SOS-Kinderdorfvater Jörg Lamprecht mit seiner Frau
Kinderdorfvater Jörg Lamprecht

Familie ist das Größte!

In einem SOS-Kinderdorf leben Menschen, die den Kindern auf ganz besondere Weise Halt und Geborgenheit geben. Einer von ihnen ist Kinderdorfvater Jörg Lamprecht, der in Dießen am Ammersee sechs Kinder betreut.

Wenn er nach seinem Beruf gefragt wird, gibt Jörg Lamprecht eine ungewöhnliche Antwort. „Ich habe sechseinhalb Kinder“, sagt er dann und lächelt. Natürlich ist das „halbe Kind“ ein Scherz: Weil in einem SOS-Kinderdorf Ehemalige immer willkommen sind, besucht ein flügge gewordener Schützling die Lamprechts regelmäßig. Im Kern aber sind es drei Mädchen und drei Jungen im Alter von neun bis 16 Jahren, die mit dem Kinderdorfvater und dessen Frau Eva-Maria im Kinderdorf Dießen am Ammersee unter einem Dach leben. Und das in einem neuen Haus, wo jedes Kind nun ein eigenes Zimmer besitzt. In dieser SOS-Kinderdorffamilie ist Familie damit tatsächlich fast im klassischen Sinne zu sehen: Vater, Mutter und die Kinder. Und trotzdem: Es bleibt das Besondere.

Klare Strukturen

Jörg-Olaf Lamprecht ist einer von nur drei SOS-Kinderdorf-Vätern in ganz Deutschland. Zur Gründerzeit war das noch ausgeschlossen: In jedem Haus gab es eine Kinderdorfmutter und neun Kinder. Inzwischen aber hat sich dahingehend doch einiges verändert auch Männer sind sehr gefragt, diesen verantwortungsvollen Beruf zu übernehmen.

Korrektheit, Geradlinigkeit, Orientierung an einer Vaterfigur sind Jörg Lamprecht wichtig. Ebenso will er die Kinder zu Eigenständigkeit und verantwortungsvollem Umgang mit Umwelt und Mitmenschen erziehen. Sein pädagogisches Credo: „Bei uns gibt es wenige Regeln, aber klare Strukturen. Ich versuche, korrekt zu sein, und ich bin sehr direkt – aber natürlich immer kindgemäß, damit es die Kinder verstehen können. Streng bin ich nur selten, dafür aber immer fair“, versichert der Kinderdorf-Vater.

Neuanfang in Bayern

Dass Ehefrau Eva-Maria ebenfalls bei SOS-Kinderdorf angestellt ist und mit in der Kinderdorffamilie lebt, hat sich als Glück erwiesen. „Wir ergänzen uns. Vieles kann ich nur machen, weil meine Frau unterstützend dabei ist“, erklärt der 59-Jährige. Er ist sich sicher: Die sechs Kinder, die aus verschiedenen Gründen nicht bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen können, leben gern bei ihm und seiner Frau. „Familie ist für mich das Größte“, sagt Lamprecht. „Als unsere beiden leiblichen Söhne flügge waren und meine Schwiegermutter, die wir lange gepflegt haben, verstorben war, wollte ich gerne noch mal etwas Neues anfangen.“ Dann stieß er auf eine Annonce von SOS-Kinderdorf. Wenig später zog der staatlich anerkannte Erzieher von Thüringen nach Bayern. Mit ihm und seiner Frau kamen zwei Heimkinder, um die er sich schon zuvor liebevoll gekümmert hatte.

Mit Herzblut lebt das Paar das Konzept Kinderdorffamilie: „Ich kann mir keinen schöneren Beruf vorstellen“, sagt Jörg Lamprecht. Ob SOS-Kinderdorf-Gründer Hermann Gmeiner überrascht wäre, träfe er heute in Dießen auf eine „männliche Kinderdorfmutter“? Darüber kann man nur spekulieren. „Nur was sich ändert, bleibt bestehen“, sagte Gmeiner einmal. Seine Vision bleibt ewig jung.