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Afghanistan
So erleben Geflüchtete die Lage in Afghanistan

„Es ist eine extrem belastende Situation“

Die Bilder der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan und der Verzweiflung der Menschen vor Ort gingen um die Welt. Doch wie erleben junge Afghanen hier in Deutschland die aktuelle Situation?

Im SOS-Kinderdorf Berlin werden mehrere Geflüchtete aus Afghanistan ausgebildet. Sie alle sind schon seit mehreren Jahren in Deutschland, ihre Familien mussten sie zurücklassen. Ihre Psychologin, Raimonda Verde, und zwei ihrer Ausbilder, Sandra Knochee und Andreas Müller haben einige Fragen zur aktuellen Situation ihrer afghanischen Azubis beantwortet.

Wie erleben Ihre afghanischen Betreuten, was momentan in ihrem Heimatland geschieht?

Es ist eine extrem belastende Situation, die sich auf viele unsere Betreuten re-traumatisierend auswirkt. Sie stehen, soweit es möglich ist, regelmäßig in Kontakt mit nahen Verwandten. Dadurch erhalten sie zeitnah Infos zum Beispiel über Gewalt durch die Taliban, fehlende medizinische Versorgung oder den sehr eingeschränkten Alltag von Frauen. Gleichzeitig plagen sie so aber ständige Ängste um ihre Familien. Die Verzweiflung bei vielen ist groß und sie wollen irgendwie helfen.

Wie wirkt sich das auf die Ausbildung der Jugendlichen aus?

Das Thema ist omnipräsent. Sehr oft sind die Azubis in Gedanken versunken, machen sich Sorgen, berichten von Schlafstörungen. Zum Teil können sie sich deshalb nur unzureichend auf ihre Ausbildung konzentrieren. Mit einigen Teilnehmern haben wir vereinbart, dass sie uns zeitweise ihre Handys geben, damit sie dem Infofluss nicht ständig ausgesetzt sind. Die psychische Destabilisierung wirkt sich aber nicht nur auf die Konzentration, sondern auch auf ihre Belastbarkeit, Motivation und Gesundheit aus.

Rücken dadurch andere Probleme für die jungen Menschen in den Hintergrund?

Nein, die üblichen Sorgen und Themen von Menschen mit Fluchthintergrund sind weiterhin vorhanden, zum Beispiel die sehr schwierige Wohnungssuche, Asylanträge, Zukunftsängste und die Bewältigung der traumatischen Erlebnisse. Dazu kommen auch noch Themen, die alle jungen Menschen in dem Alter beschäftigen: Liebe, Freunde, Freizeit und so weiter. Das alleine ist für junge Menschen, die eigentlich einfach nur ihre Jugend leben möchten, schon herausfordernd genug.

Betreuen Sie die Jugendlichen aktuell anders, um all dem gerecht zu werden?

Die Betreuung verlangt derzeit noch mehr Achtsamkeit und Feingefühl für die Bedürfnisse der Betroffenen. Alle jungen Menschen, die über ihre Belastungen sprechen möchten, haben die Möglichkeiten, das zu tun. So können sie, wenn sie möchten, auch direkt mit den Ausbildern und Ausbilderinnen, der Sozialpädagogin und der Psychologin sprechen. Das nehmen sie derzeit vermehrt in Anspruch. Wir haben aber auch schon zu Anfang der Ausbildung sichergestellt, dass alle, die es benötigen, auch extern psychotherapeutisch versorgt sind.

Welche Strategien können Sie den Jugendlichen an die Hand geben, um mit der momentanen Situation umzugehen?

Die Kollegen und Kolleginnen raten ihnen zum Beispiel, sich trotz Ängsten und Trauer schöne Momente im Alltag zu gönnen. Diese Momente schaffen wir derzeit auch im Arbeitsalltag. Gleichzeitig helfen wir ihnen dabei, sich nicht völlig machtlos zu fühlen. Zum Beispiel konnten sich die jungen Menschen an einer Spendensammelaktion für einen Verein, der mit Menschen in und aus Afghanistan arbeitet, beteiligen. Sie haben dafür Kuchen gebacken und gegen Spende verteilt. Ein Kollege aus einem anderen SOS-Kinderdorf-Projekt hat ein afghanisches Hof-Café zum ungezwungenen Austausch für alle Betroffenen aus allen Bereichen eingerichtet. Und während der Arbeitszeit bieten wir unseren Azubis Gesprächsrunden oder psychologische Beratung an. Dazu geben wir Tipps, bei welchen Vereinen sie zum Beispiel eine Rechtsberatung finden oder sich zum Thema Familienzusammenführung informieren können.

Was brauchen die Jugendlichen neben psychologischer Betreuung derzeit besonders?

Zunächst einmal wäre es besonders wichtig, dass ihre Grundbedürfnisse versorgt sind. Dazu gehören zum Beispiel unbefristeter Aufenthalt und eine sichere Wohnsituation. Leider hören wir oft, dass unsere Azubis auf dem hart umkämpften Wohnungsmarkt kaum Chancen haben. Viele benötigen auch gerade jetzt fundierte Informationen, welche Hilfen sie erhalten und wie sie vielleicht auch ihren Familien helfen können. Zuletzt brauchen sie das Gefühl, ernst genommen zu werden, Gehör für ihre Sorgen zu finden und trotzdem auch den Raum, alles mal zu vergessen und einfach jung zu sein.

Geflüchtete aus Afghanistan

Für Geflüchtete aus Afghanistan ist die Situation in ihrer Heimat extrem belastend und kann sogar re-traumatisierend sein.

„Die Menschen sind in großer Not“

Als Jugendlicher kam Navid* als unbegleiteter Flüchtling aus Afghanistan nach Saarbrücken und lebte bis zur Volljährigkeit in einer Wohngruppe des dortigen SOS-Kinderdorfs. Heute arbeitet der junge Mann selbst als Erzieher in einer solchen Gruppe. Seine engste Familie lebt nicht mehr in ihrem Heimatland, doch Verbindungen nach Afghanistan hat Navid immer noch. Im Interview erzählt er, wie es den Menschen dort geht und was jetzt getan werden muss, um ihnen zu helfen.

Afghanistan


Navid, was berichten deine Angehörigen in Afghanistan über die Situation vor Ort?

Mein Onkel wohnt mit seiner Familie in Kabul und für sie ist die Lage schlimm. Zwar verhalten sich die Taliban in ihrer Gegend momentan ruhig, aber trotzdem leben sie in Angst. Denn was in einer Woche oder in einem Monat oder schon morgen ist, kann niemand sagen. Mein Onkel und seine Familie wollen weg aus Afghanistan, aber im Moment ist das unmöglich.

Warum?

Erstens ist es eine finanzielle Frage und zweitens ist es zu gefährlich. Denn die Taliban beherrscht jetzt das ganze Land und kontrolliert die Grenzen. Eine Flucht ist gerade so gefährlich wie nie.

Haben dich die Ereignisse der letzten Zeit überrascht?

Nein, dass das passiert, war absehbar. Die NATO kämpft seit 20 Jahren gegen die Taliban, und trotzdem gab es immer wieder Gefechte und Anschläge. Für mich war klar, dass nach dem Abzug der ausländischen Truppen die Taliban wieder regieren werden.

Wie geht es dir mit der jetzigen Situation?

Momentan geht es mir nicht gut. Auch weil ich als einzelner so gut wie nichts tun kann. Außer ein wenig Geld spenden. Meine große Sorge ist, dass die Menschen bald Hunger leiden und sich Krankheiten ausbreiten werden. Es gibt kaum noch Hilfsorganisationen vor Ort, aber sehr viele Menschen in Afghanistan sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Dazu kommen die Unterdrückung von Frauen und die Verfolgung von Minderheiten. Die Lage ist katastrophal und die Menschen sind in großer Not.

Was muss getan werden, um diese Not zu lindern?

Die Menschen in Afghanistan brauchen die Hilfe der humanitären Organisationen. Ich weiß, dass es für die Mitarbeiter gefährlich ist, aber es muss dringend ein Weg gefunden werden, wie sie wieder in Afghanistan arbeiten können. Auch müssen Ortskräfte und Aktivisten, die jetzt besonders in Gefahr sind, besser geschützt werden. Und ganz allgemein, dass wir die Menschen nicht vergessen und alleine lassen. Dazu gehört auch, dass dringend sichere Fluchtwege geschaffen werden müssen, auch nach Deutschland.

Welche Schwierigkeiten gibt es dabei momentan?

Um legal nach Deutschland auszureisen, gab es schon immer viele Bedingungen und viel Bürokratie. Das war für die meisten Afghanen schon schwer zu bewältigen. Jetzt, wo die Botschaft in Afghanistan geschlossen ist, wäre der einzige Weg eine deutsche Botschaft in einem Nachbarland. Aber die Grenzen sind dicht und Menschen werden an den Übergängen abgewiesen. In der Realität ist das für niemanden zu schaffen

Was würdest du dir für den Umgang mit der Lage in Afghanistan sonst noch wünschen?

Wenn ich Nachrichten gucke, habe ich oft das Gefühl es wird nur über Zahlen gesprochen, über Kontingente und Quoten. Ich würde mir wünschen, dass wir nicht vergessen, dass es dabei um Menschen geht, die Hilfe brauchen. 

*Name wurde zum Schutz der Person geändert.