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[---Image_alt---] Stageteaser - Interview
Bildung

Bildungswege junger Menschen verstehen und begleiten

Erkenntnisse aus der Forschung bei SOS-Kinderdorf

Bildung ist eine der zentralen Voraussetzungen für ein selbstständiges Leben nach den eigenen Vorstellungen. Dabei sind insbesondere formale Bildungsabschlüsse ein Schlüssel für gute berufliche Perspektiven, finanzielle Unabhängigkeit und damit auch für gesellschaftliche Teilhabe.

Bildungsbenachteiligung

Bildungschancen sind in der Gesellschaft jedoch ungleich verteilt. Kinder und Jugendliche, die in der stationären Erziehungshilfe aufwachsen, haben systematisch weniger Erfolg auf ihrem Bildungsweg als Gleichaltrige aus der Gesamtbevölkerung: Sie besuchen durchschnittlich niedrigere Schultypen, erzielen weniger hohe Abschlüsse und verlassen die Schule auch öfter ohne Abschluss.

Betrachtet man Zahlen aus der SOS-Längsschnittstudie von 2011, 2014 und 2016 (Genaueres zur Studie siehe Ende dieses Beitrags), so zeigt sich, dass weniger als 10 % der Jugendlichen, die in einer Einrichtung des SOS-Kinderdorfvereins aufwachsen, das Gymnasium besuchen. Im Bundesdurchschnitt liegt dieser Anteil hingegen bei 40 %. Umgekehrt gehen gut 25 % der SOS-Betreuten auf eine Förderschule, während nur 5 % ihrer Peers diesen Schultyp besuchen (Destatis, 2018). Insgesamt sind etwa 50 % der Jugendlichen aus SOS-Einrichtungen Haupt- oder Förderschüler, was ihnen in der Folge den Einstieg in eine Ausbildung und eine sichere Erwerbstätigkeit deutlich erschwert.

Was beeinflusst die Bildungschancen von stationär betreuten Kindern und Jugendlichen?

Die Bildungschancen junger Menschen hängen stark von strukturellen und institutionellen Rahmenbedingungen ab. Einen entscheidenden Einfluss haben auch die sozialen, ökonomischen und kulturellen Ressourcen, die Eltern in die Förderung ihrer Kinder einbringen können. Kinder und Jugendliche, die stationär betreut werden, kommen häufig aus sozioökonomisch nicht-privilegierten Herkunftsfamilien mit einem eher niedrigen Bildungsniveau.

 Familiale Risikolagen

[---Image_alt---] Interview 1

„Die Zahlen aus unserer Forschung bei SOS-Kinderdorf  zeigen, dass 80 % der leiblichen Mütter keinen Ausbildungsabschluss haben“, so Dr. Veronika Salzburger, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Sozialpädagogischen Institut des SOS-Kinderdorfvereins. „Nur 55 % der Mütter verfügen über einen Volks- oder Hauptschulabschluss; ein Drittel hat die Schule ohne Abschluss verlassen. Knapp die Hälfte der Väter und ein noch höherer Anteil der Mütter sind bei der Aufnahme ihres Kindes in eine SOS-Einrichtung erwerbslos und auf staatliche Transferleistungen angewiesen.“


Der Nationale Bildungsbericht 2018 identifiziert drei familiale Risikolagen, die Einfluss auf die Bildungs- und Entwicklungsprozesse junger Menschen nehmen: 

Finanzielle Risikolage:

Das Haushaltseinkommen liegt unter der Armutsgrenze.

Soziale Risikolage:

Sind die Eltern erwerbslos, sinken auch die gesellschaftlichen Teilhabechancen.

Bildungsbezogene Risikolage:

Die formale Qualifikation der Eltern, etwa ein fehlender oder niedriger Schulabschluss, wirkt sich direkt auf die finanzielle und soziale Risikolage aus.

Alleinerziehende und Familien mit Migrationshintergrund sind besonders häufig von mehreren der genannten Risikolagen betroffen. Es ist davon auszugehen, dass dies auch auf überdurchschnittlich viele Herkunftsfamilien von jungen Menschen in Einrichtungen des SOS-Kinderdorfvereins zutrifft.

Der Bildungshintergrund der Eltern beeinflusst den Bildungsweg der Kinder

„Kinder und Jugendliche in stationärer Betreuung besuchen mit höherer Wahrscheinlichkeit eine Förderschule, wenn ihre Eltern einen niedrigen Schulabschluss besitzen.“



Den Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungserfolg haben für Deutschland verschiedene Studien belegt. Auch die Forschungsergebnisse bei SOS-Kinderdorf bestätigen diesen Befund. „Aus unseren Erhebungen wissen wir, dass ein Zusammenhang zwischen dem Schulabschluss der Eltern und dem Bildungserfolg der Kinder besteht“, stellt Salzburger fest. „Konkret lässt sich nachweisen: Bei einem niedrigen Bildungsniveau im Elternhaus steigt auch für die Kinder die Wahrscheinlichkeit, eine niedrigere Schulform, insbesondere die Förderschule, zu besuchen.“

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Entsprechend zeigt eine repräsentative Studie für Deutschland (Gehrmann 2019), dass Kinder aus Elternhäusern mit einem hohen sozialen Status eine höhere  Bildungsaspiration entwickeln. Zum einen profitieren sie direkt von den finanziellen Möglichkeiten und andererseits erleben sie tagtäglich das Selbstverständnis, den Habitus ihrer Eltern und wie diese insgesamt mit Bildung und der Schule umgehen. Mit der Zeit verinnerlichen die Kinder diese Einstellungen und Verhaltensmuster, entwickeln eine ähnliche Haltung und haben dadurch bessere Chancen, im Schulsystem erfolgreich zu sein. Die Bildungserfahrungen und -einstellungen der Eltern manifestieren sich also im sozialen Milieu und werden an die junge Generation weitergegeben.

Welche Faktoren verbessern die Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen in der Heimerziehung?

„Je früher die Heranwachsenden in die Jugendhilfeeinrichtung gekommen sind, desto seltener besuchen sie eine Förderschule.“



Frühe Aufnahme, lange Verweildauer

„Auf der Basis unserer Daten aus der SOS-Längsschnittstudie haben wir uns auch angeschaut, welchen Einfluss die Dauer der Betreuung und das Aufnahmealter auf den Bildungserfolg haben. Und da sehen wir: Wenn die Kinder vor Schulbeginn in die stationäre Erziehungshilfe kommen, nivelliert sich dieser Transmissionseffekt. Das heißt, bei früherer Aufnahme und längerer Verweildauer sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder eine Förderschule besuchen“, so die Soziologin. 

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Dieser Befund deutet darauf hin, dass die stationären Hilfen einen kompensatorischen Einfluss nehmen können: Die jungen Menschen wachsen in der Heimerziehung in einem Umfeld mit guten ökonomischen Ressourcen auf. Eine möglichst lange Verweildauer, verlässliche und aufmerksame Bezugspersonen sowie ein pädagogisches Setting mit therapeutischen, kulturellen, musischen und sportlichen Angeboten wirken sich positiv auf das Lernen in der Schule wie auch auf ganzheitliche Bildungsprozesse der jungen Menschen aus. Inwieweit Kinder und Jugendliche in Bezug auf ihren Bildungsweg von dieser Ressourcenausstattung profitieren, hängt allerdings noch von weiteren wesentlichen Faktoren ab.

Beziehungsqualität und Anerkennung durch bedeutsame Personen 

Maßgeblich für die Entwicklung von positiven Bildungseinstellungen ist es, dass die jungen Menschen vertrauensvolle Beziehungen zu für sie bedeutsamen Erwachsenen erleben. Kinder und Jugendliche können mit höherer Wahrscheinlichkeit Bildungschancen für sich nutzen, wenn sie von einer ihnen wichtigen Bezugsperson kontinuierlich begleitet, motiviert und unterstützt werden. Oft sind es Schlüsselpersonen im schulischen oder außerschulischen Bereich, etwa Lehrkräfte oder Betreuer, die sich mit ihnen auseinandersetzen, sie anregen und fördern, die ihre Bildungserfolge anerkennen und auch bei Rückschlägen für sie da sind.

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„Es ist ganz entscheidend, wer diese Anerkennung gibt. Ein Lob ist natürlich wertvoller, wenn es von einer besonders bedeutsamen Person kommt. In der Soziologie und Psychologie sprechen wir in diesem Zusammenhang von ‚signifikanten Anderen‘. Und genau das bestätigen uns auch die Care-Leaver in unseren Interviews: dass es für sie essentiell war, dass diese eine Person ihnen etwas zugetraut hat, dass sie von ihnen mehr Einsatz gefordert und ihre Fortschritte und Erfolge anerkannt hat.“

Auseinandersetzung mit dem Bildungsweg der Herkunftsfamilie

Wenn Kinder in der Heimerziehung beginnen, sich mit ihren Bildungszielen auseinanderzusetzen, werden sie sich auch in diesem Zusammenhang irgendwann bewusst oder auch unbewusst ins Verhältnis setzen müssen zur eigenen Herkunftsfamilie. Dann geht es um Fragen wie: Welche Schul- und Ausbildungsabschlüsse haben meine Eltern erreicht? Möchte ich einen ähnlichen Weg einschlagen – oder will ich einen höheren Abschluss erreichen? Was passiert, wenn ich mich von meiner Herkunftsfamilie und ihren Bildungseinstellungen abgrenze? 

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Hier kommt es stark darauf an, wieweit die leiblichen Eltern es akzeptieren, vielleicht auch befürworten, dass ihr Kind einen höheren Bildungsgrad anstrebt. Es ist nicht auszuschließen, dass es zu einer Entfremdung kommt, wenn das Kind sich ambitioniertere Ziele setzt und dadurch auch in Bezug auf andere Lebensbereiche neue Einstellungen entwickelt, die von denen der Herkunftsfamilie abweichen. Gerade in diesem Prozess der Auseinandersetzung mit dem Herkunftssystem sind Vertrauenspersonen von großer Bedeutung, die die jungen Menschen sensibel begleiten, im Konfliktfall auffangen und hinsichtlich ihrer Bildungsaspiration weiter motivieren.

Herausforderungen für die Kinder- und Jugendhilfe


Mehr Zeit, um Bildungsabschlüsse nachzuholen

Bildungsverläufe sind nicht immer geradlinig – insbesondere nicht bei jungen Menschen, die in einer Einrichtung der stationären Erziehungshilfe aufwachsen. Viele der Kinder und Jugendlichen kommen mit sehr belasteten Biografien in die Heimerziehung. Nicht selten wurden sie vernachlässigt oder haben Gewalt-, Missbrauchs- und Trennungserfahrungen gemacht, die sie bewältigen müssen. Schmid (2007) kommt zu dem Ergebnis, dass etwa zwei Drittel der betreuten Kinder und Jugendlichen unter psychischen Belastungen oder sogar Erkrankungen leiden. Viele der jungen Menschen bringen darüber hinaus einen sonderpädagogischen Förderbedarf mit.

In Phasen, in denen Kinder oder Jugendliche einen Umgang mit ihren biografischen Erfahrungen finden müssen, bleibt ihnen nicht immer genügend Raum, Energie und Konzentration, um die schulischen Anforderungen zu erfüllen. Daher kann es für sie schwierig werden, die Bildungsziele in der (durch das Bildungssystem) vorgegebenen Zeit zu erreichen. Hinzu kommt, dass viele der Mädchen und Jungen – gemessen an ihrem vergleichsweise niedrigen Ausgangsniveau – besonders große Fortschritte machen müssten, um einen durchschnittlichen Bildungserfolg zu erzielen.

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„Unter diesen Bedingungen werden unter Umständen Bildungswege eingeschlagen, die nicht zum bestmöglichen Schulabschluss führen“, erläutert Salzburger. „Aus der internationalen Forschung (Cameron et al. 2012) wissen wir aber, dass Bildungsabschlüsse  von ehemaligen Betreuten häufig später nachgeholt werden. Da ist die Zeit tatsächlich ein entscheidender Faktor. Um junge Menschen in der Heimerziehung adäquat begleiten zu können und ihnen bessere Bildungschancen zu ermöglichen, benötigen wir mehr Durchlässigkeit im Bildungssystem. Wir müssen Betreuten und Care-Leavern die Chance geben, Schul- und Bildungsabschlüsse bis ins junge Erwachsenenalter nachzuholen. Viele von ihnen brauchen dafür mehrere Chancen!“

Wenn es einem jungen Menschen prinzipiell möglich ist, in kleinen Schritten einen höheren bzw. adäquaten Bildungsabschluss zu erreichen und einen beruflichen Weg einzuschlagen, der seinen Fähigkeiten und Neigungen entspricht, hat die Jugendhilfe dies bestmöglich zu unterstützen – auf rechtlicher, institutioneller und personeller Ebene.

Rahmenbedingungen verbessern und Spielräume nutzen

Da die stationäre Unterbringung häufig mit dem Erreichen der Volljährigkeit endet, sind die jungen Erwachsenen mit einem vergleichsweise frühen Übergang in die Eigenständigkeit konfrontiert. Diese Situation führt dazu, dass Bildungsentscheidungen bisweilen eher pragmatisch und mit Blick auf die nahe Zukunft getroffen werden, um die jungen Menschen auch nach ihrem Auszug finanziell versorgt zu wissen.

Hier sollte die Kinder- und Jugendhilfe bewusst gegensteuern, indem sie die Betreuten gezielt dabei unterstützt, den für sie bestmöglichen beruflichen Weg zu finden und auch tatsächlich einzuschlagen – selbst wenn er länger dauern sollte. Entsprechend ist in der Erziehungs- und Hilfeplanung wie auch im pädagogischen Alltag mehr Augenmerk auf die individuellen bildungsbezogenen Ziele der jungen Menschen zu legen und darauf, ob sie diese erreichen. Dazu zählt insbesondere, eine Kultur des Bildungsaufstiegs zu etablieren und den Heranwachsenden eine positive Bildungseinstellung zu vermitteln.

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Nicht zuletzt hat die Jugendhilfe so lange in der Verantwortung zu bleiben, bis die jungen Menschen ins Erwerbsleben eintreten. Hier gilt es schon jetzt, die bestehenden rechtlichen Möglichkeiten der Hilfe für junge Volljährige bestmöglich für die Begleitung junger Erwachsener auf ihrem Bildungsweg auszuschöpfen und sie zu ermutigen, diese Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Gemeinsames jugendhilferechtliches und -politisches Ziel sollte es sein, einen Rahmen zu schaffen, in dem mehr Zeit und Ressourcen in die Bildungsförderung von Care-Leavern fließen können. Dieses wäre ausdrücklich im SGB VIII zu verankern.

SOS-Längsschnittstudie

Die „SOS-Längsschnittstudie zur Handlungsbefähigung junger Menschen auf dem Weg in die Eigenständigkeit“ beschäftigt sich mit dem Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen in Einrichtungen des SOS-Kinderdorfvereins sowie mit ihrem Übergang in die Selbstständigkeit. Im Mittelpunkt steht die Frage, was junge Menschen brauchen, damit ihnen der Schritt ins Erwachsenenleben gut gelingt, und wie sie im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe dabei unterstützt werden können.

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In der SOS-Längsschnittstudie kommen sowohl quantitative als auch qualitative Forschungsmethoden zum Einsatz. Das Sozialpädagogische Institut (SPI) des SOS-Kinderdorf e.V. und das Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) führen regelmäßig Fragebogenerhebungen und Interviews mit jungen Menschen während und nach ihrer Betreuung in SOS-Einrichtungen durch. Die Fragebogenerhebung wird alle zwei Jahre durchgeführt und richtet sich an alle Betreuten ab dem zwölften Lebensjahr, deren Bezugsfachkräfte sowie an SOS-Care-LeaverInnen. In den dazwischenliegenden Jahren werden Teilstichproben (Betreute und Ehemalige) leitfadengestützt interviewt. Die dadurch gewonnenen Fallbeispiele ermöglichen ein tieferes, kontextuelles Verstehen wichtiger Entwicklungen und Übergänge. Besonders in den Blick genommen wird dabei die Handlungsbefähigung als zentrale Ressource für eine eigenständige Lebensführung. Mehr Informationen zur Studie finden sich unter www.sos-kinderdorf.de/sos-laengsschnittstudie.

Quellen

Cameron, C., Jackson, S., Hauari, H. & Hollingworth, K. (2012). Continuing educational participation among children in care in five countries: some issues of social class. Journal of Education Policy, 27(3), 387-399. DOI: 10.1080/02680939.2011.644811

Destatis (Hrsg.) (2018). Allgemeinbildende und berufliche Schulen. SchülerInnen nach Schularten.

Salzburger, V., Mraß, U. (2020). Förderschule und Jugendhilfe: Kann die stationäre Unterbringung Bildungsbenachteiligung kompensieren? (zur Begutachtung eingereicht bei der Zeitschrift für Pädagogik)

Schmid, M. (2007). Psychische Gesundheit von Heimkindern. Eine Studie zur Prävalenz psychischer Störungen in der stationären Jugendhilfe. Juventa.