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Fachthema

Familiale Betreuung bei SOS-Kinderdorf

Familiale stationäre Betreuung ist ein Kernangebot von SOS-Kinderdorf e.V., in dem wir seit Langem erfahren sind. Kinder, in deren Herkunftsfamilie aus verschiedenen Gründen fürsorgliche und entwicklungsförderliche Bedingungen nicht ausreichend gegeben sind, finden in SOS-Kinderdorffamilien und in anderen familial gestalteten Betreuungssettings, z.B. in Familialen Wohngruppen, ein vorübergehendes oder auch langfristiges Zuhause. 

Unsere Angebote passen wir kontinuierlich an gesellschaftliche Entwicklungen sowie aktuelle Bedarfe an. Große Herausforderungen, denen sich dabei der Verein und die stationäre Kinder- und Jugendhilfe insgesamt zu stellen haben, sind:   

  • In unseren Einrichtungen steigt insbesondere für jüngere Kinder die Nachfrage seitens der Jugendämter an längerfristigen familialen Betreuungsformaten.
  • Zugleich erschweren Fachkräftemangel und -fluktuation zusammen mit gesetzlichen Vorgaben (bspw. der EU-Arbeitszeitrichtlinie) die Umsetzung familialer Betreuungssettings in die Praxis. 


Zum Rückblick auf die SOS-Fachtagung „Früh in Fremdbetreuung – junge Kinder in der Heimerziehung


Familialität und Doing Family

Was zeichnet familiale Betreuung aus? Gelingende Familialität steht dafür, dass altersentsprechende Bedürfnisse des Kindes erfüllt und seine individuelle Entwicklung gefördert werden ─ in einem Setting, das Nähe und Vertrauen, Kontinuität und Zugehörigkeit sowie Fürsorge sicherstellt.  

  • Familialität, die im Alltag erfahrbar wird und sich durch eine beziehungsreiche Nähe im Miteinander der Fachkräfte und jungen Menschen auszeichnet, ist Kernprinzip unserer familialen Angebote. Familialität kann im Alltag der Angebote zwar jeweils unterschiedlich ausgestaltet sein, hat aber stets eine gemeinsame Perspektive, Haltung und Sprache. 
  • Der Doing-Family-Ansatz aus der Familienforschung (vgl. Karin Jurcyzk et al.) ist die fachliche Grundlage der familialen Angebote bei SOS-Kinderdorf. Dieser versteht Familie nicht als statisch und selbstverständlich, sondern als einen im alltäglichen Miteinander dynamischen und kontinuierlichen Aushandlungs- und Herstellungsprozess zwischen allen Beteiligten. 
  • Für die Heimerziehung bietet der Ansatz eine gute Orientierung, um Dimensionen von Familialität wie Zugehörigkeit, Nähe und Sorgepraktiken zu reflektieren, um den gemeinsamen Alltag familial zu gestalten sowie nach außen auch darzustellen.  

Familiale Betreuung im institutionellen Gefüge ─ ein Spannungsfeld

Familial leben, professionell handeln: In der familialen Betreuung wird das Spannungsfeld von „öffentlicher Erziehung“ und „privatem Familienleben“ besonders deutlich. 

  • Wie lassen sich in diesem speziellen Gefüge institutionelle und familiale, professionelle und private Anteile unterscheiden, aber auch gut miteinander verbinden? 
  • Wie lassen sich im Alltag Nähe und Distanz, Unmittelbarkeit und Fachlichkeit, Berufung und Beruf gut ausbalancieren? 


SOS-Kinderdorffamilie: komplexe Aufgaben- und Rollenvielfalt für Fachkräfte

Mehr Zeit, mehr Zuwendung – vor allem für junge Kinder in bindungssensiblen Phasen: Das Leben und Arbeiten in einem kleinen, familialen Rahmen wie bspw. in der Kinderdorffamilie stellt an die Fachkräfte hohe Anforderungen, um förderliche emotionale Bedingungen wie Nähe, Kontinuität, Zugehörigkeit, Sicherheit und Überschaubarkeit, aber auch die notwendige professionelle pädagogische Begleitung zu gewährleisten.

Grundsätzlich, aber auch tagtäglich stellt das besondere Setting der familialen Betreuung, insbesondere in der verdichteten Form der Kinderdorffamilie, für Betreuende eine komplexe und zugleich herausfordernde Rollenvielfalt dar – mit Auswirkungen auch auf das berufliche Selbstverständnis sowie das private Leben der pädagogischen Fachkräfte und insbesondere der Kinderdorfmütter und -väter.

  • Ein hohes Maß an Professionalität und Fachlichkeit ist erforderlich, um sich in diesem vielschichtigen Beziehungsgefüge handlungssicher zu bewegen.
  • Hierzu gehört auch der reflexive Umgang mit inneren Ressourcen (z.B. der eigenen Motivation und Identifikation mit dem als sinnhaft empfundenen Arbeitsumfeld), aber auch mit Stressoren und Belastungen (z.B. mit Paradoxen, Überforderung oder Unzufriedenheit).


Gute strukturelle Rahmenbedingungen sind entscheidend

Familialität in der stationären Betreuung kann ein ganz besonderes Qualitätsmerkmal sein ─ und jungen Menschen, die nicht bei ihren Herkunftsfamilien leben können, ein gelingendes Aufwachsen ermöglichen. Erforderlich ist hierfür ein entsprechend ausgestatteter Organisationsrahmen, der

  • umfangreiche Unterstützung und Begleitung, Wertschätzung und Mitbestimmungsmöglichkeiten
  • ebenso wie einen guten Personalschlüssel sowie angemessene und möglichst flexible Arbeitsbedingungen sicherstellt (z.B. individuelle Lösungen für Auszeiten und Unterstützung, die zu einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und persönlicher Lebensplanung beitragen). 

Hierzu gehört auch die Ausgestaltung der Zusammenarbeit mit der Herkunftsfamilie. Bei entsprechender Perspektivklärung kann bspw. die aktive Einbindung der leiblichen Eltern oder anderer Familienangehörige im stationären Setting z.B. durch „Erziehungspartnerschaften“ (Parenting) angestrebt werden. 


Kinderschutz und Beteiligung sicherstellen

Wenn Kinder in einem familialen Angebot der stationären Erziehungshilfe aufwachsen, ist ein besonders sensibler Umgang mit Kinderschutz- und Beteiligungsthemen erforderlich. Die größere Privatheit eines kleineren familialen Rahmens kann das Risiko eines „geschlossenen Systems“ erhöhen ─ Öffnungen nach und Zugänge von Außen sind daher als Gegengewicht immer sicherzustellen.

  • Systematisierte Schutzkonzepte und -prozesse müssen zur Basis des pädagogischen Alltags gehören – und darin auch gelebt werden.   
  • Ebenso wichtig sind altersgerechte und immer wieder nachjustierbare Beschwerde- und Beteiligungsmöglichkeiten. 



Headerbild: BearFotos/Shutterstock.com

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