Fachtagung_2009_Ittel
SOS-Fachtagung 2009

Geschwister in der stationären Erziehungshilfe


„In desolaten Familiensituationen werden Geschwister häufig zu einer ganz bedeutsamen Ressource und zu wichtigen Bezugspersonen, manchmal auch zu Bindungspersonen,“ erklärte Daniela Reimer auf der Herbsttagung 2009. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität Siegen berichtete in ihrem Vortrag von intensiven Gesprächen mit Kindern aus Pflegefamilien. Sie ließ Pflegekinder zu Wort kommen, befragte sie zu ihren Erfahrungen in der Fremdunterbringung und zu der Bedeutung, gemeinsam beziehungsweise getrennt von ihren Geschwistern untergebracht zu sein. So erzählt ein Mädchen, das als älteste Schwester getrennt von ihren Geschwistern bei einer Pflegefamilie untergebracht ist: „Mein Bruder, der jetzt noch bei meiner leiblichen Mutter wohnt, hing ziemlich an mir, und er hat mich auch manchmal Mama genannt, weil ich immer so die Bezugsperson für ihn war. (…) Aber später haben sie (das Jugendamt) gesagt, ich dürfte meine Geschwister nicht mehr sehen. Die hab ich jetzt bestimmt schon fünf Jahre nicht mehr gesehen.“ Bei ihr ist die Sorge um die jüngeren Geschwister zum Lebensthema geworden.

Wie Kinder die Trennung von ihren Geschwistern erleben

In der sozialpädagogischen Praxis der Kinder- und Jugendhilfe fehlt es an systematischem Wissen zur Bedeutung von Geschwisterbeziehungen. Dieses Wissen ist jedoch sowohl bei der Entscheidungsfindung für eine Hilfe zur Erziehung aufseiten der Jugendämter wichtig, als auch im pädagogischen Betreuungsalltag von fremduntergebrachten Kindern und Jugendlichen. Ein anderes Mädchen beispielsweise erlebte die plötzliche Trennung von ihrer Familie nach einem Gerichtstermin folgendermaßen: „Das Schlimmste war, dass ich meinen Schwestern nicht Tschüss sagen konnte. Ich wurde als kleines Kind ins Auto gesteckt und weggebracht. Ich hab anscheinend dann ziemlich nach meinen Geschwistern geschrien, denn das fand ich eigentlich viel schlimmer, als nicht mehr bei meinen Eltern zu sein. Nach denen hab ich nicht großartig geheult.“ Die Erfahrungsberichte machen deutlich, dass die getrennte Unterbringung von Geschwistern zu Verlusterlebnissen führen kann, unter denen die Kinder lange zu leiden haben. Auf der anderen Seite kann aber eine gemeinsame Unterbringung zu Beziehungsdynamiken führen, die die einzelnen Kinder nicht immer unterstützen, sondern eher belasten oder gar gefährden. Für Fachkräfte gilt es, mit der notwendigen professionellen, zeitlichen und finanziellen Unterstützung Sensibilität für das Thema zu entwickeln sowie das Verhältnis zwischen den Geschwistern und ihre jeweilige Rolle in die Entscheidung über eine gemeinsame oder getrennte Unterbringung einzubeziehen.

Uneinheitliche Praxis ohne Rechtsgrundlage

Für die Unterbringung von  Geschwistergruppen besteht keine explizite Rechtsgrundlage, wie Prof. Dr. Johannes Münder Rechtsprofessor an der Technischen Universität Berlin und Vorstandsvorsitzender des SOS-Kinderdorf e.V., in seinem Eingangsvortrag darlegte. Dr. Gabriele Bindel-Kögel stellte Erkenntnisse aus einer Studie vor, bei der sie Jugendämter nach der Praxis der außerfamiliären Unterbringung von Geschwistern befragt hatte. Einblicke in die entwicklungspsychologische Bedeutung von Geschwisterbeziehungen lieferte Prof. Dr. Angela Ittel von der Technischen Universität Berlin. Schließlich formulierte Prof. Dr. Christian Schrapper von der Universität Koblenz-Landau Anforderungen an die sozialpädagogische Diagnostik und das Fallverstehen im Kontext der Geschwisterunterbringung. Aus den Vorträgen und Diskussionen auf der SOS-Herbsttagung wurde immer wieder deutlich, dass die gemeinsame Unterbringung von Geschwistern naheliegend, in der praktischen Umsetzung jedoch ein komplexes und anspruchsvolles Geschehen ist.

Forschungsprojekt und Publikationen des SOS-Kinderdorf e.V.

Dem SOS-Kinderdorfverein ist die gemeinsame Unterbringung und Begleitung von Geschwisterkindern in Kinderdorffamilien ein wichtiges Anliegen. Um das Wissen über Geschwister und ihre Beziehung zueinander zu erweitern, hat der Verein seit Herbst 2007 diesem Thema ein Forschungsprojekt gewidmet. Das Projekt „Geschwister in der stationären Erziehungshilfe" wird vom Sozialpädagogischen Institut (SPI) des SOS-Kinderdorf e.V. durchgeführt. Die Forschungsergebnisse werden sukzessive in SPI-Materialienbänden veröffentlicht. Dazu gehörten zuletzt die rechtswissenschaftliche Expertise von Johannes Münder und die Ergebnisse der Befragung in Jugendämtern. Die Resonanz auf die Tagung und die Diskussion mit den Fachleuten auf der Veranstaltung zeigten ein großes Interesse am Geschwisterthema.

Die SOS-Herbsttagung fand am 19. November 2009 im SOS-Kinderdorf Berlin-Moabit statt.

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