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Junge Frau mit Atemschutzmaske telefoniert
Corona in den ambulanten Hilfen

Team in Quarantäne

Ein Interview mit Peter Zverina, Bereichsleiter im SOS-Kinderdorf München (27. März 2020)

Wann haben Sie von dem Corona-Fall in Ihrem Team erfahren und wie haben Sie darauf reagiert?

Peter Zverina

Peter Zverina

Gegen 21:00 Uhr an einem Freitagabend kam der Anruf meiner Mitarbeiterin: „Ich hab es. Ich hab Corona!“ Als sie positiv getestet wurde, gab es jedoch noch keine Handlungsempfehlungen seitens der Jugendämter, wie sich Einrichtungen bzw. unterschiedliche Angebotsbereiche in einem solchen Fall verhalten sollen. Die Nachricht über die Corona-Infektion erreichte uns aber zu einem Zeitpunkt, als wir unsere Einrichtung auf die Schließung der bayerischen Kindertagesstätten vorbereiteten. Wir waren also damit befasst, was dies für das SOS-Kindertageszentrum bedeuten würde. Eine weitere Frage, die uns beschäftigte, war: Wie gehen unsere Mitarbeitenden mit eigenen Kindern unter zwölf Jahren mit dieser Situation um? Die ersten Richtlinien unseres Trägers SOS-Kinderdorf e.V. waren erst wenige Tage alt.

Die betroffene Kollegin ließ von einer Fachkraft des Gesundheitsamtes ausrichten, dass alle Teammitglieder ab sofort als „Kontaktpersonen der Kategorie I“ gelten und sich in eine 14-tägige häusliche Quarantäne zu begeben haben – zurückgerechnet seit dem letzten Kontakt mit der infizierten Person. Die jeweils nach Wohnort zuständigen Gesundheitsämter würden sich in den Folgetagen bei uns melden, um über das weitere Vorgehen zu informieren, um die Quarantäne offiziell anzuordnen und um Testungen vorzunehmen. Bei einem der Gesundheitsämter ist all dies bis heute – rund 14 Tage später – noch nicht geschehen.

Wie konnte die Betreuung der Klientinnen und Klienten sichergestellt werden?

Frau im Home-Office

Wir alle sind in der glücklichen Lage, dass das betroffene Team im Bereich der ambulanten Hilfen arbeitet. Wir sind mit Smartphones und mobilen Laptops ausgestattet. Die Kollegen/-innen sind es im Alltag gewohnt, selbstständig zu arbeiten, eigenverantwortlich Entscheidungen zu treffen, gut erreichbar zu sein, sich telefonisch miteinander auszutauschen und zu unterstützen. Mit ihren elektronischen Geräten können sie von überall auf das Netzwerk unseres Trägers zugreifen. Dies hat uns den enormen Vorteil verschafft, dass wir vom ersten Moment an auch in der Quarantäne voll arbeitsfähig waren. Denn wir haben den Zugang zu Daten, Vorlagen und Dokumenten, ohne dass dafür erst die technischen Voraussetzungen geschaffen werden mussten. 

Die Jugendämter und alle betreuten Familien haben wir umgehend über die Infektion informiert und stehen seitdem über Telefon, Messenger-Dienste oder Videokommunikation in Kontakt. Wir stehen unseren Klienten/-innen gerade mit einer höheren Bereitschaft zur Verfügung als zu unseren sonst üblichen Kernzeiten. So konnten wir also schon mit den Familien erproben, wie wir sie telefonisch bzw. elektronisch unterstützen und begleiten können, bevor die Ausgangsbeschränkungen in Kraft getreten sind und die Jugendämter angewiesen haben, dass nicht notwendige Hausbesuche und persönliche Treffen während der Corona-Zeit zu unterbleiben haben.  

Wie war das, als das Team in Quarantäne gehen musste und plötzlich alles anders war? 

Es war zunächst absolut verrückt. Mehrere unerwartete Aspekte spielten eine Rolle ‒ und das Wochenende war gelaufen. Die Tragweite der Situation war uns zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst. Wir hatten die Informationen in den Medien natürlich verfolgt und auch ernst genommen. Dass wir aber schon zu Beginn der Coronavirus-Ausbreitung als ganzes Team betroffen sein würden, damit hatten wir nicht gerechnet. Zudem waren Klienten/-innen und Kooperationspartner/-innen ebenfalls tangiert, die alle auf die Schnelle informiert werden mussten. Auch bei ihnen entstand ein hohes Maß an Unsicherheit.

Kollegin am Telefon

Die Information über die Corona-Infektion traf uns, wie gesagt, an einem späten Freitagabend. Wir versuchten zunächst sicherzustellen, dass wir alle betreffenden Kolleginnen und Kollegen erreichten, damit sie über das Wochenende weitere Informationen abrufen und sich miteinander austauschen konnten. Unsere Kommunikationsstrukturen waren zwar mit Blick auf den anstehenden Urlaub unseres Einrichtungsleiters im Vorfeld geklärt worden, jedoch noch nicht eingespielt. Unsere Kernfragen waren: „Wer muss wann von wem worüber informiert werden? Wer ist bei anstehenden Entscheidungen einzubeziehen? Wer kann danach informiert werden?“ Glücklicherweise stehen wir in unserem Team in einem sehr vertrauten Verhältnis zueinander. So konnten wir immer offen kommunizieren. 

Wir haben eine komplette Überlastung des öffentlichen Gesundheitssystems miterlebt. Die zuständigen Behörden haben ganz unterschiedliche Auskünfte erteilt ‒ oder waren nicht erreichbar. Nach Maßgabe des Robert-Koch-Instituts legt das Gesundheitsamt im Einzelfall das konkrete Vorgehen für Kontaktpersonen von Infizierten fest. Jedoch: Einem Drittel der Mitarbeitenden aus unserem Team ist es in den vergangenen zwei Wochen nicht gelungen, das zuständige Gesundheitsamt überhaupt zu erreichen! Auch wurden die Kollegen/-innen nicht aktiv kontaktiert. Es erging kein offizieller Bescheid an uns, obwohl uns das Gesundheitsamt der „Indexperson“ bestätigt hatte, die Liste aller Kontaktpersonen unverzüglich an die weiteren zuständigen Ämter gemeldet zu haben. Irgendwann haben wir unsere vielfältigen Bemühungen um Kontaktaufnahme eingestellt. Ehrlich gesagt, auch ziemlich frustriert! 

Welche Empfehlungen geben Sie nach dieser Erfahrung anderen Teams?

Graffity mit einer Atemschutzmaske

Ich persönlich kann das Herunterladen und Nutzen einer App zur automatisierten Wahlwiederholung empfehlen. Das spart einiges an Zeit und Nerven. Eine universelle Empfehlung kann ich nicht abgeben. Ich habe erkannt, dass der Schutz der infizierten Person vorrangig wichtig ist. Bei ihr sind neben den beruflichen ja auch alle privaten Kontaktpersonen betroffen, die viele Fragen und vielleicht auch Ängste haben. Gemeinsam mit der Kollegin habe ich deshalb entschieden, dass der Großteil der berufsbezogenen Kommunikation über mich als Bereichsleiter erfolgt. Zuerst war es auch wichtig, unter uns und um uns herum ein Gleichgewicht zwischen Panik und allzu sorgloser Gelassenheit zu finden. Denn jeder Mensch nimmt diese besondere Situation unterschiedlich wahr. Letztlich gab es viele positive Rückmeldungen zu unserer sehr transparenten Informationsgestaltung.

Ich denke, dass die Gesundheitsbehörden und Ärzte inzwischen besser auf die Corona-Ausbreitung eingestellt sind. Auch wenn man weiß, dass sie unter einem erheblichen Personalmangel leiden. In den kommenden Wochen wird es sicherlich noch zu deutlich höheren Infektionszahlen und damit zu Überlastungen kommen. Ich hoffe für alle auf eine gelingende Besserung ‒ hinsichtlich der eklatanten Uneinheitlichkeit, mithin der Unwissenheit der verantwortlichen Behörden, wie wir sie erlebt haben. Viele Fragen haben die Gesundheitsämter, mit denen wir es zu tun hatten, sehr unterschiedlich beantwortet. Ob und wann ein Test tatsächlich vorgenommen wird, wie lange man auf ein Ergebnis zu warten hat, ob ein negatives Testergebnis vor Ablauf der Inkubationszeit überhaupt eine sinnvolle Information ist oder gar dazu veranlasst, die Quarantäne aufzuheben. Eine Einheitlichkeit ihrer Aussagen wäre für uns sehr hilfreich gewesen. Insgesamt hat uns die verordnete Corona-Quarantäne als Team sehr gefordert, aber letztlich haben wir die neuartige Situation gemeinsam gut bewältigt. 

In diesem Sinne wünsche ich alles Gute!

Peter Zverina, Bereichsleiter im SOS-Kinderdorf München


Titelfoto: elenaleonova / istockphoto.com

Ihre Ansprechpartnerinnen

Bei Fragen zum Umgang mit dem Coronavirus beim SOS-Kinderdorf e.V. und zu den besonderen Herausforderungen, die sich für die Jugendhilfe aktuell stellen, wenden Sie sich gerne an:

SOS-Kinderdorf e.V.
Ressort Pädagogik

Ilona Fuchs
Leiterin Referat Angebots- und Qualitätsentwicklung

ilona.fuchs@sos-kinderdorf.de

Dr. Kristin Teuber
Leiterin Sozialpädagogisches Institut (SPI)

kristin.teuber@sos-kinderdorf.de

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