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Warum eine Mutter als Mutter arbeitet

13. Mai 2019

Annette Schnerr, SOS-Kinderdorfmutter

Annette Schnerr hat ihr Ziel erreicht: Sie ist SOS-Kinderdorfmutter.

Von Isabelle Butschek/Stuttgarter Zeitung

Annette Schnerr baut seit acht Monaten eine neue Familie im SOS-Kinderdorf Württemberg auf. In der Einrichtung in Schorndorf-Oberberken bietet sie Kindern mit einer bewegten Geschichte ein zweites Zuhause.

Vor Kurzem hat Annette Schnerr von einem ihrer Schützlinge ein selbst gebasteltes Herz aus Ton geschenkt bekommen. Das siebenjährige Mädchen hat darin seinen eigenen Namen und „Annette“ eingeritzt. Das Herz steht in der gemütlichen Wohnküche, es ist ein Zeichen dafür, dass in diesen vier Wänden Kinder mit bewegter Geschichte ein zweites Zuhause gefunden haben – dank ihrer Kinderdorfmutter Annette Schnerr. „Ich bin ganz dankbar, dass es schon so gut funktioniert“, sagt die 46-Jährige.

Denn erst vor acht Monaten hat sie ihr Haus im SOS-Kinderdorf Württemberg in Schorndorf bezogen, hat es nach ihrem Geschmack – einer Mischung aus weißer Farbe und viel dunklem Holz – eingerichtet. Sie war nicht alleine, mit eingezogen ist ihr eigener achtjähriger Sohn. Nach und nach hat sie zwei Mädchen und einen Jungen in Obhut genommen, letztendlich soll die Familie einmal auf fünf Pflegekinder anwachsen.

„Es ist toll, wenn wir Frauen mit Lebenserfahrung gewinnen können.“ 

Rolf Huttelmaier,Leiter des Dorfs.

Die Arbeit mit den Kindern kennt Annette Schnerr schon seit einigen Jahren: Im März 2015 hat sie ihre Ausbildung zur Jugend- und Heimerzieherin in dem SOS-Kinderdorf im Teilort Oberberken begonnen. „Mein Ziel war es, Kinderdorfmutter zu werden, und das habe ich auch nie angezweifelt“, sagt Annette Schnerr, die diese Lebensentscheidung ganz bewusst getroffen hat.

Denn eigentlich kommt die gebürtige Plauenerin aus einem ganz anderen Beruf: Annette Schnerr hat ursprünglich die Berufe Rechtsanwaltsgehilfin und Versicherungskauffrau gelernt und lange Zeit als Selbstständige gearbeitet. Sie ist nach Afrika ausgewandert, hat dort in Waisenhäusern geholfen und schließlich gemerkt, dass sie sich beruflich verändern möchte: „Ich wollte mit Kindern arbeiten. Allerdings dachte ich, dass das in meinem fortgeschrittenen Alter schwierig werden könnte“, erzählt sie.

Wieder nach Deutschland zurückgekehrt, entdeckte sie eine Stellenanzeige der SOS-Kinderdörfer und bewarb sich. Für Rolf Huttelmaier, den Einrichtungsleiter des SOS-Kinderdorfes Württemberg, ist eine Bewerberin wie Annette Schnerr ein Glücksgriff: „Es ist toll, wenn wir Frauen mit Lebenserfahrung gewinnen können. Denn was wir vor allem brauchen, sind gereifte Persönlichkeiten, die gut reflektieren können. Die Fachlichkeit kann man immer noch nachschieben.“ Wer SOS-Kinderdorfmutter wird, verändert sein ganzes Leben und übernimmt große Verantwortung. Denn die Pflegekinder ziehen langfristig ins Kinderdorf – oft, bis sie junge Erwachsene sind. „Man kann nicht einfach nach ein paar Jahren gehen, das wäre für die Kinder der nächste Abbruch einer Beziehung. Ich habe mich dafür entschieden und traue es mir zu, für eine Generation Mutter zu sein.“

Tag und Nacht und auch am Wochenende lebt Annette Schnerr mit ihren Kindern zusammen, die Arbeit beginnt mit dem Wecken am Morgen und endet mit der Schlafenszeit am Abend. Dazwischen liegen nicht nur der normale Alltag einer Familie, sondern auch die besonderen Herausforderungen, die die Mädchen und Jungen mitbringen. Warum die Kinder ins Kinderdorf gezogen sind, erzählt Annette Schnerr nicht. Aber sie haben zum Teil traumatische Erlebnisse hinter sich. „Die Kleinste muss viel getröstet werden, braucht noch viel körperlichen Kontakt.“

Und wie geht der eigene Sohn damit um, dass seine Mutter von Beruf Mutter ist? „Er ist hier mit hineingewachsen, war hier im Kindergarten, hat hier Freunde gefunden. Und ich zeige ihm immer wieder, dass ich seine Mama bin“, berichtet Annette Schnerr und erzählt von dem feinen Unterschied, den es ganz automatisch gebe: „Ich fühle mich meinen Pflegekindern sehr nah. Trotzdem gebe ich den leiblichen Eltern Platz.“ Dies sei unheimlich wichtig, damit die Arbeit im Kinderdorf Erfolg haben kann, erläutert Rolf Huttelmaier: „Die Kinder sollen nicht in einen Loyalitätskonflikt kommen.“

Trotz aller Anstrengung – Annette Schnerr möchte ihren Beruf nicht missen: „Ich erlebe eine ganz andere Sinnhaftigkeit.“ Und Freiraum schafft sie sich auch: „Ich habe meinen eigenen Wohnbereich und mache zum Beispiel Yoga, gehe mit einer Kollegin laufen oder in den Sport. Manchmal reicht es auch, kurz das Dorf zu verlassen und durchzuschnaufen“, sagt Annette Schnerr, die von zwei pädagogischen Mitarbeitern unterstützt wird. „Das ist ein herausfordernder Alltag, deswegen ist es wichtig, dass die Kinderdorfmütter für sich selbst sorgen“, sagt Huttelmaier. Am Wochenende wohnt oft der Partner von Annette Schnerr mit im Kinderdorf, „und spielt mit den Jungs Fußball. Das kann ich nicht so gut“, sagt sie und lacht.

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