Im Interview: die Hauseltern Behl

Leben wie in einer Großfamilie

Nicole (38) und Ulrich Behl (42) sind seit November 2015 Hauseltern in der Dorfgemeinschaft Hohenroth. Die damals dreijährige Tochter Nele zog mit in die Hausgemeinschaft ein. 

Nicole ist ausgebildete Erzieherin und Ulrich selbständiger Zimmerer- und Dachdeckermeister. Selbständig und Hausvater – wie das geht? Ulrich ist Hausvater in Teilzeit – ein Pilotprojekt.


Welchen Beruf habt ihr vor eurer Anstellung als Hauseltern ausgeübt?

Nicole: Ich bin seit meinem Anerkennungsjahr in Hohenroth und war Familienhelferin beziehungsweise wie man heute sagt Pädagogische Zweitkraft und war außerdem 15 Jahre lang Mitarbeiterin in der Saatgutwerkstatt.

Ulrich: Ich bin genau wie vor der Anstellung als Hauseltern selbständiger Zimmerermeister.

Warum wolltet ihr letztendlich Hauseltern werden?

Nicole: Uli ist schon seit 20 Jahren selbständig und als meine Tochter Nele dann geboren war, wurde es letztendlich schwierig meine Anstellung als Familienhelferin und Mitarbeiterin in der Saatgutwerkstatt auszufüllen. Da stand ich tatsächlich vor der Entscheidung, ob ich meine Anstellung in Hohenroth aufgeben muss. Das hatte ich der damaligen Einrichtungsleiterin mitgeteilt, die meine Entscheidung sehr bedauerte und mich gefragt hat, ob man zusammen eine Lösung finden könne. Ich meinte, dass ich mir eine Anstellung als Hausmutter sehr gut vorstellen könne, aber mein Mann seine Selbständigkeit nicht aufgeben wolle. Und so kam es zu der Idee, dass ein Hausvater nur die Wochenenden in der Dorfgemeinschaft arbeitet. Das war für beide Seiten ein Pilotprojekt.

Musstet ihr überhaupt noch einen Bewerbungsprozess durchlaufen?

Nicole: Ja. Für das Haus, in dem ich vor der Geburt meiner Tochter fünf Jahre lang als Familienhelferin gearbeitet hatte, wurden neue Hauseltern gesucht. Da war ich natürlich begeistert, denn ich kannte die Menschen dort schon und konnte mir das dort richtig gut vorstellen – vor allem aber auch dort mit einem kleinen Kind hinzugehen. Das geht nicht in jeder Hausgemeinschaft.

Wie sieht der Alltag in der Dorfgemeinschaft aus?

Nicole: Mein Alltag ist so wie in einer Großfamilie. Ich kümmere mich zusammen mit den Bewohnern um das Frühstück. Vormittags sind mir eine Bewohner und ein Praktikant im freiwilligen sozialen Jahr zugeteilt.  Außerdem haben wir Montag bis Freitag eine Haushaltshilfe. Wenn dann alle Mittagspause haben, essen wir zusammen. Danach gehen alle wieder in ihre Arbeitsbereiche. Nachmittags habe ich drei Stunden frei. Um halb sechs Uhr abends kommen alle wieder nach Hause, wir bereiten zusammen das Abendessen vor und essen zusammen. Abends gibt es ein Freizeitangebot der Dorfgemeinschaft, wie Kinoabende oder Volkstanz, das meine Bewohnerin sehr gut annehmen. Das heißt, wenn abends viele Bewohner weg sind, habe ich mehr Zeit für mich, wenn nicht, dann spielen wir auch oft noch etwas zusammen, basteln, malen. Gegen halb zehn ist dann auch mein Tag zu Ende.

Nicole, was sind deine Aufgaben?

Nicole: Hauptsächlich ist das die Koordination des gesamten Tagesablaufs. Ich bin zuständig, dass alle Mahlzeiten auf dem Tisch stehen. Ich teile die Haushaltshilfe, den Praktikanten und die Bewohner ein. Die Hauswirtschaft ist einer der Arbeitsbereiche in der Dorfgemeinschaft, in der die Bewohner arbeiten. Ich vereinbare Termine, wie Behördengänge oder Arzttermine und nehme diese Termine gemeinsam mit den Bewohnern wahr. Es gibt aber auch noch Büroarbeiten, wie Abrechnungen und Dokumentationen

Hausvater Ulrich Behl SOS-Dorfgemeinschaft Hohenroth

Hausvater Ulrich Behl.


Uli, wie läuft deine Woche ab?

Uli: Zwei Tage in der Woche komme ich abends nicht nach Hohenroth. An diesen beiden Abenden übernachte ich in unserem Privathaus, das ungefähr 50 Kilometer von Hohenroth entfernt ist. Dort geht auch unsere Tochter zur Schule. Das heißt Nele pendelt mit mir. Dienstag und Donnerstag übernachten wir in unserem Privathaus. In den Ferien ist Nele aber komplett hier in der Dorfgemeinschaft.

Wie verändert sich der Alltag am Wochenende?

Nicole: Am Wochenende ist es bei uns relativ locker, da unsere Bewohner relativ flexibel sind. Freitagabend verabreden wir mit den Bewohnern eine Zeit, zu der wir am Samstag dann gemeinsam frühstücken. Samstag machen wir gerne Gartenarbeiten und gehen alle zusammen einkaufen, trinken unterwegs oft noch einen Kaffee zusammen und kochen dann meistens erst abends. Das ist aber auch ganz unterschiedlich in den Hausgemeinschaften. Es gibt Bewohner, die einen geregelten Tagesablauf benötigen. Sonntag gibt es ein sogenanntes „freies Frühstück“ ab halb zehn. Das heißt die Bewohner frühstücken, wenn sie ausgeschlafen haben. Am Wochenende machen wir aber auch gerne Ausflüge. Kürzlich sind wir zusammen mit dem Zug nach Nürnberg in den Zoo gefahren. Meine Mutter und meine Schwester waren auch dabei. Es ist gut, wenn man bei Ausflügen noch Unterstützung dabei hat.

Besuchen euch Freunde und Familie in der Dorfgemeinschaft?

Nicole: Ja, meine Mutter ist oft am Wochenende da. Und wir bekommen auch oft Besuch von Freunden. Und auch zu Veranstaltungen in der Dorfgemeinschaft kommen gerne Freunde und Familie, um uns zu unterstützen.

Nennen euch die Bewohner „Mama“ und „Papa“?

Nicole: Wir haben eine Bewohnerin, die erst kürzlich 18 Jahre alt geworden ist und sie spricht mich fast nur mit „Hausmama“ an. Sie ist zwar sehr fit, aber braucht noch diese Nestwärme. Und meine älteste Bewohnerin, die Mitte 50 ist, sagt abends, wenn ich zu allen Gute Nacht sagen gehe: „Nacht Mama!“ Aber das sagt sie schon eher aus Spaß. Tagsüber spricht sie mich aber mit Namen an.

Uli: Ich werde eigentlich immer mit meinem Namen angesprochen.

Wie gut klappt das Zusammenleben?

Nicole: Das klappt mal sehr gut und mal weniger gut. Natürlich gibt es auch Höhen und Tiefen. Wir führen auch mit unserer Tochter Nele Diskussionen. Das ist eben wie in einer echten Familie. Zudem spielen auch immer noch die unterschiedlichen Erwartungen der Angehörigen eine Rolle, die so indirekt das Zusammenleben beeinflussen.

Außerdem finde ich es ganz toll, dass ich meine Tochter quasi mit in der Arbeit dabei haben kann. Wo geht es, dass das Kind nach der Schule oder in den Ferien mit in der Arbeit ist?

Nicole Behl, Hausmutter

Was sind die Herausforderungen im Alltag?

Nicole: Eine Herausforderung ist es auf jeden Fall, alle Belange unter einen Hut zu bekommen. Hier wohnen sehr viele verschiedene Charaktere  zusammen und diese muss man irgendwie zusammenbekommen. Eine weitere Herausforderung ist es, dass man eigentlich nie das schafft, was man sich vorgenommen hat. Der Tagesablauf ist quasi nicht vorhersehbar.

Uli: Da ich nun keine pädagogische Ausbildung habe, ist es für mich eher eine Herausforderung, geduldig zu bleiben, wenn Dinge nicht so gut funktionieren.

Habt ihr Regeln im Zusammenleben?

Nicole: Wir haben acht verschiedene Dienste, die wöchentlich wechseln. Wir setzen uns alle am Sonntagabend zusammen und vereinbaren, wer welchen Dienst in der kommenden Woche übernimmt. Jeder Dienst dauert ungefähr eine halbe Stunde pro Tag. Meine Bewohner sagen auch: „Wenn wir alle zusammen helfen, dann haben wir auch zusammen mehr Freizeit.“

Außerdem sollten die Bewohner nicht zu lange wach bleiben. Die Bewohner würden den Schlaf sonst schon auch mal in der Arbeit nachholen. Dann geht manches schief und auch die Dienste in der Hausgemeinschaft gehen nicht mehr so leicht von der Hand.

Und eine letzte Regel ist es, bei mir Bescheid zu geben, wenn die Bewohner das Haus verlassen, wo sie hingehen und wenn sie wieder zurück sind. Ich sage meinen Bewohnern auch Bescheid, wohin ich gehe. Das ist in einer Familie eben auch normal.

Wie schaltet man ab, wenn das zu Hause und der Arbeitsplatz ein Ort sind?

Nicole: Ich lese sehr viel, ich bin sehr viel draußen und gehe walken. Da meine Bewohner sehr selbständig sind, kann ich abends ab und zu eine Stunde das Haus verlassen und einer Nachbarin Bescheid geben, die dann ein Auge auf meine Bewohner hat und zu der sie gehen können.

Ich denke, dass es als Hauseltern schwer funktionieren kann, wenn man die Dorfgemeinschaft rein als Arbeitsplatz sieht. Man muss sich hier zu Hause fühlen und man sollte sich Zeit für sich nehmen. Ein Gefühl zu haben, immer in der Arbeit zu sein, kann man auf Dauer nicht aushalten.

Was ist für euch das besondere an eurer Arbeit?

Nicole: Ich finde das komplette Modell der Dorfgemeinschaft besonders. Hauseltern ist kein Beruf, den man erlernen kann. Ich sehe Hohenroth gar nicht als Einrichtung, sondern als alternatives Wohnkonzept, für das ich mich bewusst entschieden habe. Aber auch die meisten meiner Bewohner haben sich hierfür bewusst entschieden, weil sie genau so leben möchten.

Außerdem finde ich es ganz toll, dass ich meine Tochter quasi mit in der Arbeit dabei haben kann. Wo geht es, dass das Kind nach der Schule oder in den Ferien mit in der Arbeit ist? Das geht in den wenigsten Berufen. Wenn sechs Wochen Sommerferien sind, müssen sich andere Mütter oder Väter Urlaub nehmen. Und Nele ist einfach mit dabei. Und ihre Freunde besuchen uns und übernachten hier.

Was würdet ihr Menschen raten, die sich überlegen selbst Hauseltern zu werden?

Uli: Es ist sehr wichtig, dass Freunde und Familie hinter einem stehen. Das macht alles einfach sehr viel leichter.

Nicole: Ja, genau, es ist wichtig, dass man soziale Kontakte außerhalb der Dorfgemeinschaft noch pflegen kann. Und natürlich braucht man Spaß am Umgang mit Menschen. Man muss sich dessen bewusst sein, dass man hier in einer Großfamilie lebt. Man sollte sich bewusst machen, wie wichtig einem die eigene Freiheit ist. Man schränkt sich schon auf eine gewisse Weise ein. Der einzelne kann schon einmal abends seinem Hobby nachgehen, aber als Paar hat man wenig freie Zeit zusammen. Man bekommt aber auch wahnsinnig viel zurück. Es ist eine sehr erfüllende Arbeit.

Was sollte man eurer Meinung nach für diesen Beruf mitbringen?

Nicole: Man sollte organisieren können und wollen. Man sollte flexibel sein, sich abgrenzen können und auf jeden Fall Empathie haben.