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Geflüchtet in eine ungewisse Zukunft

Allein und minderjährig flüchtet Nuri nach Deutschland

Als Nuri* vor vier Jahren als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling nach Deutschland kam, fand er bei SOS-Kinderdorf in Düsseldorf eine neue Heimat. Heute ist der 19-Jährige ein Musterbeispiel dafür, wie Integration gelingen kann.

Wenn man Nuri mit einem Wort beschreiben müsste, wäre „zielstrebig“ eine gute Wahl. Gerade einmal vier Jahre lebt der junge Afghane nun in Deutschland. Die für ihn anfangs so fremde Sprache, spricht er inzwischen fast fehlerfrei. Und auch seine Zukunft hat der 19-Jährige schon weiter vorausgeplant, als die meisten anderen Jugendlichen in seinem Alter. Derzeit schließt er die Ausbildung zum staatlich geprüften Sozialassistenten ab. Anschließend wird er noch das Fachabitur machen, für das er sich bereits angemeldet hat. Und danach möchte er studieren: Pflegemanagement zum Beispiel „oder etwas anderes soziales“, sagt er.

Es ist nicht selbstverständlich, dass der junge Mann so gut in seinem neuen Leben und hier in Deutschland angekommen ist. Obwohl nur wenige Jahre seit seiner Ankunft vergangen sind, hat Nuri einen langen Weg hinter sich. Er kam 2015 nach Deutschland, in dem Sommer, der von Politik und Medien bald den umstrittenen Beinamen der „Flüchtlingskrise“ bekam. Zuvor hatte er mit seiner Familie den Großteil seines Lebens im Iran gelebt. Dorthin war die Familie vor den anhaltenden Unruhen in ihrer Heimat Afghanistan geflohen. Sicher waren sie aber auch hier nicht. Der Iran schickte immer mehr Soldaten in den syrischen Bürgerkrieg – viele von ihnen afghanische Flüchtlinge ohne Aufenthaltserlaubnis – so wie Nuris Familie. Teheran versprach denen, die sich bereit erklärten zu kämpfen, iranische Papiere. Denen, die sich verweigerten, drohte die Abschiebung. Für Nuris Vater war der Gedanke, den Sohn als Soldaten sehen zu müssen, unerträglich: „Da hat er mich nach Europa geschickt“, erzählt Nuri.  

Als er nach einer beschwerlichen Reise endlich in Deutschland ankam, war Nuri gerade einmal 15 Jahre alt – minderjährig und alleine in einem fremden Land. Zunächst kam er in einer Zeltunterkunft in Düsseldorf unter bis er in die Turnhalle des SOS-Jugendtreffs im Stadtteil Garath verlegt wurde. Diese Notunterkunft hatte SOS-Kinderdorf angesichts der sprunghaft angestiegenen Flüchtlingszahlen der Stadt Düsseldorf zur Verfügung gestellt. Hier konnten mehrere unbegleitete minderjährige Flüchtlinge übergangsweise unterkommen bis SOS-Kinderdorf mehrere Wohnungen für die Jugendlichen gefunden und angemietet hatte. In eine solche Wohngruppe zieht schließlich auch Nuri.

Viel Erfahrung mit der Flüchtlingsarbeit hatte vor dem Sommer 2015 niemand bei SOS-Kinderdorf in Düsseldorf. Doch die Mitarbeiter stellten bald fest, dass der Unterschied zu deutschen Jugendlichen, die sonst in den stationären Angeboten bei SOS-Kinderdorf leben, gar nicht so groß war. SOS-Mitarbeiterin Anja Spelsberg hat Nuri lange betreut und findet: „Zwischenmenschlich ist es genau das gleiche. Schwierig war es lediglich, Jugendlichen, die so lange auf sich gestellt waren, plötzlich wieder Regeln vorzugeben.“

Auch für Nuri war das am Anfang nicht ganz einfach, aber heute sagt er: „Ich habe in dieser Zeit viel gelernt“.  Schon bald arbeitete der junge Mann eifrig an seinem Neustart, besuchte Sprachkurse und übte mit Ehrenamtlichen Deutsch. In einer Abiturklasse durfte er zu einzelnen Schulstunden als Gast dazukommen. „Ich hab mich damals schnell entwickelt. Das ist auch anderen aufgefallen“, erzählt er. Schließlich machte Nuri seinen Hauptschulabschluss und begann eine Ausbildung, die er nun bald abschließen wird. Mittlerweile wohnt er im Verselbstständigungswohnen von SOS-Kinderdorf, ein Angebot für Jugendliche auf dem Weg ins Erwachsenenleben. Bald will Nuri von hier aus in seine erste eigene Wohnung ziehen. Auch sein Aufenthalt in Deutschland ist gesichert: Ein Abschiebungsverbot schützt ihn vor der Rückkehr nach Afghanistan.

Dass nicht allen Flüchtlingen das Ankommen in Deutschland so leicht gefallen ist wie ihm, weiß Nuri. Man müsse so einen Neustart auch ernst nehmen, findet er. Dass er heute so zielstrebig an seiner Zukunft arbeitet, dabei habe ihm auch SOS-Kinderdorf sehr geholfen: „Für mich war es ein sehr großes Glück bei SOS-Kinderdorf zu sein. Hier habe ich eine Richtung bekommen, in die das Leben geht.“

* Name zum Schutz der Person geändert