Hauseltern Schade SOS-Dorfgemeinschaft Hohenroth
Im Interview: die Hauseltern Schade

SOS-Dorfgemeinschaft: Eine Lebensform kein Arbeitsplatz

Franziska (59) und Andreas (53) Schade sind examinierte Krankenpfleger/-in und arbeiten seit Mai 2017 als Hauseltern in der SOS-Dorfgemeinschaft Hohenroth. Eine SOS-Dorfgemeinschaft besteht aus mehreren Hausgemeinschaften, in denen die Bewohner zusammen mit den Hauseltern leben.

Was hat euch motiviert Hauseltern zu werden?

Franziska: Wir hatten uns immer gewünscht einen Arbeitsplatz zu haben, der das ganze Leben umspannt, wie zum Beispiel in einer Lebensgemeinschaft.

Welchen Beruf habt ihr vor eurer Anstellung als Hauseltern ausgeübt?

Andreas: Ich war 11 Jahre in einem Therapiezentrum für Menschen mit Mehrfach- und Schwerstbehinderung in Bonn.

Franziska: Ich habe vor über 20 Jahren eine Ausbildung zur Märchenerzählerin und Puppenspielerin gemacht und habe diesen Beruf 15 Jahre selbständig ausgeübt. Ich hatte ein eigenes kleines „Märchenzentrum“ mit Seminarraum und Platz für kleine Puppentheaterstücke. Die letzten Jahre habe ich dann zusätzlich im sozialen Dienst eines Altenheims gearbeitet. Dort habe ich Demenzkranken Märchen erzählt und das Kulturprogramm der Bewohner gestaltet.

Wie lief der Bewerbungsprozess ab?

Andreas: Wir haben unsere Bewerbung an SOS-Kinderdorf geschickt. Das erste Bewerbungsgespräch fand in der Dorfgemeinschaft selbst statt. Danach haben wir die Einladung zum Hospitieren erhalten. Das heißt wir waren einen halben Tag in einer Hausgemeinschaft und einen halben Tag in einem der Arbeitsbereiche.

Franziska: Danach hat uns der Einrichtungsleiter gefragt, ob es uns in der Dorfgemeinschaft gefallen habe und das hat es natürlich. Somit haben wir die Einladung in die Geschäftsstelle in München bekommen. Dort hatten wir ein vierstündiges Bewerbungsgespräch: eine Stunde zu zweit, danach jeder eine Stunde alleine und anschließend nochmals zu zweit. Nach diesem Bewerbungsgespräch haben wir dann aber die Zusage bekommen.

Franziska Schade mit Bewohnerin SOS-Dorfgemeinschaft Hohenroth

Franziska Schade mit einer Betreuten

Wie sieht der Alltag in der Dorfgemeinschaft aus?

Franziska: Ich kümmere mich zusammen mit zwei unserer Bewohnerinnen und einer Haushaltshilfe um die Essenvorbereitungen. Ich beantworte E-Mails und Briefe. Wenn es einem Betreuten emotional schlecht geht, kümmere ich mich mit einem pädagogischen Team um denjenigen. Ich gehe einkaufen, organisiere Arzttermine für die Betreuten und begleite sie dorthin. Und ich stehe in regelmäßigem telefonischen oder schriftlichen Kontakt mit den Angehörigen der Betreuten. Mehrmals in der Woche brauchen zwei Betreute Hilfe bei der Körperpflege.  Dann ist da noch das Organisatorische rund ums Team im Haus und das „Finanzielle“ , - das Wirtschaftsgeld und das Taschengeldkonto der Betreuten. Diese Dinge stemmen wir aber gemeinsam. Der Tagesablauf ist sehr komplex.

Andreas: Ich arbeite in der Landwirtschaft. Morgens mache ich erst einmal Frühstück für alle. Ich frühstücke dann aber meistens alleine, da ich bereits um kurz vor halb 8 Uhr in meinen Arbeitsbereich gehe. Die meisten Betreuten beginnen erst um halb neun oder neun Uhr im Arbeitsbereich. Ich bin bis mittags halb zwölf und nachmittags von 14 bis 17:30 Uhr im Arbeitsbereich. Mittags bin ich im Haus zum gemeinsamen Mittagessen. Nach dem Abendessen können sich dann alle eigenständig beschäftigen. Hier in der Dorfgemeinschaft können sie zum Beispiel Theater spielen, ein Instrument erlernen, tanzen und vieles mehr.

Franziska: Einmal die Woche machen wir mit unseren Bewohnern einen Vorleseabend. Aber zu viel vorgeben möchten wir nicht. Das hätte einen zu starken institutionellen Charakter.

Andreas Schade SOS-Dorfgemeinschaft Hohenroth

Andreas Schade in seinem Arbeitsbereich, der Landwirtschaft.

Andreas, konntest du dir deinen Arbeitsbereich aussuchen?

Andreas: Als wir hier hospitiert haben, konnte ich in den Arbeitsbereich der Molkerei hineinschnuppern. Das hatte mir aber noch nicht zugesagt. Als ich dann ein paar Wochen in der Dorfgemeinschaft war, wurde ich gefragt, ob ich in der Landwirtschaft arbeiten wolle. Ich hätte sicher auch noch andere Bereiche ausprobieren können. In unseren Arbeitsbereichen arbeiten auch unsere Bewohner, die wir dann nach Bedarf anleiten. Wir besprechen halbjährlich, wie es ihnen im Arbeitsbereich gefällt, was sie noch lernen wollen, was sie ändern wollen. In der Landwirtschaft richtet sich der Ablauf nach den Tieren. Wenn die Bewohner dann aber Dinge nicht tun können oder wollen, müssen wir diese auch einmal übernehmen. Und es kommt schon auch manchmal zu Konflikten, aber ich finde es gerade bei uns in der Landwirtschaft besonders lebendig.

Ihr habt eine eigene Wohnung im Haus. Ab wann könnt ihr euch zurückziehen?

Franziska: Das ist ganz unterschiedlich, aber ich würde sagen gegen 21 Uhr. Es gibt auch Tage, an denen es später werden kann, wenn noch Gesprächsbedarf – positiv wie negativ – ist. Und manchmal setze ich mich abends noch an die Monatsabrechnung oder wir planen die Freizeit, recherchieren im Internet, beantworten E-Mails.

Andreas: Genau, auch wenn wir um 21 Uhr in unserer Wohnung sind, ist der Arbeitstag nicht vorbei. Die Betreuten dürfen uns natürlich 24 Stunden am Tag ansprechen und das nicht nur bei Problemen. Es kann schon passieren, dass ein Bewohner bei uns anklopft, um uns mitzuteilen, dass er oder sie die Küche gewischt hat. (lacht)

Franziska: Aber es ist das, was wir uns gewünscht haben. Ein Leben verflochten mit der Arbeit.

Fühlt sich euer Haus wie ein zu Hause an oder wie ein Arbeitsplatz?

Franziska: Das ist eine Lebensform und kein Arbeitsplatz.

Ihr habt auch Urlaub und auch Wochenenden. Ihr wohnt aber die meiste Zeit in der Dorfgemeinschaft. Wo verbringt ihr euren Urlaub und eure Wochenenden?

Franziska: Wir haben derzeit keine Zweitwohnung wie die meisten unserer Kollegen – aber wir sind dran. Bislang waren wir dennoch sehr oft hier im Haus. Wir sind dann im Haus anwesend, aber nicht verantwortlich. Wir versuchen das zwar den Betreuten zu vermitteln, aber das ist natürlich schwer für sie zu verstehen. Daher wäre diese eigene separate Wohnung sehr wichtig.

Andreas: Im Urlaub sind wir dann aber auch drei Wochen weg.

Nennen euch die Bewohner „Mama“ und „Papa“?

Andreas: Nein.

Franziska: Wenn sie uns aufziehen wollen oder verärgert sind, dann machen sie das. (lacht) 

Andreas: Wir haben einen Bewohner der 62 Jahre alt ist. Wie kann ich da sein Vater sein? Ich habe kein Recht hier erzieherisch einzuwirken – zu helfen ja, aber nicht zu erziehen.

Hausgemeinschaft Hohenroth

Die Hauseltern Schade mit einigen der Betreuten ihrer Hausgemeinschaft.

Was sind die Herausforderungen im Alltag?

Franziska: Das können emotionale Ausbrüche der Betreuten sein. Man stößt aber auch an Grenzen, wenn zum Beispiel ein Betreuter, der Autist ist, tagelang nicht aus seinem Zimmer kommt und nicht einmal zum Essen erscheint, sich dann aber nachmittags am Kühlschrank bedient. Wie verschaffe ich mir also wieder Zugang zu ihm? Man muss immer empathisch sein und dennoch seinen Selbstschutz aufrecht erhalten. Das ist eine Herausforderung, weil man sehr nahe an den Betreuten dran ist.

Was sind besonders schöne Momente?

Franziska: Einer unserer Betreuten ist 51 Jahre alt. Als er vor zwei Jahren zu uns kam, haben wir ihn als sehr verlangsamt kennengelernt – sowohl in seinen Bewegungen als auch in seiner Sprache und seiner Reaktion. Er hatte keine Eigeninitiative seinen Zustand zu ändern. Gleichzeitig hatte er eine Hauterkrankung und wirkte recht ungepflegt. Zuerst einmal haben wir ihn dann äußerlich wieder in einen guten Zustand gebracht. Anschließend haben wir Ärzte zu seinem verlangsamten Verhalten um Rat gefragt. Und tatsächlich waren seine Medikamente zu hoch dosiert. Sie wurden reduziert und nach wenigen Wochen sagte er zu uns: „Das fühlt sich an als würde ich aus einem Nebel steigen.“ Und jetzt ist er unser Sonnenschein hier, der immer lächelt und Gelassenheit ausstrahlt. Es wurde inzwischen auch initiiert, dass er sein Wahlrecht, das ihm entzogen wurde, wieder zurückbekommt. Er kann inzwischen sogar mit einer weiteren Betreuten nach Würzburg fahren. Dafür arbeiten wir und dafür lohnt es sich auch zu kämpfen. Das ist wirklich eine ganz besondere Arbeit und eine besondere Ernte, die man einfährt.

Was sollte man eurer Meinung für diesen Beruf mitbringen?

Andreas: Eine gesunde Portion Gelassenheit, Humor und wenn möglich einiges an Lebenserfahrung, Lust sich einzubringen und Neues auszuprobieren.

Franziska: Und ich denke ein gewisses kindliches Gemüt ist sicher auch von Vorteil, sich selbst nicht so wichtig nehmen und bodenständig sein. Hauseltern sollten auch auf jeden Fall wissen, wo man seine Ressourcen auftanken kann.