Geschwisterbande

Eine ganz besondere Beziehung

Geschwister verbindet immer etwas ganz Besonderes. Für Kinder, die in einem SOS-Kinderdorf leben, sind die leiblichen Geschwister oft noch wichtiger als für andere Jungen und Mädchen. So wie für Luisa und Laura aus dem SOS-Kinderdorf Gera, wo sie seit 2013 leben und ein neues Zuhause gefunden haben.

„Ich hab drei Gummibärchen. Wie viele hast du?“ Gerecht muss es schon zugehen, findet die kleine Laura, und zieht an der Tüte mit den Süßigkeiten, bis sie diese ihrer großen Schwester Luisa entrissen hat. „Sei still, hör auf“, ermahnt sie die Ältere und umarmt das kleine blonde Mädchen lachend. Gemeinsam wohnen die beiden seit September 2013 im SOS-Kinderdorf Gera. Luisa kann sich an das Datum noch genau erinnern. „Es war schön hier, weil alles neu war.“ Gleichzeitig macht sie dieser Tag aber auch ein bisschen traurig. „Meine kleine Schwester war erst zweieinhalb, als wir von zu Hause weg mussten.“

Ein Stück Familie

Geschwister können einander Kraft und Stärke geben

Geschwister können einander Kraft und Stärke geben

Die beiden verbindet ein besonderes Band. Für Laura ist ihre große Schwester ein Stück Familie, das sie mit ins SOS-Kinderdorf nehmen konnte. Ist sie mal ängstlich oder kann sie nicht schlafen, krabbelt sie in Luisas Bett, um sich trösten zu lassen.

Geschwisterbeziehungen haben immer eine große Bedeutung im Leben eines Kindes. Für Kinder, deren Eltern sich nicht angemessen um sie kümmern können, um so mehr. Wenn zu der Trennung von den Eltern und dem Wechsel an einen neuen Lebensort auch noch die Trennung von den Geschwistern kommt, verstärkt das zusätzlich die Belastungen der Kinder. Besonders wenn sie aus Verhältnissen mit Gewalt und Vernachlässigung kommen, vermitteln sie sich – selbst im Streit – Sicherheit, im Wissen um dasselbe Schicksal. „Die Herausnahme aus der eigenen Familie ist ein immens einschneidendes Erlebnis. Geschwister können sich gegenseitig eine Stütze sein“, erklärt Dr. Kristin Teuber, Leiterin des Sozialpädagogischen Instituts bei SOS-Kinderdorf. Diese Erkenntnis zählt seit über 60 Jahren zu den Grundprinzipien der pädagogischen Arbeit bei SOS-Kinderdorf. Im Normalfall werden die Kinder gemeinsam untergebracht – wenn nicht in einer Kinderdorffamilie oder Wohngruppe, dann zumindest in derselben Einrichtung. Das wünschen sich auch die meisten Kinder.

Früh Verantwortung übernehmen

Wissenschaftliche Studien zu Geschwisterbeziehungen im SOS-Kinderdorf betreibt das Sozialpädagogische Institut seit mehr als zehn Jahren und die Forschungsergebnisse zeigen: Brüder und Schwestern prägen im Leben mindestens so stark wie Eltern. Wenn Gewalt, Suchtkrankheiten oder Überforderungssituationen der Eltern das Aufwachsen bestimmen, entwickeln Kinder bereits im Vorschulalter „Überlebensstrategien“ für sich und ihre Geschwister. Oft sind sie einander die einzigen Bezugspersonen, wenn sie unter schwierigen Lebensumständen aufwachsen. Nicht selten übernimmt ein älterer Geschwisterteil die Rolle der Mutter oder des Vaters.

Kinder auf dem Spielplatz

Luisa musste schon früh Verantwortung für ihre kleine Schwester Laura übernehmen

So wie Luisa für Laura die Verantwortung übernahm, weil ihre Eltern das nicht konnten. Die beiden Geschwister haben viel Schweres durchgemacht, bevor sie ins SOS-Kinderdorf gekommen sind. Vater und Mutter haben sich kaum um die beiden gekümmert, die Wohnung der Familie befand sich in einem verwahrlosten Zustand. Zum Glück ist mittlerweile das SOS-Kinderdorf ihre Heimat geworden.

Bindung zu nicht leiblichen Geschwistern

Studienergebnisse zeigen auch: Jungen Menschen ist es sehr wichtig, sich wie in einem wirklichen Zuhause zu fühlen – mit einer verlässlichen Bezugsperson, die Wertschätzung und Geborgenheit vermittelt, und eben mit Geschwistern. Ein Großteil aller Kinder und Jugendlichen in stationären Erziehungseinrichtungen hat Geschwister. Doch die Zahl der Plätze in Betreuungseinrichtungen und Pflegefamilien, die Geschwistergruppen aufnehmen können, sind bei Weitem nicht ausreichend. Das Modell Kinderdorf eignet sich im besonderen Maße für ein gemeinsames Aufwachsen.

Oft leben auch Geschwistergruppen aus verschiedenen Herkunftsfamilien in einer Kinderdorffamilie, was ganz neue und vielfältige Formen von Beziehungen eröffnet. Die Entscheidung, welche Geschwistergruppen zusammen unter einem Dach untergebracht werden, ist komplex und muss genau geprüft werden. Bei der Zusammensetzung einer Familie im Kinderdorf spielen Alter und Entwicklungsstand eine wichtige Rolle. Gleichzeitig birgt die Kinderdorffamilie viel Potential für die positive Entfaltung und Entwicklung. „Wenn die Chemie stimmt und die Kinder sich am neuen Ort zugehörig fühlen, entstehen durch die Familiensituation nicht selten neue, eben soziale Geschwisterbeziehungen“, erzählt Dr. Kristin Teuber. Viele der älteren SOS-Kinderdorfkinder, die die Familie bereits verlassen haben, kommen häufig zu Besuch und halten die Beziehung zu ihren sozialen Geschwistern oft ein Leben lang aufrecht.

Luisa und Lara

Luisa und Lara sind ein gutes Team.

Eine eigene Persönlichkeit entwickeln

Wie auch immer die Konstellation in der jeweiligen SOS-Kinderdorffamilie im konkreten Fall aussieht: Wichtig ist, dass jedes einzelne Kind seine eigene Persönlichkeit entwickelt und die durch Erlebtes angenommenen Rollenmuster nicht dauerhaft beibehält. Noch ist Luisa diejenige, die Laura den Schulranzen abnimmt, wenn er ihr zu schwer wird, oder ihr bei den Hausaufgaben hilft. „Sie ist immer für ihre kleine Schwester da, stellt ihre eigenen Bedürfnisse oft hinten an“, erzählt Torsten Voigt vom SOS-Kinderdorf Gera. Und auch die anderen Kinder in ihrer SOS-Kinderdorffamilie können auf die Zwölfjährige zählen. „Luisa hat schon früh Verantwortung übernommen. Sie vergisst darüber manchmal selbst Kind zu sein. Wir ermutigen sie deshalb, stärker an sich zu denken.“


Zahlen und Fakten Ursprungsfamilien

Geschwister bei SOS-Kinderdorf

Das gemeinsame Aufwachsen von Geschwistern ist bei SOS-Kinderdorf seit jeher Programm und Qualitätsmerkmal. Die Vereinten Nationen haben dies erst 2009 in den Leitlinien für alternative Formen der Betreuung berücksichtigt. Aufgrund ihrer Struktur – mit Kinderdorffamilien und Wohngruppen – eignen sich die SOS-Kinderdörfer besonders dafür, Geschwistern ein gemeinsames Zuhause zu bieten. Auch Mädchen und Jungen unterschiedlichen Alters können nah beieinander untergebracht werden und täglich miteinander Kontakt haben.