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SOS-Fachtagung 2015

Beziehung, Bildung, Befähigung und Beteiligung


Zuversicht für junge Menschen in der Kinder- und Jugendhilfe

Kinder und Jugendliche brauchen bestmögliche Entwicklungs- und Lernbedingungen für ihr Aufwachsen. Doch was zeichnet diese Entwicklungschancen konkret aus? Und welche Voraussetzungen sind dafür durch die Kinder- und Jugendhilfe wie auch auf politischer Ebene zu schaffen? Dieser Fragestellung gingen Fachleute aus Wissenschaft und Praxis auf der SOS-Fachtagung am 7. und 8. Mai 2015 in Berlin nach.

Besonderer Anlass war in diesem Jahr das 60-jährige Bestehen des SOS-Kinderdorfvereins. Im Fokus der Veranstaltung standen Beziehung, Bildung, Befähigung und Beteiligung als Kernprozesse pädagogischen Handelns. In Impulsvorträgen, einer Podiumsdiskussion und neun Workshops diskutierten dieTagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer unterschiedliche Facetten dieser vier „Bs“. Anhand empirischer Forschungsergebnisse und praktischer Erfahrungen näherten sich die Beiträge den Zusammenhängen und Wechselwirkungen von Beziehung, Bildung, Befähigung und Beteiligung.

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Auf dem Podium: Prof. Dr. Johannes Münder, Katja Dörner u.a.

Die Podiumsdiskussion am ersten Veranstaltungstag widmete sich dem Thema „Junge Menschen – ihr Wohl und ihre Rechte“. Über Kinderrechte und deren Verankerung im Grundgesetz diskutierten unter der Moderation des Vorstandsvorsitzenden des SOS-Kinderdorf e.V., Prof. Dr. Johannes Münder, Caren Marks, Parlamentarische Staatssekretärin beim BMFSFJ, Katja Dörner, Mitglied des Deutschen Bundestages, Bündnis 90/Die Grünen und Dr. Christian Lüders vom Deutschen Jugendinstitut. Die Podiumsgäste stimmten darin überein, dass die Rechte von Kindern in ihrer gesamten Vielfalt gesehen werden und ins Grundgesetz eingehen müssen. Dies sei nicht gleichbedeutend mit einer Schwächung der Elternrechte – im Gegenteil. Für die Umsetzung forderten die Diskutanten professionelle, verbindliche Strukturen, zum Beispiel zur Schaffung von Ombudsstellen, und einen eigenständigen Beratungsanspruch für Kinder und Jugendliche. Christian Lüders wies ausdrücklich darauf hin, dass gesetzliche Änderungen nur dann greifen könnten, wenn die Kommunen finanziell entsprechend ausgestattet würden.


Facetten von Beziehung, Bildung, Befähigung und Beteiligung

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Am ersten Veranstaltungstag standen die Themen Beziehung und Bildung im Mittelpunkt, der zweite Tag konzentrierte sich stärker auf die Aspekte Befähigung und Beteiligung. Prof. Dr. Jutta Ecarius von der Universität zu Köln widmete sich dem Thema Beziehungen in pluralen Lebenswelten. Sie richtete den Fokus auf die Frage, wie es jungen Menschen gelingen kann, ein aktives, authentisches Selbst zu entwickeln, das mit vielfältigen Optionen flexibel umgehen kann. Der Plenumsvortrag von Prof. Dr. Nadja Kutscher, Universität Vechta, beleuchtete das Thema Bildung als Auftrag der Kinder- und Jugendhilfe im Spannungsfeld von Subjekt und Gesellschaft. Prof. Dr. Heiner Keupp stellte die Frage in den Raum, was junge Menschen heute stark macht. Die Ressourcen junger Menschen zu erhöhen, bedeute, ihnen Verwirklichungschancen für ein selbstbestimmtes Leben zur Verfügung zu stellen und damit ihre Handlungsfähigkeit zu fördern. Das Recht auf Partizipation betonte Prof. Dr. Ulrike Urban-Stahl in ihrem Vortrag und unterschied zwischen Nicht-Beteiligung, Quasi-Beteiligung und einer weitreichenden Beteiligung.

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Fachforum mit Florian Straus

Die Schwerpunkte der Foren und Workshops reichten vom Verhältnis von Beziehung und Bindung über Beteiligung im Hilfeplan bis hin zur Medienbildung als Aufgabe der Kinder- und Jugendhilfe. Viele Teilnehmer fühlten sich vom Forum mit dem Fokus „Erleben von Zugehörigkeit als Grundlage für Befähigung und Beteiligung“ angesprochen: „Ich fand den Workshop mit Florian Straus toll über Zugehörigkeit. Es ist mir nicht klar gewesen, wie eindeutig diese sozusagen ein Marker dafür ist, dass Chancen steigen. Toll, dass es dafür empirische Nachweise gibt.“ Befragt nach ihrem Eindruck, bemerkt eine andere Teilnehmerin: „ Er hat genau wiedergegeben, wie ich das in meiner Arbeit in der Erziehungsstelle auch erlebe: Dass Kinder einfach dieses Zugehörigkeitsgefühl brauchen und dass man am besten „freundschaftliche Beziehungen“ zu den Herkunftseltern aufbaut. […] Das hat er noch mal alles aufgerollt und anhand von Balkendiagrammen gezeigt, wie die Kinder sich selbst äußern und wo sie sich wohler fühlen, in der Herkunftsfamilie oder bei SOS-Kinderdorf.“

Auch das politische Signal der Podiumsdiskussion wurde sehr positiv aufgenommen: „Ich finde es ganz wichtig, dass die Foren und Diskussionen einen Schluss zulassen: dass es sich lohnt, in Kinder und Jugendliche zu investieren und dass wir gerade im Bereich des Sozialpolitischen noch viel mehr tun müssen. Insbesondere Beteiligungsvoraussetzungen und die strukturellen Voraussetzungen im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe sind ein Themenfeld, das heute mehr denn je verteidigt werden muss, gerade vor dem Hintergrund von Einsparungsmaßnahmen der Kommunen“, so der Leiter einer Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung.