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Beziehung

Netzwerkkompetenz: Ressource und Herausforderung für Care-Leaver

Für alle Jugendlichen ist der Prozess des Selbstständigwerdens Entwicklungsaufgabe und Lebensabschnitt zugleich. Die Fähigkeit zur eigenständigen Beziehungsgestaltung spielt dabei eine zentrale Rolle. Für Care-Leaver ist diese Kompetenz eine besonders wichtige Ressource. Denn oft wesentlich früher als gleichaltrige Peers müssen sie sich in der Selbstständigkeit zurechtfinden. Mit Erreichen der Volljährigkeit haben sie häufig die Einrichtung zu verlassen und erhalten nur noch eine Hilfe für junge Volljährige. Familiäre Unterstützung gibt es oft keine. In dieser Lebenssituation sind verlässliche Beziehungen auf Augenhöhe besonders relevant. Zugleich fällt es gerade diesen jungen Menschen aufgrund psychosozialer Belastungen oft schwerer als anderen, Kontakte zu knüpfen und Beziehungen einzugehen.

Warum Netzwerkkompetenz wichtig ist

„Ich kann jetzt einfach auch auf Leute zugehen […], mein Selbstbewusstsein weiter ausbauen […]. Und das macht mir Spaß. […] Ich hab eine sehr gute Menschenkenntnis und ich weiß auch […], wer jetzt schlecht ist für mich.“

Eindrücklich betont diese Selbsteinschätzung eines von uns interviewten Care-Leavers die Bedeutung der Netzwerkkompetenz für die eigene Motivation und Handlungsfähigkeit ‒ sowie den Zusammenhang zwischen Selbstwertgefühl, bewusst ausgewählten Beziehungen und Zufriedenheit mit dem eigenen Leben. Auch in unserer Forschung herrscht Konsens darüber, wie eng die Fähigkeit zur eigenständigen Beziehungsgestaltung mit Handlungsbefähigung, Selbstwirksamkeit und allgemeiner Lebenszufriedenheit verknüpft ist. Wir wissen, dass ein tragfähiges soziales Netzwerk vor allem in der ersten Zeit der Selbstständigkeit die Lebenszufriedenheit und Gesundheit junger Erwachsener sowie deren Fähigkeit zur Bewältigung von Entwicklungsaufgaben positiv beeinflusst. 

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Die sozialen Netzwerke von SOS-Care-Leavern

Die soziale Einbindung von Care-Leavern aus SOS-Einrichtungen stand im Fokus unserer qualitativen Erhebung, die wir zwischen 2017 und 2019 im Rahmen der SOS-Längsschnittstudie zur Handlungsbefähigung junger Menschen auf dem Weg in die Eigenständigkeit durchführten: Wie sehen die sozialen Netzwerke unserer Ehemaligen aus? Welche Faktoren während des stationären Aufenthaltes und danach beeinflussen ihre Beziehungsgestaltung? Einige zentrale Ergebnisse nach Auswertungen der Interviews und Netzwerkkarten, die wir während oder im Nachgang zu den Gesprächen erstellten, sind:

  • Viele Care-Leaver scheinen überwiegend kleine soziale Netzwerke mit einem hohen Anteil an nicht selbst gewählten Beziehungen zu haben. 
  • Ihre Beziehungen bestehen vor allem zu Personen aus der Herkunftsfamilie und aus dem professionellen Hilfesystem. 
  • Eher selten sind unsere befragten Care-Leaver in eine Gruppe/Clique eingebunden.

Peer-Netzwerke: Beziehungen auf Augenhöhe

Insbesondere der letzte Punkt unserer Auswertungen weist auf einen Netzwerkbereich hin, dessen Wichtigkeit im institutionellen Alltag oft unterschätzt wird: Freunde. 

„Also, ja, Freunde sind schon sehr, sehr wichtig, neben Familie. Ja. Es gibt ja auch immer so ein schönes Sprichwort, Familie kann man sich nicht aussuchen und die Freunde schon.“

So unterstreicht diese Feststellung einer jungen Frau im Interview zum einen die enorme Bedeutung von Freunden und zum anderen die Möglichkeit, sich diese ‒ im Gegensatz zur Herkunftsfamilie ‒ aktiv und selbstbestimmt auszuwählen. In der ersten Fragebogenerhebung nach dem Auszug beschreiben 225 Care-Leaver ebenfalls die Bedeutung des Netzwerkbereichs „Freunde/Peers“ sowie die Zugehörigkeit zu einer Gruppe/Clique: 

  • Für 68 % der befragten SOS-Care-Leaver sind „ein Freund/eine Freundin“ „wichtig“ oder „sehr wichtig“ in ihrem Leben. 
  • Mehr als 45 % der Ehemaligen stufen ihre Clique bzw. Gruppe, der sie angehören, als „sehr wichtig“ oder „wichtig“ ein.

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Das letztgenannte Ergebnis verdeutlicht im Umkehrschluss aber auch, dass fast die Hälfte der befragten Care-Leaver eben nicht zu einer festen Peergroup gehört. Warum fällt es einem nicht unbeträchtlichen Teil junger Menschen anscheinend schwer, Kontakte zu Gleichaltrigen zu knüpfen – und damit selbst gewählte Beziehungen auf Augenhöhe einzugehen?

Risikofaktoren für die Netzwerkkompetenz

Risikofaktoren für die Netzwerkkompetenz sind zum einen im institutionellen Setting, zum anderen auf individualpsychischer Ebene angesiedelt. Zu den institutionell bedingten Faktoren gehört vor allem der oben beschriebene hohe Anteil an nicht selbst gewählten Beziehungen insbesondere zu Personen aus dem professionellen Hilfesystem. Auch wenn diese Beziehungen in der Regel positiv bewertet werden, sind es doch hierarchisch angelegte „Hilfe-Beziehungen“. Beide Seiten befinden sich in vorgeprägten Rollen – und immer auch in der Gefahr, in diesen zu verharren. So lassen sich Eigeninitiative, aktive Beziehungsgestaltung oder einfach Menschenkenntnis kaum erlernen. Auch ein institutioneller Alltag mit festen Abläufen und verschiedenen Regeln erschwert es mitunter, den eigenen Beziehungen und Aktivitäten mit Freunden und der Clique nachzugehen.

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Psychische Belastungen wirken sich ebenfalls negativ auf die Netzwerkkompetenz aus. Beziehungsfähigkeit ist die psychische Grundlage jeglicher Beziehungsgestaltung. Sie wird von Kindheit an erlernt und ist von biografischen Bedingungen abhängig, die in der Regel der Fremdunterbringung zeitlich vorausgehen. Care-Leaver, die häufig aus Familien in prekären Lebenslagen kommen, haben oft negative Bindungs- und Beziehungserfahrungen gemacht und für sich wichtige Bezugspersonen als nicht verlässlich erlebt. Vor allem schmerzhaftes Trennungserleben kann sich lange destruktiv auf Beziehungsfähigkeit auswirken, das Vertrauen in Menschen beschädigen – und somit auch das aktive Erschließen von Sozialkontakten. Wie kann in der pädagogischen Praxis den negativen Auswirkungen früherer Beziehungserfahrungen entgegengewirkt werden?

Beziehungsfähigkeit im pädagogischen Alltag stärken

Die Bewältigung traumatischer Beziehungserfahrungen ist für emotional vorbelastete Kinder und Jugendliche daher von zentraler Bedeutung. Eine reflektierte und verlässliche Beziehungsarbeit trägt hierzu entscheidend bei: Wenn Fachkräfte den betreuten jungen Menschen immer wieder stabile, wertschätzende Beziehungen anbieten und so positive Bindungserfahrungen im Alltag möglich machen, können belastende Erfahrungen korrigiert und ihre Beziehungsfähigkeit gestärkt werden. Zudem sollten Kinder und Jugendliche im Rahmen dieser Betreuungsbeziehung Erlebnisse und Erfahrungen aus der Herkunftsfamilie aufarbeiten und so den wichtigen Prozess der Selbstpositionierung und gesunden Ablösung beginnen.

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Welche Rahmenbedingungen kann die Jugendhilfe schaffen?  

Netzwerkkompetenz ist eine zentrale Entwicklungsaufgabe für alle Jugendlichen. Wenn jedoch junge Menschen mit Jugendhilfebiografie diese bewältigen, trägt dies entscheidend zu einem gelingenden Verselbstständigungsprozess bei: Sie werden damit eher unabhängig vom professionellen Hilfesystem und geraten in der herausfordernden Phase des Übergangs weniger in soziale Isolation. Zum gesetzlich vorgegebenen Zeitpunkt des Auszugs ist diese Fähigkeit bei vielen allerdings noch nicht weit genug gediehen ‒ auch weil sich die Vorbereitungen auf den Auszug oftmals zu einseitig auf die Vermittlung ganz alltagspraktischer Fähigkeiten konzentrieren. 

Zentrales Ziel sollte es daher sein, die Schlüsselressource Netzwerkkompetenz vor allem im Peer-Kontext bereits während der Betreuungszeit zu stärken und zu fördern. Hierfür sollten Freiräume im institutionellen Alltag geschaffen werden: etwa für unbeaufsichtigte und selbst gestaltbare Zeitabschnitte mit Gleichaltrigen sowie für die Ermöglichung und Förderung von Kontakten zum umliegenden Sozialraum (z.B. offene Angebote, Feste, Fahrdienste oder Besuchstage und -regelungen). 

Betreuungspersonen spielen für die jungen Menschen eine ganz entscheidende Rolle bei der Verarbeitung belastender oder traumatischer Beziehungserfahrungen ‒ und damit für den Aufbau von Beziehungsfähigkeit im Alltag. Aber: Beziehungsorientierte Arbeit benötigt eine die einzelnen Fachkräfte beispielsweise durch Supervision und Feedback von Kolleg/-innen stützende und orientierende pädagogische Linie der Einrichtung, die Kontinuität und einen entsprechenden Personalschlüssel gewährleistet.

Und Peers in Zeiten von Corona?

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Schulen, Ausbildungsstätten, Sport- und Freizeiteinrichtungen: Aktuell sind durch die Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie nicht nur Bildungsräume, sondern auch essentielle Entwicklungsräume, in denen Jugendliche im Gegenüber anderer Gleichaltriger heranwachsen, sich selbst verorten, Optionen für ihr Leben ausloten, phasenweise „versperrt“ oder nur eingeschränkt zugänglich. Es fehlen dringende Antworten darauf, wie sich ihre grundlegenden Entwicklungsbedürfnisse, ihr Suchen und Finden, mit den Corona-Maßnahmen vereinbaren lassen. Und wie junge Menschen in den aktuellen Debatten gehört und an Entscheidungen, die ihr Leben nachhaltig beeinflussen werden, angemessen beteiligt werden.

Zum Beitrag

Dieser Beitrag basiert auf dem Fachartikel „Soziale Beziehungen von Care-Leavern“ von Dr. Karin Riedl, welcher in Kürze hier erscheinen wird (PDF). Dessen Kurzfassung ist in der Zeitschrift „Jugendhilfe“ (Heft 6, Dezember 2019) unter dem Titel „Ich könnt’s mir nicht vorstellen, keine Freunde zu haben …“ veröffentlicht.