Auch in Deutschland werden Kinder vernachlässigt

Alle 14 Minuten wird ein Kind zum Schutz vor Vernachlässigung aus seiner Ursprungsfamilie genommen

45.700 Fälle von akuter und latenter Kindswohlgefährdung meldeten die deutschen Jugendämter 2017. Solche Statistiken kann man nüchtern betrachten, sie erschreckend finden, sich die Frage stellen, wie so etwas in einem der wohlhabendsten Länder der Erde mit all seinen sozialen Sicherungssystemen überhaupt möglich ist. Und doch entfalten derlei Zahlen erst beim Blick auf die individuellen menschlichen Tragödien dahinter ihre ganze Wucht.

So hilft SOS-Kinderdorf

Vernachlässigung kann viele Facetten haben: Sie zeigt sich beispielsweise durch unzureichende Nahrung, mangelnde Hygiene, ein Fehlen an Geborgenheit oder lange Zeiträume, in denen die Kinder auf sich alleine gestellt sind.

Kinder, die deswegen ins SOS-Kinderdorf kommen, brauchen besonders viel Zeit und Aufmerksamkeit, um sich von solchen traumatischen Erlebnissen zu erholen. Damit die Kinder ihren emotionalen Schmerz dauerhaft verarbeiten können, benötigen sie eine individuelle Förderung. Damit wir ihnen schnell und unbürokratisch helfen können, sind wir auf Spendengelder angewiesen. Nur so können wir den Kindern sofortige Therapien vermitteln. Diese unterscheiden sich von Kind zu Kind: von Spieltherapie, über tiergestützte Pädagogik bis hin zu klassischer Psychotherapie.

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Traumatische Folgen - Wie Vernachlässigung ein Kinderleben prägt

Kindesvernachlässigung hat viele Gesichter

Vernachlässigung von Kindern ist eine Form der Kindesmisshandlung. Vernachlässigte Kinder leben in einem dauerhaften Zustand von Mangel., wie unzureichender Ernährung, mangelnder Hygiene, mangelnder Geborgenheit und Wärme. Für Außenstehende ist es vielleicht das Kind mit einem stark ungepflegtem Aussehen, das Kind, das selbst im Winter noch Turnschuhe und eine zu leichte Jacke trägt, das Kind ohne Pausenbrot.

Vernachlässigung prägt Kinder ein Leben lang

Neben kurzfristigen Folgen, wie Konzentrationsschwierigkeiten, selbstverletzendem oder aggressivem Verhalten, können Kinder ein Leben lang an posttraumatischen Belastungsstörungen oder Depressionen leiden, Borderline-Persönlichkeiten, Sucht und selbstschädigendes Verhalten entwickeln.

Warum vernachlässigen Eltern ihre Kinder? 

In den meisten Fällen leben diese Familien in einer belastenden Situation. Oftmals haben die Eltern selbst traumatische Erfahrungen in ihrer Kindheit erlebt und können diesen nicht aus eigener Kraft entfliehen. Manche Eltern sind aber auch schlichtweg überfordert, zum Beispiel wenn das Kind einen besonderen Förderbedarf hat oder es Krisen, wie Trennung oder Arbeitslosigkeit, in der Familie gibt.

SOS-Kinderdorf unterstützt bereits präventiv

Vernachlässigte Kinder benötigen Hilfe! In vielen Fällen benötigen erst einmal die Eltern Unterstützung. SOS-Kinderdorf kann Eltern durch eine Erziehungsberatung stärken und so Überforderungssituationen minimieren und das Verhältnis zwischen Eltern und Kind stärken. Kann ein Kind nicht mehr bei seinen Eltern leben, bieten wir in unseren Kinderdorffamilien und Wohngruppen die Chance auf ein neues, sicheres und liebevolles Zuhause. 

„Viele Familien leiden über mehrere Generationen an wiederholter Vernachlässigung, seelischer Misshandlung oder Gefühlskälte.

Heike Jockisch, Einrichtungsleiterin SOS-Kinderdorf Kaiserslautern

Weil auch die Eltern selbst schon viel Mangel erlitten haben, entsteht ganz häufig eine Art Konkurrenz der Bedürfnisse zwischen Eltern und Kindern. Eltern wollen dann erst mal sich selbst versorgt wissen, oder sehen im Schreien ihres Babys den Ausdruck von  Aggression gegen sich und nicht ein Kind, das sich nach Kontakt sehnt. So entsteht nicht selten eine Spirale des Sich-gestört-Fühlens durch das Kind und einer sich entwickelnden Aggression. Zunehmende Vernachlässigung und Kindesmisshandlung können die Folgen sein.

Für Kinder sind diese Erfahrungen traumatisch! Denn langanhaltende Vernachlässigung durch eine nahe Bezugsperson wird vor allem von kleinen Kindern als eine existenzielle Bedrohung erlebt.“

- Heike Jockisch, Leiterin des SOS-Kinderdorfs Kaiserslautern

Quellen:
Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe: Gefährdungseinschätzungen nach § 8a Absatz 1 SGB VIII; 2017; erschienen: 2018
Statistiken der Kinder- und Jugendhilfe: Vorläufige Schutzmaßnahmen, 2017; Statistisches Bundesamt (Destatis), 2018
Polizeiliche Kriminalprävention der Länder und des Bundes: Information Ihrer Polizei: Kindesmisshandlung – Kinder schützen. Eine Handreichung für Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte, 01/2019, https://www.polizei-beratung.de/medienangebot/detail/44-kinderschutz-geht-alle-an/
Dipl.-Psych. Dr. S. Mertel, Universitätsklinik u. Poliklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters Leipzig: Emotionale Vernachlässigung bei Kindern und Jugendlichen. Formen, Ursachen und Interventionen, Vortrag 31.01.2007