Erzieherin Melanie Patten
Interview mit Melanie Patten

„Die Kinder leiden Mangel“

Melanie Patten, Erzieherin und Koordinatorin im SOS-Kinderdorf Düsseldorf, erzählt im Interview über ihren Arbeitsalltag mit Kindern und deren Familie. Die 42-jährige betreut in der Tagespflege Babies und Kleinkinder im Alter von bis zu drei Jahren.

Frau Patten, Sie kümmern sich im Düsseldorfer Stadtteil Garath um Babies und Kleinkinder im Alter von bis zu drei Jahren. Was ist das Besondere an dieser Tagespflege von SOS-Kinderdorf?

Unsere Kinder kommen aus einem Stadtteil mit hoher Arbeitslosigkeit. Etwa 90 Prozent der Eltern, die ihre Kinder bei uns in die Tagespflege geben, haben keine dauerhafte Arbeit.

Warum wird dann eine Ganztages-Betreuung angeboten?

Viele Familien sind sozial benachteiligt. Zur Langzeitarbeitslosigkeit mit Hartz-IV-Bezug kommen häufig die Probleme von Alleinerziehenden. Auch chronische Krankheiten, Alkoholismus und andere Suchtprobleme sind ein Thema. Im Ergebnis leiden die Kinder Mangel. Die meisten wären in ihrer Entwicklung gefährdet, wenn sie den ganzen Tag im Elternhaus verbrächten.

Das ist ein trauriges Fazit. Können Sie es erläutern?

Der Mangel in den Familien ist zunächst mal praktischer Natur. Das Geld ist knapp, am Monatsende fehlt es am Nötigsten. Das sehen wir an den Frühstücksdosen, die die Kinder in die Einrichtung mitbringen. Leider herrscht aber oft auch ein Mangel an Einfühlungsvermögen und an Wissen. Was tut einer Zweijährigen gut, was nicht? Da müssen wir öfter nachhaken und ein Auge drauf haben.

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"In vielen Familien laufen die Kinder „nebenher“. Niemand schaut mit ihnen Bilderbücher an oder liest vor", so Melanie Patten.


Fallen Ihnen praktische Beispiele ein?

Als eher harmlose Anekdote fallen mir die Eltern ein, die ihrem Kind ein besonders gesundes Frühstück mitgeben wollten. Also hatte es ein paar schöne große Möhren dabei. Roh. Damit konnte das Baby, das erst über zwei oder vier Zähnchen verfügte, leider nicht viel anfangen. 

In vielen Familien laufen die Kinder „nebenher“. Niemand schaut mit ihnen Bilderbücher an oder liest vor, oft kommen sie kaum an die frische Luft. Die Eltern verbringen ja selbst zu viel Zeit im Internet oder vorm Fernsehen. Wenn wir mit den Kindern in den Garather Schlosspark gehen, wo es Pferde gibt, ist das ein echtes Highlight. Obwohl der Park ganz in der Nähe ist, sind viele Kinder dort noch nie mit ihren Eltern gewesen.

Wie erreichen Sie die Eltern, damit die es besser machen?

Durch Geduld und viele Gespräche, die meist stattfinden, wenn die Kinder gebracht und abgeholt werden. Die meisten wollen ihrem Nachwuchs ja gut, aber die Scham der Eltern über ihre soziale Randlage ist groß. Oft wird viel Energie investiert, um Probleme zu verbergen. Wenn allerdings Kindeswohlgefährdung im Raum steht, handeln wir offensiv. Notfalls auch in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt.

Das klingt dramatisch.

Einmal hatten wir eine Mutter, die uns amüsiert davon berichtete, dass ihr Kind wieder „aus dem Aschenbecher genascht“ habe. Sie wusste nicht, dass der Verzehr von Tabak für ein Kleinkind lebensgefährlich sein kann. Auch dass in der ganzen Wohnung geraucht wurde, fand sie in Ordnung. Wir konnten sie in intensiven Gesprächen davon überzeugen, dass sie ihr Kind besser schützen muss. Hätte sie sich nicht so einsichtig gezeigt, wären wir drastischere Schritte gegangen.

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