Praxisforschung_SOS-Längsschnittstudie
Forschung

SOS-Längsschnittstudie zur Handlungsbefähigung

Die SOS-Längsschnittstudie befasst sich mit dem Aufwachsen junger Menschen in der Heimerziehung sowie ihrem Übergang in die Selbstständigkeit und nimmt dabei auch den weiteren Werdegang von ehemaligen SOS-Betreuten in den Blick. Zu diesem Zweck werden in regelmäßig wiederkehrenden Befragungen Daten zu verschiedenen Themen erhoben. Eine besondere Rolle spielt dabei die Handlungsbefähigung* als wichtige Ressource für eine eigenständige Lebensführung.

Als Handlungsbefähigung wird insgesamt das bezeichnet, was Menschen zu einem selbstständigen Leben befähigt. Damit sind jedoch nicht allein verschiedene Einzelkompetenzen gemeint, sondern eine übergeordnete Fähigkeit, die Menschen dabei hilft, Chancen wahrzunehmen, Ressourcen zu aktivieren und mit Zuversicht ins Leben zu sehen. Dadurch sind sie in der Lage,

  • schwierige Situationen als bewältigbare Herausforderung anzusehen,
  • Herausforderungen eher selbstbewusst, neugierig und optimistisch anzugehen,
  • vorhandene Fähigkeiten und Ressourcen zu erkennen und tatsächlich zu nutzen,
  • neue Ressourcen für sich (leichter) zu erschließen und
  • mit Ambivalenzen und Unvorhergesehenem umzugehen.

Die Ausbildung von Handlungsbefähigung ist unter anderem von der Erfahrung abhängig, im eigenen Leben etwas bewirken zu können (Selbstwirksamkeit), von der Überzeugung, dass das Leben sinnvoll, verständlich und handhabbar ist (Kohärenzgefühl*) sowie von Schutzfaktoren, die es ermöglichen, schwierige Lebensbedingungen zu überstehen (Resilienz).

Datenerhebung

In der SOS-Längsschnittstudie kommen zwei Erhebungsmethoden zum Einsatz: schriftliche Befragungen und Interviews. Beide Methoden haben Vorteile, die sich gut für die Studie nutzen lassen: So stellen die Antworten aus den Fragebögen beispielsweise eine hohe Vergleichbarkeit sicher, während die Interviews ausführliche Nachfragen zu bestimmten Themen zulassen.

Die wiederholte Befragung derselben Personen während und nach der Unterbringung macht es zudem möglich, individuelle Entwicklungen zu untersuchen und Übergänge zu analysieren. Einen weiteren Vorteil bietet die Multiperspektivität der Erhebung: Durch die zusätzliche Befragung der Fachkräfte kann über die Selbsteinschätzung der Jugendlichen hinaus auch eine Fremdeinschätzung erfasst werden.

Durchführung und Inhalte der Befragungen

Alle zwei Jahre wird eine schriftliche Befragung mithilfe von Fragebögen durchgeführt (quantitative Befragung). Sie richtet sich an alle Jugendlichen ab zwölf Jahren, die in SOS-Kinderdorffamilien und -Wohngruppen leben, an die für sie zuständigen Fachkräfte und an junge Erwachsene, die aus einer SOS-Einrichtung ausgezogen sind (Care-Leaver).

Inhalt der Fragebogenerhebungen in den SOS-Einrichtungen sind neben der Handlungsbefähigung Aspekte der Betreuung (Beziehungen, Beteiligung, Zugehörigkeit, Unterstützung), die soziale Integration sowie Gesundheit, Wohlbefinden und Belastungen. Auch die Schul- und Ausbildungssituation wird erfasst und die Heranwachsenden werden nach Zukunftswünschen und Verselbständigungsprozessen gefragt. Darüber hinaus geht es um die Stärken und Schwächen der Kinder und Jugendlichen sowie um die Dokumentation von Veränderungen und Ereignissen.
In analoger Weise werden auch die SOS-Care-Leaver zu ihrer Lebenssituation befragt (Wohnung, Bildung und Beruf, Finanzen, Gesundheit, soziale Integration).

In den Jahren zwischen den Fragebogenerhebungen finden zusätzlich Interviews mit ausgewählten Jugendlichen in SOS-Einrichtungen und ihren Bezugsbetreuerinnen und -betreuern sowie mit SOS-Care-Leavern statt. In diesen vertiefenden Gesprächen werden Entwicklungsverläufe und -bedingungen insbesondere in Bezug auf die Handlungsbefähigung, die Betreuungs- und Lebenssituation sowie der Rückblick auf die Zeit in der SOS-Einrichtung thematisiert.

Begriffsklärung

Handlungsbefähigung

Personale Handlungsbefähigung meint das, was Menschen zu einem selbstständigen Leben befähigt. Gemeint ist eine Metaressource, die jungen Menschen dabei hilft, ihre eigenen Fähigkeiten angemessen einzuschätzen sowie Ressourcen zu erkennen und im passenden Moment zu nutzen. Besonders wichtig dafür ist es, Spannungen und Ambivalenzen auszuhalten und zu handhaben und mit widersprüchlichen Handlungsanforderungen im Alltag konstruktiv umgehen zu können. Handlungsbefähigung erlaubt es dem Betreffenden, sich zu verschiedenen Situationen zu verhalten, eigene Vorstellungen für sein Leben zu entwickeln und sich von Rückschlägen nicht entmutigen zu lassen. Die Ausbildung von Handlungsbefähigung ist in hohem Maße von der Erfahrung abhängig, in seinem Leben etwas bewirken zu können (Selbstwirksamkeit), von der Überzeugung, dass das eigene Leben sinnvoll, verständlich und handhabbar ist (Kohärenzgefühl) sowie von Schutzfaktoren, die es ermöglichen, schwierige Lebensbedingungen zu überstehen (Resilienz). Wenn Jugendliche Entwicklungsaufgaben und andere für sie wichtige Themen gut bewältigen, entwickeln sie damit zugleich ihre Handlungsbefähigung weiter. Dies gelingt umso besser, je mehr Möglichkeiten sie bekommen, in ihren Belangen beteiligt zu werden, mitzusprechen und sich in verschiedenen Lebensbereichen auszuprobieren.

Kohärenzgefühl

Der Begriff des Kohärenzgefühls wurde von dem Gesundheitsforscher Aaron Antonovsky (1923–1994) geprägt. Im Rahmen seiner Studien ging er der Frage nach, wie Gesundheit entsteht und was den Menschen gesund erhält. Zwischen 1970 und 1994 entwickelte er das sogenannte Salutogenesekonzept, ein komplexes Modell von Widerstandsressourcen, die der Mensch braucht, um Belastungen zu bewältigen und gesund zu bleiben. Kernstück dieses Modells ist das Kohärenzgefühl, das maßgeblich steuert, ob man Prozesse als sinnvoll oder sinnlos, als verstehbar oder undurchsichtig und als beeinflussbar oder fremdgesteuert erlebt. Wenn also Menschen ihr Leben als sinnhaft empfinden, wenn das, was ihnen widerfährt, für sie verständlich und erklärbar ist und wenn sie sich aufgrund ihrer Fähigkeiten als selbstwirksam erleben, können sie flexibel auf herausfordernde Situationen reagieren. Sie sind dann in der Lage, die jeweils richtigen Ressourcen auszuwählen und zu aktivieren, um die betreffende Situation zu bewältigen.