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Aktuelles

Sicherheit und Geborgenheit

10. Januar 2022

Vielen Dank an Redakteurin Nadja Otterbach von der Stuttgarter Zeitung 

Marina erinnert sich an ihre Kindheit im SOS-Kinderdorf Württemberg

„Hier war früher eine Hängematte! - Da drüben auf dem Sportplatz haben wir uns immer getroffen! Ich war ein richtiges Draußen-Kind.“ Immer mehr Bilder scheinen in Marinas Kopf lebendig zu werden. Bilder von Abenteuern, wie sie nur Kinder erleben. Wasserschlachten. Räuber- und Gendarm-Spiele. Nachtwanderungen mit Taschenlampe.

Marina zu Besuch bei ihrer ehemaligen SOS-Kinderdorfmutter Carolin.

Marina zu Besuch bei ihrer ehemaligen SOS-Kinderdorfmutter Carolin.

Vom Kindergarten bis zum Schulabschluss

Die zierliche 27-Jährige, die einen weiten Kapuzenpulli trägt und einen lockeren Dutt auf dem Kopf, war lange nicht mehr hier. Jetzt ist sie zurückgekehrt ins SOS-Kinderdorf in Schorndorf-Oberberken. Es ist der Ort ihrer Kindheit. Und der ihrer Jugend. 15 Häuser, dazwischen große Wiesenflächen, Spiel- und Sportplätze. Ein bunter Wasserturm hilft bei der Orientierung. Direkt daneben war einmal ein Kindergarten, den auch Marina besucht hat. Im Mai 2021 ist er abgebrannt.

Es schneit an diesem Mittwoch-Vormittag. Hinter den Fensterscheiben brennt Licht. Noch sind kaum Menschen draußen unterwegs. Später werden Kinder vor den Häusern Schneemänner bauen und mit Schlitten kleine Hügel hinabsausen. Marina hat das oft gemacht, als sie klein war.

Oberberken liegt 260 Meter höher als das Schorndorfer Zentrum. In der Ferne sieht man die Schwäbische Alb. Es gibt ein Backhaus und eine Mehrzweckhalle zum Turnen und Fußballspielen. Bekannt ist der Stadtteil aber vor allem durch das SOS-Kinderdorf Württemberg, in dem junge Menschen wohnen, die aus verschiedenen Gründen nicht bei ihren Eltern aufwachsen können.

Mittlerweile ist Marina selbst Mutter

Aus dem Familienalbum: gemeinsames Mittagessen mit der SOS-Kinderdorffamilie

Aus dem Familienalbum: gemeinsames Mittagessen mit der SOS-Kinderdorffamilie

Für Marina ist es ein bisschen wie nach Hause kommen. 13 Jahre hat sie hier gelebt. Im Haus Nummer 12, vor dem sich Kisten mit Äpfeln stapeln. Auf einem Schild steht: Lache viel und genieße den Moment. Marinas Zimmer war im Erdgeschoss. An der Tür klebte lange ein Zettel: Zutritt nur für Diddlfreunde.

Jetzt ist sie wieder hier, um gemeinsam mit dem zweijährigen Sohn ihre SOS-Kinderdorfmutter Caroline Fritz zu besuchen. Die 45-Jährige hat einen Teller mit Plätzchen gerichtet, füllt Wasser in Gläser. „Wir haben uns sofort gemocht“, sagt Marina. Auch wenn alles schwierig war, damals. Sie war fünf Jahre alt, als sie mit dem jüngeren Bruder und der älteren Schwester ins SOS-Kinderdorf kam. An Details erinnert sie sich nicht mehr. Aber sie weiß noch, dass Jugendamt-Mitarbeiter sie von zu Hause mitnahmen, dass sie vorübergehend in einer Pflegefamilie wohnte. Dass sie ihre Mutter vermisste wie verrückt. „Das Verlangen, zurück zur Mama zu gehen, war immer da. Ich war ein Heimweh-Kind.“ Alle zwei Wochen und in den Ferien besuchte sie ihre Mutter. „Irgendwann habe ich es selbst eingesehen, dass es im Kinderdorf besser ist für mich.“ Zum Glück seien da noch die Geschwister gewesen, die sich gegenseitig Halt gaben.

Das Haus strahlt Gemütlichkeit und Wärme aus. Die Möbel aus Holz. Die rote Sofa-Landschaft. Die helle Wohnküche im Wintergarten. An der Treppe hängt ein selbstgebastelter Adventskalender. In jeder Glocke verbirgt sich ein Geschenk.

Die SOS-Kinderdorfmutter ist eine wichtige Bezugsperson

Als Caroline Fritz im Haus Nummer 12 als SOS-Kinderdorfmutter begann, waren Marina und ihre Geschwister schon seit drei Jahren vor Ort. Nach und nach zogen noch ein Baby und zwei Kleinkinder ein. „Da war was los“, erinnern sich die Frauen. Fritz, die ausgebildete Erzieherin ist, hat keine eigenen Kinder. Sie sagt: „Der Wunsch war einfach nie da. Aber ich fühle mich ganz nah dran an den Kindern.“ Für viele ihrer Schützlinge ist sie eine wichtige Bezugsperson. Die meisten haben Schlimmes erlebt. „Jedes bringt seine Geschichte mit, muss mit etwas klarkommen.“ Viele kämpfen mit Ängsten, manche haben Wutausbrüche, können ihre Emotionen schlecht regulieren. Regelmäßige Mahlzeiten kannten viele nicht, bevor sie herkamen. Es gibt Kinder, die lebten in verschmutzten Wohnungen, auf sich allein gestellt. „Die Eltern waren zwar da, aber so mit sich selbst beschäftigt oder psychisch krank, dass sie nicht auf die Bedürfnisse ihrer Kinder eingehen konnten“, erklärt Fritz. Sie erzählt von einem achtjährigen Mädchen, das in Panik geriet, wenn am Wochenende nicht pünktlich um 8 der Frühstückstisch gedeckt war. „Da kamen Existenzängste hoch, sie glaubte, nicht mehr versorgt zu werden.“ Fritz hört den Kindern zu, sie tröstet, macht Mut, gibt Halt. Das Vertrauen ihrer Schützlinge muss sie sich erarbeiten. „Oft haben die Kinder keinen Zugang mehr zu ihren Gefühlen.“ Mit klaren Strukturen und Ritualen wie einem gemeinsamen Essen schafft die Kinderdorfmutter Sicherheit. Sie ist rund um die Uhr da, vom Aufstehen bis zur Schlafenszeit. Zwei Erzieherinnen, die extern wohnen, unterstützen sie bei der Arbeit.

Wichtig: Eine gute Zusammenarbeit mit den leiblichen Eltern

Im Jahr 2020 wurden in Deutschland rund 45 400 Kinder und Jugendliche vorübergehend aus ihren Familien genommen. Rund 40 Prozent wurden zu ihren Eltern rückgeführt. Caroline Fritz sagt, die meisten Kinder wollten wieder nach Hause, egal, wie schlimm es da war. „Sie kennen ja nichts anderes.“ Die Beziehung zwischen Kindern und ihren Müttern sei immer besonders. „Die kann man nicht einfach wegdrücken.“ Die Geschichten lassen Fritz alles andere als kalt. „Ja, das macht was mit einem“, sagt sie. Doch Mitleid bringe die Kinder nicht weiter. „Sie brauchen jemanden, an dem sie sich festhalten können, der handlungsfähig bleibt. Mit ihnen eine Lösung findet.“

Aus dem Familienalbum: Marina und Ihr Kater Leopold

Aus dem Familienalbum: Marina und Ihr Kater Leopold

Marina sagt, es waren gute Jahre in Oberberken. Ihre Kinderdorfmutter habe ihr viel beigebracht, sie immer unterstützt und ihr Freiraum gelassen. Sie ging zum Hip-Hop-Tanzen, zum Schwimmen und zum Blockflötenunterricht. Immer sei jemand dagewesen im Dorf, mit dem sie spielen konnte. Ihre beste Freundin Lilli wohnte im Haus gegenüber. „Wir fühlen uns bis heute verbunden, weil wir ähnliche Geschichten haben.“ Auch zwischen ihr und Caroline Fritz besteht ein enges Band. „Meine Muddi halt.“ Es sind vor allem die kleinen Dinge, die ihr in Erinnerung geblieben sind. Die Raffaello-Torte zum Geburtstag. Der Diddlmaus-Kindergeburtstag. Die Urlaube in Italien, Dänemark, Kroatien. Wie Kater Leopold ihr Haustier wurde und sich mit Goldfisch Oscar anfreundete. Wie sie nach der Schule mit dem Bus zurück ins Kinderdorf fuhr und das Mittagessen schon jeden Tag auf dem Herd dampfte.

Caroline Fritz ist seit 19 Jahren SOS-Kinderdorfmutter. So lang, wie kaum eine andere. „Es gibt keine Arbeitsstelle, bei der man so viel mitgestalten kann, so viele Freiheiten genießt“, glaubt sie. Aber natürlich seien die Tage auch anstrengend. Nicht nur physisch, sondern vor allem emotional. Deshalb wird sie in anderthalb Jahren aufhören. Fritz studiert nebenbei Musiktherapie, so soll ihr Weg weitergehen. Noch leben drei Teenager bei ihr und zwei Achtjährige. Die Kinder werden eine neue Bezugsperson bekommen. Schon jetzt bereitet Fritz sie darauf vor.

Derzeit leben 80 Kinder im SOS-Kinderdorf Württemberg

Rund 80 Mädchen und Jungen leben aktuell im SOS-Kinderdorf Württemberg in Oberberken. Zur Einrichtung gehören zehn Familien, drei Wohngruppen und eine Jugendwohngemeinschaft. SOS-Kinderdörfer gibt es auf der ganzen Welt, in Deutschland sind es 38. Entwickelt hat das Konzept der Medizinstudent Hermann Gmeiner, der das erste Dorf 1949 in Imst, Tirol, eröffnete. Seine Idee: Kinder, deren Eltern sich nicht um sie kümmern können, sollen in einem familiären Umfeld groß werden. Das SOS-Kinderdorf Württemberg gibt es seit 1960.

Marina machte mit 16 ihren Realschulabschluss. Die Ausbildung zur Erzieherin brach sie nach einem Jahr ab. „Zu langweilig.“ Als sie das Kinderdorf mit 18 verlassen hat, sei sie überfordert gewesen. „Der Abschied von Marina war schlimm“, sagt auch Fritz. Loslassen, das fällt ihr schwer. „Ich gewöhne mich nicht dran.“ Heute ist sie stolz auf Marina, freut sich, wie sie ihr Leben meistert. Nachdem sie in Stuttgart ein Freiwilliges Soziales Jahr begonnen hatte, ging sie nach Berlin. Nach einem Jahr kehrte sie zurück nach Schorndorf, zog für kurze Zeit zu ihrer leiblichen Mutter, später in eine WG. Sie ließ sich zur medizinischen Fachangestellten ausbilden und mietete eine Dachgeschosswohnung in Winnenden, 21 Kilometer von Oberberken entfernt. Marina wohnt heute noch in dem Städtchen. Sie hat geheiratet, ganz romantisch mit Kutsche. Die Ringe sind ein Geschenk von „Muddi“. Letztes Jahr hat das Paar ein Reihenhaus gekauft. In ihrem Job pausiert Marina seit der Geburt ihres ersten Kindes vor vier Jahren. Sie möchte die Zeit mit der Tochter und dem Sohn genießen. Ihnen eine gute Mutter sein. Immer wieder holt sie sich Rat bei Fritz. Die wisse am besten, was zu tun sei, wenn die Kinder krank sind. Zu ihrer richtigen Mutter hat Marina noch sporadisch Kontakt. Hat sie ihr verziehen? Sie schweigt lange. „Verzeihen, das ist ein schwieriges Wort. Sie hat sich nicht verändert.“ Am wichtigsten ist für sie: ihren Kindern eine gute Mutter zu sein.

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