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Junge sitzt mit Frau an Schulaufgaben
Inland

Ein Dorf in der Stadt

Die Armut in Deutschlands Metropolen wächst – Leidtragende sind oft Kinder und Jugendliche. Deshalb ist es dort besonders wichtig, Familien und ihren Nachwuchs zu unterstützen und Bildungs- und Teilhabechancen zu eröffnen. SOS-Kinderdorf setzt dabei verstärkt auf städtische Kinderdörfer und Familienzentren in sozial schwachen Stadtteilen – und baut die Angebote in Großstädten Schritt für Schritt weiter aus.

Sporttrainerin Nursel

Sporttrainerin Nursel gibt zwei Mal pro Woche Sportkurse für Eltern mit Kind.

„Wie viele Liegestütze schaffst du heute? Und du? Und du?“ Freitagmorgen in der Waldstraße, Berlin-Moabit. Im ersten Stock des SOS-Familienzentrums ist Bewegung angesagt. Sieben junge Mütter turnen fleißig zu motivierenden Rhythmen. Zu ihren Füßen: sieben Babys. Vergnügt krabbeln sie von Matte zu Matte. „Noch zehn Sit-ups, dann habt ihr es geschafft“, motiviert Trainerin Nursel die Teilnehmerinnen. Als Ausklang wird gemeinsam ein Kinderlied angestimmt, dann ist die Sportstunde beendet.

Das kann sich jeder leisten

„Im Familienzentrum gibt es viele gute Angebote, die sich jeder leisten kann. Auch Leute, die nicht so viel Geld haben“, erzählt Nina, die nicht weit vom SOS-Kinderdorf wohnt und mit ihrer kleinen Tochter gleich mehrere offene Angebote im Familienzentrum besucht. „So komme ich raus und lerne nette Leute kennen.“

Das SOS-Kinderdorf Berlin ist nicht nur ein Anlaufpunkt für Mütter aus der Nähe, sondern auch für viele andere Bewohner des Viertels, egal ob alt oder jung. Ein Ort mitten in Berlin-Moabit, an dem wie in vielen Großstädten die Mieten für Wohnungen steigen – und alteingesessene Bewohner fortziehen müssen. Noch gibt es bezahlbare Wohnungen. Und das ist auch bitter nötig. Denn jeder Vierte unter 65 Jahren bezieht hier Hartz IV. Mehr als die Hälfte der Kinder und Jugendlichen unter 15 Jahren ist auf die staatliche Hilfe angewiesen. „Kinderarmut ist natürlich ein relativer Begriff“, sagt Coraly Brügmann, Koordinatorin des Familientreffs im SOS-Kinderdorf Berlin. „Fest steht: Viele Familien in Ballungsräumen haben immer weniger finanzielle Ressourcen, um an dem Leben um sie herum teilzuhaben.“ In armen Familien ist kein Geld da für Nachhilfe, Musikunterricht oder einen Sportkurs. Die Kinder fühlen sich von Aktivitäten ausgeschlossen, die für Gleichaltrige normal sind.

Städtische Kinderdörfer SOS-Kinderdorf

Armut in den Städten besonders hoch

Aufwachsen in Armut bedeutet zwar nicht zwangsläufig, dass Kinder arm bleiben, ist aber sehr wahrscheinlich. Armut ist ein Teufelskreis – und wird oftmals von Generation zu Generation weitergegeben. Der Bertelsmann Stiftung zufolge leben rund 21 Prozent aller Kinder in Deutschland über mindestens fünf Jahre dauerhaft oder wiederkehrend in Armut. Menschen in den Großstädten sind zudem besonders oft von Armut betroffen. So betrug der Anteil der Sozialleistungsempfänger an der Bevölkerung 2016 deutschlandweit 10,1 Prozent. Zum Vergleich: In Städten über 100.000 Einwohner lag der Anteil bei 14,1 Prozent.

Das erste städtische Kinderdorf in Deutschland, das 2005 in Moabit eröffnet wurde, will Kinder, Jugendliche und Familien vor Ort gezielt unterstützen. „Anstatt die Kinder von Orten wegzuholen, wo sie gefährdet sind, gehen wir dorthin, wo die Probleme entstehen. Das ist ein ganz neues Konzept“, so Dr. Birgit Lambertz, Geschäftsführerin und stellvertretende Vorstandsvorsitzende des SOS-Kinderdorf e.V. Wie in der Berliner Waldstraße finden Kinder, die nicht mehr bei ihrer Familie leben können, in den städtischen Kinderdörfern – und damit in ihrer Heimatstadt – ein neues Zuhause. Vier Kinderdorffamilien leben mittlerweile in Moabit.

Präsenz in den Städten ausbauen

In den letzten Jahren wurden die städtischen Kinderdörfer kontinuierlich ausgebaut, so wie in Essen und Dortmund. Sie geben Kindern und Jugendlichen, die nicht in ihrem Elternhaus aufwachsen können, ein geborgenes Zuhause. Durch das stationäre Angebot in der Stadt können sie in ihrer gewohnten Umgebung bleiben, weiter ihre Schulklasse oder ihren Sportverein besuchen oder ihre Freunde treffen. Die ambulante Unterstützung, beispielsweise in der Erziehungs- und Familienberatung hat das Ziel, Familien so früh wie möglich zur Seite zu stehen, bevor aus kleinen Problemen große werden. Kinder und Jugendliche bekommen die Möglichkeit, ihre persönlichen Stärken zu entfalten. Mit Angeboten wie Musik- oder Sprachunterricht oder einem günstigen Mittagstisch wollen die SOS-Kinderdörfer Teilhabe und Chancengerechtigkeit stärken. Auch im Hamburger Stadtteil Dulsberg entsteht künftig ein städtisches SOS-Kinderdorf. Erfahrungen des dort schon seit über 40 Jahren ansässigen SOS-Familienzentrums bilden die Grundlage für die Planungen.

Mehr Chancengerechtigkeit

Die Angebote der Familienzentren sind dabei vor allem auf Prävention und Teilhabe ausgerichtet. In Berlin gibt es beispielsweise Kooperationen mit Schulen, eine Kita und die offenen Angebote, an denen jeder mitmachen kann. SOS-Kinderdorf Berlin unterstützt Jugendliche und junge Erwachsene zudem dabei, ihren Weg ins Berufsleben zu finden, mit beruflicher Orientierung, Vorbereitung und Erstausbildung. „Wir möchten für mehr Chancengerechtigkeit sorgen und benachteiligte Kinder und Jugendliche fördern“, so Coraly Brügmann. „Prävention lautet dabei das entscheidende Stichwort. Mit den Angeboten unseres städtischen SOS-Kinderdorfs wollen wir die Menschen frühzeitig mit ambulanten Angeboten erreichen und die Familien stärken.“ Nicht immer ist das eine einfache Sache für die Mitarbeiter des Familienzentrums. „Viele trauen sich nicht nach Hilfe zu Fragen. Da braucht es leicht zugängliche Angebote, wie zum Beispiel die offene Nähstube“, so Coraly Brügmann. „Beim gemeinsamen Werkeln kommen wir mit den Leuten ins Gespräch, erfahren von ihren Sorgen und können ihnen so leichter zur Seite stehen.“

Das Familienzentrum – ein zweites Wohnzimmer

Familienzentrum SOS-Kinderdorf

Das Familienzentrum steht jedem offen – egal ob Jung oder Alt.

Auch Trainerin Nursel kennt die Sorgen der Mütter aus dem Kiez. „Nach dem Kurs sprechen wir oft über die kleinen und großen Alltagsprobleme.“ Sie selbst war eine der ersten, die in dem Zentrum vorbeigeschaut hat, als es 2005 seine Türen öffnete. Sie wohnt gleich in der Nachbarschaft. „Meine Kinder sind hier in die Kita gegangen, als sie noch klein waren. Gibt es Probleme oder Fragen, konnte ich mich hier beraten lassen – oder auch einfach mal hören, dass ich alles richtig mache. Ich bin alleinerziehend, da ist so ein Austausch sehr wichtig.“

Das Familienzentrum des SOS-Kinderdorfs Berlin ist mehr als nur ein Treffpunkt in der Nachbarschaft. Es ist ein Ort, an dem Menschen jeden Alters ihre eigenen Fähigkeiten und Ideen einbringen können – und vielleicht ein Stück Zukunft gewinnen. Werden die Eltern gefördert, profitiert davon immer auch der Nachwuchs.