben. Familie verändert sich zwar auch, aber sie bleibt in der Regel stabiler und vermittelt ein Gefühl der Verlässlichkeit.

In der Corona-Krise prägen Angst und Unsicherheit die Stimmung. Wie wichtig ist der familiäre Zusammenhalt, wenn die Krise zur Normalität wird?

In Krisenzeiten rücken Familien instinktiv näher zusammen. Nicht nur räumlich, sondern auch emotional: Man hält mehr Kontakt, fragt nach und zeigt damit, dass man an den anderen denkt. Telefonate mit Eltern und Großeltern erfahren gerade eine gewisse Konjunktur. Die Corona-Krise mit ihren Ausgangsbeschränkungen stellt uns jedoch vor spezielle Herausforderungen. Wo Familien quasi unter einem Dach „festsitzen“, können sich Krisen und Konflikte verschärfen. Die Angst vor Arbeitsplatzverlust, finanzielle Notlagen, die Doppelbelastung aus Homeoffice und Kinderbetreuung – für viele Menschen entstehen Stresssituationen, die zu Spannungen und Aggressionen führen können. Was das mit den Menschen in Ländern wie Spanien, Italien und Frankreich – wo der wochenlange Shutdown besonders streng geregelt war – gemacht hat, das muss die Forschung noch zeigen.

Die Bundesfamilienministerin, Sozialarbeiter und Wissenschaftler haben früh Alarm geschlagen, dass es in konfliktbelasteten Familien zu mehr Gewalt, auch gegen Kinder, kommen kann. Verschärft sich die Lage wie unter einem Brennglas?

Das ist nicht automatisch so, aber eine gewisse Tendenz ist zu befürchten. Aggressionen und Streitigkeiten sind immer ein Ausdruck von Unzufriedenheit oder Angst. Wenn diese schon vor der Krise das Leben bestimmten, können sie sich jetzt durchaus steigern. Aber es gibt zum Glück auch den umgekehrten Fall: dass Menschen jetzt erkennen, was wirklich wichtig ist. Dass sie schwelende Konflikte hinter sich lassen und die Krise als Chance nutzen, sich neu zu orientieren. Es gibt Menschen, die vor Corona außerordentlichen Stress empfunden haben und jetzt mehr zur Ruhe kommen – und die gewonnene Zeit mit der Familie genießen. Die Lage ist sehr vielschichtig und somit auch das individuelle Erleben dieser äußeren Krise.

„Beim Zusammenrücken und bei aller Nähe in einem Haushalt ist es wichtig, dass man den anderen – je nach Möglichkeit – einen gewissen Freiraum gewährt. Auch in den harmonischsten Familien braucht jeder Zeit für sich allein.“

Tim Hagemann, Psychologe

Was würden Sie den Menschen raten, um als Familie sicher und gestärkt durch Zeiten der Krise zu kommen?

Akzeptanz und Toleranz sind jetzt mehr gefragt denn je. Beim Zusammenrücken und bei aller Nähe in einem Haushalt ist es wichtig, dass man den anderen – je nach Möglichkeit – einen gewissen Freiraum gewährt. Auch in den harmonischsten Familien braucht jeder Zeit für sich allein. Die benötigt man manchmal zum Erledigen ganz praktischer Dinge, manchmal für die eigene „Psychohygiene“ – um wieder aufzutanken. Eine gewisse Ungezwungenheit käme auch Kindern zugute.

Über Tim Hagemann

Prof. Dr. phil. Tim Hagemann lehrt an der Fachhochschule der Diakonie in Bielefeld im Bereich Arbeits-, Organisations- und Gesundheitspsychologie. Er erforscht die Relevanz von Familie und anderen engen sozialen Beziehungen in Zeiten von Unsicherheiten und Krisen.