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Mädchen sitzt mit Stift und Papier am Tisch
Interview mit Anne Luther

„Benachteiligungen erkennen und versuchen auszugleichen“

Deutschland braucht Nachhilfe. Denn Bildungsarmut ist noch zu eng an soziale Herkunft gekoppelt. Als Jugendsozialarbeiterin in Berlin-Moabit erlebt Anne Luther diese Ungleichheit unmittelbar. Wie kann es gelingen, einen Beitrag zu einer gerechteren Zukunft zu leisten?

Frau Luther, nicht alle Kinder haben die gleichen Chancen und Perspektiven. Weshalb?

Anne Luther: Chancengleichheit ist ein Fundament unserer Demokratie – sie ist auch im Grundgesetzes festgeschrieben. Eine rechtliche Gleichheit haben wir also – in der Praxis sieht das leider immer noch oft anders aus. Bildungsabschlüsse und beruflicher Status der Eltern und die materiellen Ressourcen einer Familie, wirken sich nach wie vor benachteiligend auf die Bildungschancen der Kinder aus. Kinderarmut spielt eine große Rolle, in Berlin ist fast jedes dritte Kind armutsgefährdet. Diese Benachteiligungen müssen wir erkennen und versuchen auszugleichen.

Anne Luther Schulsozialarbeit SOS-Kinderdorf Berlin

Anne Luther, SOS-Jugendsozialarbeiterin an einer Schule in Berlin-Moabit

Könnte man also sagen: Bildungserfolg wird weitervererbt?

Wissenschaftliche Studien aus dem vergangenen Jahr zeigen, dass Kinder aus Familien mit niedrigen Bildungsabschlüssen oft einen ähnlichen Bildungsweg einschlagen. Die Wahrscheinlichkeit, Abitur zu machen, ist für Kinder aus benachteiligten Familien deutlich niedriger als für Akademikerkinder.

Haben Sie ein konkretes Beispiel, wie sich die soziale Herkunft auf die Chancengleichheit auswirkt?

Die Bandbreite der Problemlagen, die mir als Schulsozialarbeiterin begegnen, ist erst einmal enorm. Manchmal sind es vermeintliche Kleinigkeiten: Streitereien zwischen den Jugendlichen, Ärger über eine Note oder mit einem Lehrer, Stress mit den Eltern über Ausgangszeiten. Doch es gibt auch akute Krisenfälle, in denen ich meinen Jugendhilfeauftrag wahrnehmen muss. Vor Kurzem musste ich eine Jugendliche in eine Kriseneinrichtung begleiten. Das Mädchen hat mit ihren 14 Jahren schon viele belastende Erfahrungen machen müssen: Es gab nie eine Person, die sie Mutter nennen konnte, keine stabilen Beziehungen, kein dauerhaftes Zuhause.

Ein anderes Beispiel ist ein Schüler, dessen Familie seit mehreren Jahren ohne gesicherten Aufenthaltstitel, also nur mit Duldung, in Deutschland lebt. Immer mit der Angst, vielleicht doch nicht in Berlin bleiben zu dürfen. Die kontinuierliche Erfahrung von Unsicherheit und Chancenungleichheit dieser beiden Situationen überträgt sich verständlicherweise auch auf die Kinder. Solche Erfahrungen können sich in Gewalt, Schuldistanz und anderem auffälligen Verhalten äußern – alle ein Zeichen für Not. Für diese Jugendlichen versuche ich im Schulalltag eine Konstante zu sein, sie zu unterstützen und dadurch auch ein wenig Sicherheit zu vermitteln.

Wie hilft die Jugendsozialarbeit des SOS-Kinderdorf genau?

An meiner Schule bin ich als Ansprechpartnerin für die 400 Schülerinnen und Schüler der Mittelstufe da; ich höre zu, berate, schlichte und unterstütze, wo ich kann. Es ist – mit Ausnahme akuter Kinderschutzfälle – ein offenes und freiwilliges Angebot. Das heißt: Niemand muss mitmachen, jeder darf zu mir kommen. Auch mit Eltern, Geschwistern und anderen Beteiligten der Jugendhilfe arbeite ich möglichst eng zusammen. Es ist ungemein hilfreich, dass ich mich mit Erzieherinnen und Erziehern, Lehrkräften und der Schulleitung beraten kann und dass wir uns gegenseitig unterstützen und ergänzen. Von Vorteil ist, dass es innerhalb des SOS-Kinderdorf Berlin viele Angebote und Kooperationsmöglichkeiten gibt, die mir in der täglichen Arbeit helfen und die auf kurzen Wegen erreichbar sind, wie zum Beispiel die Familienberatung, das Jugendberatungshaus oder Ausbildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen. So können wir gemeinsam in einem starken Netzwerk Jugendliche individuell und gezielt unterstützen.

Was wünschen Sie sich für Ihre Schülerinnen und Schüler?

Genau das. Jugendliche, die ihre Stärken kennen, die mutig sind und an sich glauben. Die Schülerinnen und Schüler sollen erfahren, dass sie wertgeschätzt, unterstützt und gerecht behandelt werden, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft. Schulleitung, Lehrkräfte, Sozialpädagogen und Erzieher – Wir alle haben die Mammutaufgabe, die uns anvertrauten Kinder und Jugendlichen bestmöglich zu fördern und zu unterstützen. An der Herkunft der Schülerinnen und Schüler können wir nichts ändern – an ihrer Zukunft im besten Fall schon.

Erfahren Sie mehr über das SOS-Kinderdorf Berlin: