Gemeinsam mit anderen Jugendlichen lebt Christin in der Jugend-Wohngemeinschaft.
CareLeaver: Wenn es gilt, auf eigenen Beinen zu stehen

Christins großer Traum

Junge Menschen, die nicht bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen, müssen den Weg in die Selbstständigkeit viel früher bewältigen als andere junge Erwachsene. SOS- Kinderdorf begleitet sie dabei Schritt für Schritt. Eine dieser sogenannten „Care Leaver“ ist Christin: Die 18-Jährige steht kurz vor ihrer größten Herausforderung – dem Weg von der betreuten WG in ein autarkes Leben.

CareLeaver - der Sprung in die Unabhängigkeit

Vier Kilogramm "Stinte" am Tag - eine norddeutsche Fischspezialität - seien oft über ihr Schneidebrett gewandert, erzählt Christin. Im März hat die 18-Jährige ein Praktikum im italienischen Restaurant „Costa Smeralda“ absolviert. Ein erfolgreicher Testlauf für ihren großen Traum: Das Mädchen aus der SOS-Wohngemeinschaft Osterholz-Scharmbeck will Köchin werden. Schon im September beginnt sie eine Ausbildung als Beiköchin in Bremen. 

Ein Ziel vor Augen: das Praktikum in einem Italienischen Retsurant hat Spaß gemacht.

Ein Ziel vor Augen: das Praktikum in einem Italienischen Retsurant hat Spaß gemacht.

Christin freut sich auf die Ausbildung

Christin ist eine von rund 22.000 „Care Leavern“, die jedes Jahr das System der Kinder- und Jugendhilfe verlassen da sie volljährig werden. Junge Menschen, deren Betreuung in einem SOS-Kinderdorf, einem Heim, einer Wohngruppe oder einer Pflegefamilie endet. Sie müssen den Übergang in die Selbständigkeit sehr viel früher als andere Jugendliche bewältigen, oft bereits mit dem 18. Geburtstag – und das ohne den Rückhalt einer stabilen Familie. Für die bald 19-jährige Christin ist es im September dieses Jahres soweit – sie wird aus der betreuten Wohngemeinschaft ausziehen und den Schritt in die Unabhängigkeit wagen.

Ein Wochenplan hilft bei der Orientierung

Ein Wochenplan hilft bei der Orientierung

Kompetente Begleitung auf dem Weg in die Selbständigkeit

Derzeit wohnt Christin gemeinsam mit sechs weiteren Jugendlichen in einer betreuten Jugend-WG von SOS-Kinderdorf. Fünf Betreuer kümmern sich abwechselnd 24 Stunden rund um die Uhr um die Jugendlichen. Eine von ihnen ist Jennifer Steinhöfel. Die 28-jährige gelernte Heilerziehungspflegerin arbeitet hier seit der Eröffnung der SOS-Wohngemeinschaft vor fünf Jahren: „Wir sind da, um den Tag zu begleiten, um sich auszuheulen, um zu reden, um zu regeln, wenn es in der Schule Probleme gibt. Wir sind Betreuer, Berater, große Schwester, Onkel und Tante in einem“, sagt Steinhöfel. Die Wohngemeinschaft ist ein sicherer Rückzugsort für Teenager wie Christin, in deren Vergangenheit vieles in die falsche Richtung gelaufen ist.

Christin hatte keine leichte Kindheit. Ihre größte Bürde: Eine Lese- und Rechtschreibschwäche, die lange nicht adäquat behandelt wurde. „Als Kind habe ich jahrelang in einer Grundschule für die erste Klasse gelernt“, sagt Christin. „In einem Einzelraum, isoliert von der Klasse. In der Förderschule trifft sie auf die falschen Freunde, schwänzt immer öfter die Schule, in ihrer Familie kommt es zu Konflikten, vor allem mit ihrer Mutter. Das erste Mal rennt Christin mit 14 Jahren von zu Hause weg. 2016 eskaliert die Situation zu Hause: Christin wendet sich selbst an das Jugendamt, zieht wenige Wochen später in die SOS-Wohngruppe und wechselt eine andere Förderschule.

Wäschewaschen gehört zum Alleineleben dazu

Eine zweite wichtige Stütze: wieder Kontakt zu den leiblichen Eltern 

Ein halbes Jahr verging, bevor sie ihre Familie das erste Mal seit dem Einzug in der WG wiedersah, die schöne Überraschung zu Weihnachten missglückte. „Ich stand spontan mit Geschenken vor dem Haus meiner Eltern. Sie haben mich geschockt angeguckt und kaum mit mir geredet.“, erzählt Christin. Schon wenig später wendet sich das Blatt. Eine vorsichtige Annäherung findet statt – eng begleitet durch die Betreuer der SOS-Wohngemeinschaft. Die Bezugsbetreuer bereiten Christins Mutter auf die Begegnung vor. „Wir hatten damals viel Stress, aber jetzt hat sich alles beruhigt und läuft ziemlich gut“, sagt Christin. „Zweimal habe ich meine Familie jetzt schon alleine besucht, nächstes Wochenende übernachte ich das erste Mal wieder bei meiner Mama.“ Ein großer Fortschritt in kurzer Zeit. Wenn sich Mutter und Tochter heute treffen, geht es um die Zukunft, nicht um die Vergangenheit. „Es wäre Quatsch, das alles jetzt aufzuarbeiten“, sagt Steinhöfel. „Beide Seiten sind froh, erst mal wieder Kontakt zu haben.“

Gute Aussichten für die Zukunft

Die Folgen der fehlenden Förderung in der Kindheit sind auch heute noch spürbar und machen Christin zu schaffen. „Ich kann die Buchstaben nicht hören, wenn ich sie schreibe“, sagt Christin. Jedes neue Wort muss sie sich mühsam aneignen, Buchstabe für Buchstabe. Das ist auch der Grund, warum sie den Hauptschulabschluss nicht in einem Jahr bewältigt hat. In der Ausbildung bei der Förderungsgesellschaft für Bildung (FÖG) in Bremen-Neustadt wird Christin ab September mehr Zeit haben für ihren Abschluss. Innerhalb von drei Jahren kann sie dort den Hauptschulabschluss nachholen und zeitgleich eine Ausbildung zur Beiköchin machen. Wenn alles klappt, will sie sich danach zur Köchin weiterbilden.

Alleingelassen werden die Jugendlichen nach ihrem Schritt in die Selbständigkeit bei SOS-Kinderdorf nicht. „Allen Care Leavern geben wir unsere privaten Handynummern. Wir haben ganz viele Ehemalige, die sich bei Fragen bei uns melden oder auch öfter auf einen Café vorbeikommen. Wenn man will, gibt es diese Möglichkeiten.“

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