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Flucht, Ankommen und Integration

Wie SOS-Kinderdorf junge Menschen mit Fluchterfahrungen unterstützt

Geflüchtete Kinder und Jugendliche haben in Deutschland laut der UN-Kinderrechtskonvention die gleichen Rechte wie alle anderen Mädchen und Jungen auch. Der SOS-Kinderdorf e.V. setzt sich durch den Ausbau seiner pädagogischen Angebote und auf politischer Ebene dafür ein, dass sie nach ihrer Flucht gemäß den gesetzlichen Regelungen und geltenden Kinder- und Jugendhilfestandards bestmöglich untergebracht, betreut und gefördert werden. 

Entsprechend wird immer vom Kind bzw. Jugendlichen und seinem individuellen Hilfebedarf aus gedacht, seien es unbegleitete minderjährige Flüchtlinge oder Kinder, die mit ihren Eltern in Gemeinschaftsunterkünften leben.

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge

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Ein Teil der Kinder und Jugendlichen, die aus ihrer Heimat geflohen sind, kommt ohne Begleitung Erwachsener nach Deutschland. Häufig sind es die ältesten Söhne, die vorgeschickt werden. Nach langen, teilweise lebensgefährlichen Fluchtwegen werden die Jugendlichen meist ohne Papiere aufgegriffen, in Obhut genommen und in eine Clearingstelle gebracht. Neben der Grundversorgung erfragen und klären die pädagogischen Fachkräfte dort, z.T. unterstützt durch das Jugendamt, ihre individuelle Situation: Alter, Gesundheitszustand, psychische Stabilität, Bildungsstand und familiäre Situation.

Auf der Basis dieser Bedarfs- und Perspektivklärung werden die Jugendlichen dann in die am besten geeignete Wohnform vermittelt – in Jugendwohngruppen, -wohngemeinschaften oder in das betreute Wohnen von SOS-Kinderdorf oder anderen Trägern der Kinder- und Jugendhilfe. Dort entwickeln die Sozialpädagoginnen und -pädagogen gemeinsam mit den Jugendlichen Perspektiven, von Sprachkursen bis hin zu Schul- und Ausbildungsplätzen.

„Man braucht ein gewisses Angebotsspektrum, damit man die Jugendlichen entsprechend ihrer Bedarfe und Fähigkeiten unterstützen kann“, berichtet Karin Heck, Bereichsleiterin im SOS-Kinderdorf Saarbrücken. Wie alle jungen Menschen in der Kinder- und Jugendhilfe benötigen sie ein individuell auf sie abgestimmtes Angebot und Mitarbeiter, die Zeit für sie haben, die ihnen Wertschätzung und Anerkennung entgegenbringen. „Die jungen Flüchtlinge haben schon in früher Kindheit erlebt, dass ihre Familie aufgrund von Krieg und Gewalt auseinandergebrochen ist. Viele von ihnen sind daher sehr lebenstüchtig, oft aber emotional unterversorgt. Sie brauchen Zeit, um gewisse Entwicklungsschritte nachzuholen.“

Schule und Ausbildung

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Eine große Herausforderung liegt darin, dass die Jugendlichen hier aber viele Entwicklungs- und Ausbildungsschritte in kürzester Zeit angehen müssen, zumal die Hilfen zunächst nur bis zum 18. Lebensjahr bewilligt werden. Wenn ein unbegleiteter Minderjähriger mit 14 Jahren hierher kommt, hat er eine gute Chance, die Sprache zu lernen und die Schullaufbahn im üblichen Zeitrahmen zu absolvieren. Kommt jemand aber erst mit sechzehneinhalb oder 17 Jahren nach Deutschland, ist der Druck enorm, sofort einen Schulplatz zu bekommen und innerhalb eines Jahres in einer fremden Sprache den Abschluss zu erreichen. Eine Hilfe über die Volljährigkeit hinaus zu bekommen, ist nicht selbstverständlich.

Gelingt dies nicht, müssen die Jugendlichen mit 18 Jahren aus der Wohngruppe z.B. in eine Gemeinschaftsunterkunft wechseln. Horst Rumpf, Sozialpädagoge im SOS-Kinderdorf Nürnberg, begleitet junge Flüchtlinge in einem beruflichen Übergangsjahr und muss solche Umbrüche manchmal miterleben: „Da bricht erstmal eine Welt für sie zusammen. Wie sollen sie in Achtbettzimmern ohne Schreibtisch für die Berufsschule lernen?! Wir versuchen, sie dann wieder aufzufangen, aber es ist natürlich belastend für die Jugendlichen, die in der Regel hoch motiviert sind, zu lernen, Praktika zu absolvieren und sich bei Betrieben vorzustellen.“

Familien mit Flüchtlingskindern

Die meisten Flüchtlingskinder – etwa 90 Prozent – kommen in Begleitung ihrer Eltern nach Deutschland. Sie leben in Erstaufnahmeeinrichtungen und Gemeinschaftsunterkünften, die oft nicht am Wohl des Kindes orientiert sind. „Die Kinder sind dort massiv gefährdet“, sagt Felicitas Urbanek, Psychologin im SOS-Beratungs- und Familienzentrum München. „Die Familien leben ohne Privatsphäre auf engstem Raum. Auf den Fluren sind Menschen unterschiedlicher Herkunft untergebracht, die häufig sehr belastet, zum Teil schwer traumatisiert sind. Alle Türen sind offen, es fehlen Aufenthalts- und Rückzugsräume. Insbesondere die Kinder sind den Spannungen, teilweise auch körperlichen Auseinandersetzungen, schutzlos ausgesetzt.“

In diesen Unterkünften sind die Familien räumlich und sozial von der Gesellschaft isoliert. Sie berichten von bürokratischen Hürden, davon, ständig gefordert und zugleich hilflos zu sein, abhängig von den Behörden. Oft warten sie jahrelang auf eine Klärung ihres Aufenthaltsstatus, leben mit der ständigen Angst, nicht bleiben zu dürfen. Da vom Aufenthaltsstatus auch die Arbeitserlaubnis und der Umzug in eine eigene Wohnung abhängen, müssen die Familien häufig auf unbestimmte Zeit in dieser prekären Lebenslage ausharren. „Aufgrund ihrer Belastungen und Unsicherheiten sind viele Flüchtlingseltern selbst massiv destabilisiert“, bemerkt Urbanek. „So können sie ihren Kindern nicht immer den nötigen Halt geben.“

Offene Angebote in Gemeinschaftsunterkünften

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In dieser Situation geht es darum, die Kinder und ihre Familien in den Gemeinschaftsunterkünften überhaupt zu erreichen, ihnen – zunächst durch aufsuchende Arbeit – Zugang zu Beratung, Sprachkursen und offenen Treffs anzubieten und sie zu motivieren, in einem zweiten Schritt auch SOS-Einrichtungen zu besuchen. Das SOS-Kinderdorf Göppingen beispielsweise berichtet von einem enormen Zulauf zu einem Spieltreff, der in einer Gemeinschaftsunterkunft angeboten wird. 20 bis 40 Kinder und Jugendliche im Alter von zwei bis 16 Jahren nehmen jede Woche daran teil.

"Der Spielnachmittag wird so gut angenommen", sagt Einrichtungsleiterin Monika Pandikow, "weil es gelungen ist, trotz aller sprachlichen Hürden einen guten Kontakt mit den Familien in den Gemeinschaftsunterkünften herzustellen. Dadurch, dass die Kollegin vor Ort bekannt ist, immer wieder ihre Runde durch die Unterkunft macht und das Gespräch sucht, entsteht Vertrauen. Die Familien vermitteln einander durch Mund-zu-Mund-Propaganda: ‚Was die da machen, tut den Kindern gut. Da kannst du dein Kind hinschicken, da passiert nichts.‘ Die Menschen sind sehr aufgeschlossen und dankbar, dass ihre Kinder dort etwas Schönes erleben können.“

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Diese Treffen bewirken nicht nur, dass die Kinder in geschütztem und altersgerechtem Umfeld mal wieder spielen können. Viele stellen dort auch (Kriegs-)Szenen nach und bearbeiten dadurch belastende Erfahrungen. Die Jugendlichen suchen häufig den Kontakt zur Sozialpädagogin, um sich Rat zu holen oder persönliche Themen anzusprechen. Während die Verständigung in der Gruppe oft über Kinder läuft, die schon länger da sind und für andere dolmetschen, helfen im Kontakt mit den Eltern auch Comics und Zeichnungen weiter.

Kreative Wege für Integration und Teilhabe

Kreative Lösungen findet auch Sabine Genther, Leiterin des SOS-Mütterzentrums Salzgitter, täglich aufs Neue. Immer schnell und pragmatisch geht sie ans Werk, etwa wenn sie Spendengelder für Fahrkarten sammelt, damit die Familien mit öffentlichen Verkehrsmitteln aus den Gemeinschaftsunterkünften kommen können, wenn sie arabisch sprechende Frauen als Stadtteilmütter und Sprachmittlerinnen gewinnt oder mit Flüchtlingen nach Wegen sucht, damit diese auf dem deutschen Arbeitsmarkt Fuß fassen können.

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Sabine Genther, Leiterin des SOS-Mütterzentrums Salzgitter

Schon sehr früh hat sich Genther um Dolmetscher gekümmert und dafür eingesetzt, dass Flüchtlingsfamilien in ihren Stadtteil ziehen. Noch vor zwei Jahren standen dort viele Wohnungen leer, der Altersdurchschnitt stieg, und Genther hatte Sorge, ob sie eine ausgewogene Mischung von Jung und Alt in der Einrichtung dauerhaft würde aufrechterhalten können. „Jetzt sind ganz viele Menschen da“, freut sich Genther: „Mütter mit Kindern, Schwangere, junge Männer, die sich jetzt auch bei uns zu Hause fühlen und sich einbringen. Es ist wieder ganz lebendig!“

Derzeit kommen ungewöhnlich viele Männer aus dem arabischen Raum in das Mütterzentrum. Sie nutzen den offenen W-Lan-Zugang, nehmen an Computerkursen teil oder vertrauen sich der Sprachmittlerin an. Natürlich vernimmt die Einrichtungsleiterin auch kritische Stimmen: Wird das denn nicht zu viel, was machen wir denn jetzt? Genther ist es wichtig, dass Männer aus anderen Kulturkreisen sehen, wie deutsche Frauen leben: „Ich kann natürlich einen Kurs zum Rollenverständnis anbieten. Aber ich finde es viel wirkungsvoller, wenn die Männer im Alltag selbst erleben, dass hier z.B. viele Frauen in Führungspositionen sind. Die Männer sind willkommen, aber sie müssen sich hier einfügen.“

Integration funktioniert, wenn jede und jeder das Gefühl hat: Ich werde als Mensch gesehen

Wenn Besucherinnen oder Besucher Vorbehalte gegenüber Flüchtlingen äußern, spricht das Mütterzentrum Salzgitter sie freundlich, aber bestimmt darauf an: „Wir sagen ihnen: ‚Ihr dürft hier im Mütterzentrum so sein, wie ihr wollt, ihr bekommt alles, was ihr braucht. Und die Flüchtlinge auch. Ihr dürft bleiben und sie dürfen bleiben. Wir müssen jetzt nur ein bisschen zusammenrücken, aber ihr bekommt weiterhin unsere Aufmerksamkeit“, beschreibt Genther. „Um das leisten zu können, sorge ich auch für mehr Ressourcen. Und es stimmt, was alle sagen: Über die Begegnung, über das Erleben des Anderen, des Fremden entsteht Verständnis. Die Menschen müssen nur das Gefühl haben, sie kommen auch noch vor. Wenn jeder genug bekommt und das Gefühl hat, er wird gesehen, dann sind Menschen unglaublich bereit, etwas abzugeben, tolerant zu sein und auch zusammenzurücken.“

Der SOS-Kinderdorf e.V. übernimmt als bundesweit tätiger Träger der Kinder- und Jugendhilfe Verantwortung dafür, junge Menschen mit Migrations- und Fluchterfahrung sozial zu integrieren. Er leistet damit einen Beitrag zu einer der gesellschaftlichen Hauptaufgaben der kommenden Jahre.