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Schulsozialarbeit SOS-Kinderdorf Berlin
Schulsozialarbeit bei SOS-Kinderdorf

Schulsozialarbeit in Zeiten von Corona

Durch die Coronapandemie werden ungünstige Voraussetzungen für ohnehin benachteiligte Schüler verstärkt: Fehlende technische Ausstattung, beengte Wohnsituationen und mangelnde Unterstützung führen bei Kindern und Jugendlichen zu einer Corona-Bildungslücke. Hier setzt die Schulsozialarbeit von SOS-Kinderdorf an.

Moabit liegt zwar mitten in Berlin, doch vom Mitte-Chic ist der bunte Kiez meilenweit entfernt. Hier leben mehr Kinder in Armut als in anderen Stadtteilen der Hauptstadt, jeder Zweite hat einen Migrationshintergrund. „Es gibt viele bildungsferne Familien mit geringem Einkommen – und viele Kinder und Jugendliche mit Unterstützungsbedarf. Das macht sich in der Schule bemerkbar“, sagt Anne Luther. Die Sozialarbeiterin betreut im Programm „Jugendsozialarbeit an Berliner Schulen“ Mädchen und Jungen der 7. bis 10. Klassen an der Theodor-Heuss-Gemeinschaftsschule in Berlin-Moabit. Im Team mit vier Erzieherinnen von SOS-Kinderdorf baut sie den Kontakt zu Jugendlichen auf, die zum Beispiel im Unterricht auffallen, entwickelt gemeinsam mit ihnen Ziele und unterstützt dabei, diese zu erreichen.

Corona-Bildungslücke droht

Durch die Schulschließungen während der Coronapandemie werden vor allem benachteiligte Schülerinnen und Schüler abgehängt: Wer keinen Computer und kein Tablet für den digitalen Unterricht hat, kann nicht teilnehmen. Wer zu Hause keine Unterstützung hat, lernt weniger als sonst. Laut der Copsy-Studie fühlten sich während des ersten Lockdowns 71 Prozent der Sieben- bis 17-Jährigen durch Corona belastet, im zweiten Lockdown stieg dieser Wert sogar auf 85 Prozent an. Weitere Studien kamen zu dem Ergebnis, dass Kinder und Jugendliche aus belasteten Familien weniger Unterstützung erhielten, zu Hause weniger effektiv und konzentriert gelernt haben und schlechter mit den Veränderungen zurecht kamen.

Auswirkungen des Elternhauses auf den schulischen Erfolg

Anna Luther, Schulsozialarbeit SOS-Kinderdorf Berlin

Durch die Coronapandemie sieht die Jugendsozialarbeiterin Anne Luther die Jugendlichen nicht mehr in der Schule und erfährt nicht mehr, wie es ihnen geht. Einige drohen den Anschluss zu verlieren.

Anne Luther erlebt das hautnah bei ihren Schützlingen Ahmed*, Marvin* und Lucy*. Die Jugendlichen waren schon vor der Coronapandemie schuldistanziert, so die Sozialarbeiterin. Das bedeutet bei Ahmed und Marvin zwar nicht, dass sie schwänzen, aber die Jungen können sich im Klassenzimmer nicht konzentrieren und stören den Unterricht. Die Gründe sind vielfältig. Ahmed wohnt mit seinen Eltern und vier Geschwistern auf engstem Raum – in einer 60-Quadratmeter-Wohnung, ohne eigenes Zimmer, ohne einen ruhigen Platz zum Lernen. Lange Zeit überschattete eine drohende Abschiebung den Alltag. Marvin dagegen wohnt nur mit seiner Mutter zusammen. Als Kleinkind hat der 14-Jährige jahrelang die Gewalt des Vaters gegenüber der Mutter erlebt. „Seine größte Angst ist es, so wie sein Vater zu werden. Das macht ihm schwer zu schaffen“, weiß Luther aus einem der Gespräche, zu denen sich beide regelmäßig treffen. Auch Lucys Eltern sind getrennt, die 15-Jährige lebt abwechselnd beim Vater und bei der psychisch kranken Mutter. „Lucy verfügt über tolle sprachliche Kompetenzen und hat wirklich was auf dem Kasten – aber sie schafft es nicht, acht Stunden konzentriert still zu sitzen.“ Lucy zieht sich von der Schule zurück und schwänzt häufig. Anfang des Jahres scheint eine Lösung gefunden: Das Mädchen soll in ein alternatives Schulprojekt wechseln – mit kleinen Lerngruppen, Werkstätten und Praxisprojekten, mit mehr Abwechslung und Pausen in der Tagesstruktur und mit intensiver sozialpädagogischer Betreuung.

Ahmed und Marvin tauchen ab

Doch dann bricht die Coronapandemie über Deutschland herein: Im März 2020 werden die Schulen geschlossen, die Kontakte beschränkt, die Leute sollen zu Hause bleiben – und für Ahmed, Marvin und Lucy wird alles anders. Die Schule richtet eine Lernplattform ein, doch weder Ahmed noch Marvin melden sich an. Lucy verbringt viel Zeit mit ihrer kranken Mutter und zieht sich noch mehr von der Schule zurück. Auch für Anne Luther verändert sich vieles: Die Jugendsozialarbeiterin sieht die Jugendlichen nicht mehr in der Schule und erfährt nicht mehr, wie es ihnen geht. Lucy, Ahmed und Marvin entziehen sich den fast ausschließlich digitalen Lernangeboten. „Im Netz kann man sich leichter verstecken als in einem Klassenraum“, sagt Luther. Der tägliche, persönliche Kontakt fehlt, dabei ist Beziehungsarbeit das A und O der Jugendsozialarbeit. Hinzu kommt: Weder Ahmed noch Marvin sind telefonisch zu erreichen. Das ist dieses Mal fatal, denn sie kann die Jungen ja nicht eben mal in der Schule nach ihrer neuen Nummer fragen.

Anne Luther, Schulsozialarbeit SOS-Kinderdorf Berlin

Da Jugendsozialarbeiterin Anne Luther die Jugendlichen nicht mehr in der Schule sieht, beschließt sie mit ihnen einen Spaziergänge durch den Kiez zu machen. So erfährt sie von der Situation zu Hause und bringt Arbeitsmaterialien mit.

„Als sich Ahmed nicht auf der Lernplattform anmeldete und ich ihn telefonisch nicht erreichen konnte, habe ich mir Gedanken gemacht“, blickt Luther zurück. Kurzerhand schwingt sie sich aufs Fahrrad und klingelt am Mietshaus, in dem die Familie wohnt. Ahmeds Vater kommt auf die Straße und berichtet in gebrochenem Deutsch, dass sich die Familie ordnungsgemäß an die Beschränkungen halte, er übernehme die Einkäufe, die Kinder seien zu Hause und hätten keinen Kontakt zu anderen. Luther sieht Ahmed an diesem Tag nicht. Doch beim dritten Haustür-Gespräch überzeugt sie den Vater, dass sein Sohn mit ihr durch den Kiez spazieren darf. Von da an trifft sie den quirligen Jungen einmal in der Woche und geht mit ihm durch Moabit – natürlich mit Abstand. Ahmed erzählt, dass sich die Geschwister ein Tablet teilen und die Familie keinen Drucker habe. Vor den folgenden Treffen organisiert Luther über die Lehrkräfte Arbeitsmaterialien und bringt sie mit.

Kiez-Spaziergänge und Corona-Postkarten

Die Kiez-Spaziergänge bewähren sich, Luther läuft bald auch mit anderen Jugendlichen durch Moabit oder nutzt eine Parkbank als „Beratungsbank“ für vertrauliche Gespräche. Auch für Lucy sind die Gespräche wichtig: „Sie hat innerlich mit ihrer alten Schule abgeschlossen, aber noch keine Verbindung zur neuen. Wenn der Kontakt abreißt, verlieren wir sie ganz“, sagt Luther. Auch Marvin ist komplett abgetaucht. Luther greift zum Stift, schreibt einen Gruß und die Nummer ihres Diensthandys auf eine Postkarte. „Die Idee ist nicht neu“, erzählt die 38-Jährige. „Wir verschicken in den Sommerferien Grußbotschaften. Die Postkarten kommen gut an, denn viele Schülerinnen und Schüler haben zuvor weder welche geschrieben noch welche erhalten.“ Bei Marvin – wie bei etwa 30 Schülern – funktioniert die Corona-Postkarte. Er ruft noch am gleichen Tag Luther an und sie verabreden sich in der Schule. Gemeinsam richten sie einen Account für die Lernplattform ein. Und bereits nach zwei Tagen hat Marvin alle Mathematikaufgaben aus der Zeit des Lockdowns abgearbeitet – das sind zu diesem Zeitpunkt bereits sechs Wochen.

Anne Luther, SOS-Kinderdorf Berlin

„Die Schulschließungen haben einmal mehr deutlich gemacht, wie stark der Bildungserfolg von der sozialen Herkunft abhängt“, blickt Luther zurück. Ein Arbeitsplatz, ein Zimmer mit Schreibtisch – darüber verfügen Kinder aus bildungsfernen Familien häufig nicht. Ganz zu schweigen von einem eigenen Computer oder Laptop.

Soziale Herkunft bestimmt Bildungserfolg

„Die Schulschließungen haben einmal mehr deutlich gemacht, wie stark der Bildungserfolg von der sozialen Herkunft abhängt“, blickt Luther zurück. Ein Arbeitsplatz, ein Zimmer mit Schreibtisch – darüber verfügen Kinder aus bildungsfernen Familien häufig nicht. Ganz zu schweigen von einem eigenen Computer oder Laptop. Wichtig ist auch, ob die Eltern ihre Kinder dabei unterstützen können, Aufgaben in der E-Mail zu öffnen, auszudrucken und zu bearbeiten. Das ist nicht selbstverständlich, vor allem wenn sprachliche Schwierigkeiten hinzukommen. Aber wie kann man der Bildungsungerechtigkeit – während und nach der Coronapandemie – entgegenwirken? Positive Erfahrungen haben die Schulen mit Unterricht in kleinen Gruppen und zeitweise sogar mit individueller 1:1-Förderung gemacht, berichtet Luther. „Ich hätte mir gewünscht, dass unsere Schüler und Schülerinnen weiter so intensiv unterrichtet worden wären. So kann die Schule Bildungsungerechtigkeit, die durch Herkunft bedingt ist, mildern.“ Doch dafür wären viel mehr Ressourcen, mehr Lehrkräfte und damit mehr Geld nötig- und auch mehr Sozialarbeiter.

Quantensprung in der Digitalisierung

Trotz der schwierigen Voraussetzungen zieht Luther auch etwas Positives aus der Situation: „Wir haben einen Quantensprung in der Digitalisierung gemacht“, meint Luther. Während der Schulschließung sei außerdem deutlich geworden, dass kontinuierliche, persönliche Beziehungen immens wichtig seien. Schließlich haben die Schüler zurückgemeldet, dass ihnen während des Lockdowns der persönliche Kontakt zu ihren
Pädagogen am meisten gefehlt habe.

Und wie geht es Ahmed, Marvin und Lucy inzwischen? Lucy hat bei alternativen Schulprojekten hospitiert, sich für eines entschieden und dort die Probezeit bestanden. „Ich bin sicher, mit der richtigen Unterstützung wird das Mädchen einen guten Schulabschluss machen und ihren Weg gehen“, freut sich Luther. Marvin und Ahmed trifft die Sozialpädagogin wieder auf dem Schulflur und regelmäßig zu Gesprächen – oft bei Spaziergängen durch den Kiez.

*Name wurden zum Schutz der Person geändert.

Anne Luther, Schulsozialarbeit SOS-Kinderdorf Berlin

Inzwischen kann die Jugendsozialarbeiterin die Jugendlichen wieder in der Schule treffen. Spaziergänge durch den Kiez machen sie trotzdem noch. 


Jugendsozialarbeit an Berliner Schulen

Die Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie hat das Landesprogramm 2006 initiiert. Heute arbeiten in mehr als 290 Schulen Lehrer, Erzieher und Träger der freien Jugendhilfe zusammen, um Kinder und Jugendliche zu unterstützen und zu fördern.

SOS-Kinderdorf Berlin fördert das Programm an drei Schulen im Stadtteil Moabit: Carl-Bolle-Grundschule, Heinrich-von-Stephan- und Theodor-Heuss-Gemeinschaftsschule. Die Jugendsozialarbeiter von SOS-Kinderdorf stärken die Mädchen und Jungen in ihren Kompetenzen, unterstützen Familien in schwierigen Lebensumständen und sind den Pädagogen eine wertvolle Hilfe im Schulalltag.


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