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Hildegard Schooss
Interview mit der Gründerin

„Empathie zieht sich wie ein roter Faden durch unsere Geschichte“

„Binden Sie sich immer an die Alten, von denen Sie so viel lernen können und pflegen Sie immer die Beziehung zu den Jungen: Auf diese Weise werden Sie nie einsam sein.“

Diesen Rat gibt der Autor Daniel Mendelsohn in einem Spiegel-Interview. Doch wie soll das gehen, wenn die Generationen ihren Alltag und ihre Freizeit getrennt verbringen und immer weniger voneinander wissen?

Das SOS-Mütterzentrum Salzgitter macht es seit 40 Jahren vor: Von Anfang an haben die Gründerinnen dafür gesorgt, dass eine Atmosphäre herrscht, in der es leicht fällt empathisch zu sein. Wie das geht, erklärt Ashoka Senior Fellow und Gründerin des 1. Mütterzentrum in Deutschland Hildegard Schooß im Interview.

Welche Bedingungen braucht es, damit sich Menschen aller Altersklassen und mit den unterschiedlichsten Lebensgeschichten im Mütterzentrum wohlfühlen und miteinander ins Gespräch kommen?

Hildegard Schooß

Hildegard Schooß

Das beginnt bei der Architektur des Hauses. Schon von außen sieht man hinter den Glasfassaden die vielen Menschen, die das Haus nutzen. Beim Eintreten ins Foyer steht man vor einer Treppe und offenen Räumen auf beiden Seiten. Aber wohin jetzt? Schilder gibt es keine. Dahinter steckt ein Prinzip, denn nun muss ich mich entweder selber an jemanden wenden oder werde angesprochen. Unsere Mitarbeitenden kennen das schon und gehen auf Fremde zu.  Eine ganz wichtige Rolle spielen dabei unsere Gastgeberinnen. Die nehmen oft im ersten Augenblick wahr, welcher Mensch gerade zur Tür hereinkommt und finden den richtigen Ton, um ihn anzusprechen und herauszufinden, was er möchte. Oder eben auch, was er nicht möchte. Sich in Andere hineinversetzen und Menschen zu stärken, anstatt sie zu bevormunden ist eines der Grundprinzipien des Mütterzentrums.


Etwas anderes fällt noch auf in dem Haus. Es gibt kaum Flure und Räume mit geschlossenen Türen.

Das stimmt, die Räume wirken aneinandergehängt. Man muss oft durch andere Zimmer gehen, um von A nach B zu kommen. Wenn eine Tür geschlossen ist, so gibt es ein Guckloch, ein rundes Fenster, durch das ich sehen kann, was drinnen geschieht. Und dann kann ich selber entscheiden, ob ich den Raum betrete oder einen anderen Weg wähle. Es gibt einfach überall im Haus die Möglichkeit sich zu begegnen. Das Herzstück ist das öffentliche Wohnzimmer, in dem uns wichtig ist, dass es runde Tische gibt, denn da kann man immer noch einen Stuhl dazu stellen und ins Gespräch kommen. Gleichzeitig gibt es aber auch überall im Haus Plätze, um sich zurückzuziehen.







Die Mütterzentrumsbewegung ist ja Ende der siebziger Jahre aus einer Selbsthilfegruppe entstanden. Frauen wollten sich nicht mehr zu Hause treffen, sie wollten einen Raum in der Öffentlichkeit. Warum sind sie nicht einfach in ein Café gegangen?

Im Gespräch mit Journalistinnen aus Korea

Im Gespräch mit Journalistinnen aus Korea

Wir wollten einen Raum, in dem wir uns zwanglos treffen können, ohne etwas konsumieren zu müssen, ohne unsere Kinder erst weg zu organisieren. Und das war am Anfang eine alte Wäscherei. Um auf uns aufmerksam zu machen, habe ich mich damals einfach in die Fußgängerzone gestellt und Fremde angesprochen, bis mir die ersten Frauen und Kinder gefolgt sind. Wir haben die Wäscherei renoviert und zusammen entschieden, was wir brauchen und anbieten wollen damit auch für Mütter ein selbstbestimmteres Leben möglich ist. Denn Mütter standen bei der Frauenbewegung nicht im Fokus. Wir wollten keinen Top-Down Feminismus, der Frauen ausschließt, die den Jargon nicht beherrschen oder familiäre Verpflichtungen haben.


Viele eurer Erfahrungen sind 1986 in das Müttermanifest eingeflossen, das nach einem, von den Grünen geförderten Kongress, veröffentlicht wurde.

Ja, an dem Kongress nahmen 500 Frauen mit 200 Kindern teil. Das hatte es so noch nicht gegeben. Wir haben gezeigt, dass wir uns nicht ohne Familie sondern mit Familie weiterentwickeln wollen. Viele der im Manifest geäußerten Forderungen sind noch immer hochaktuell: Die bessere Verteilung und Aufwertung von Sorgearbeit, die Überwindung der engen Familiengrenzen, die Förderung unterschiedlicher Lebensentwürfe und eine familienfreundliche Gestaltung der Arbeitswelt.

Heute ist das SOS-Mütterzentrum ein Mehrgenerationenhaus und Arbeitgeberin für über 100 Frauen und Männer. Schaffen Sie es, ihren eigenen Ansprüchen gerecht zu werden?

Ja. Wir arbeiten mit flachen Hierarchien und reflektieren unsere Arbeit regelmäßig. Ganz wichtig, wir ermuntern Menschen, das zu entdecken und zu machen, was ihnen liegt und nicht unbedingt nur das, worin sie formal ausgebildet sind. Dazu gehört viel Einfühlungsvermögen. Wir sind so nah dran an den Menschen, dass wir gesellschaftliche Herausforderungen erkennen, bevor sie in allen Medien diskutiert werden und suchen nach Lösungen. So ist unser jüngstes Projekt entstanden: Der Altersrand, in dem Kinder und alte Menschen gemeinsam betreut werden und eine gute Zeit miteinander verbringen. Damit sind wir Vorreiter in Deutschland. Aber auch in anderen Ländern, die von Überalterung betroffen sind, gibt es nichts Vergleichbares. Deshalb hatten wir während des gesamten Projekts Journalisten aus aller Welt zu Gast.

Vorreiter zu sein hat ja den Nachteil, dass man nicht aus den Erfahrungen anderer lernen kann. Wie ist das im Altersrand?

Das war schwerer als ich dachte. Obwohl sich alle Mitarbeitenden bewusst für die intergenerative Arbeit entschieden hatten, fehlte das Knowhow mit der jeweils anderen Gruppe umzugehen, denn das wird in der Ausbildung nicht vermittelt. Wir haben deshalb unser eigenes, sehr praxisnahes Werk-Buch geschrieben, das als Grundlage für die intergenerative Betreuung dienen kann. In dem Buch gibt es zahlreiche Fallbeispiele, die helfen, angemessen und empathisch auf ungewohnte Situationen zu reagieren.

Und wie läuft das Projekt seit der Corona Pandemie?

Jetzt können die Alten und Kinder natürlich nicht in einem Raum zusammen sein. Aber bis zum 2. Shutdown am 1. November waren sie trotzdem auf derselben Etage in ihren jeweiligen Räumen, die miteinander verbunden sind. Und so haben wir ein neues Ritual erfunden: Wenn die Alten zum Mittagstisch gegangen sind, haben Ihnen die Kinder guten Appetit gewünscht und ihnen zugewunken. Schon diese kleine Geste der Zuwendung mit Abstand, hat wieder Nähe und Verbundenheit zwischen den Generationen geschaffen. Die Augen haben wieder gestrahlt.

So erreichen Sie uns

SOS-Mütterzentrum Salzgitter

Braunschweiger Straße 137
38259 Salzgitter-Bad

Telefon: 05341 8167-0*
Fax: 05341 8167-20

* Unser Telefon ist besetzt:
Montag – Freitag: 8:30 – 17:00 Uhr

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