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Aktuelles

Eine Kindheit im SOS-Kinderdorf Lütjenburg

5. Oktober 2020

Seit über 50 Jahren gibt das SOS-Kinderdorf Lütjenburg Kindern ein neues Zuhause

Tischlermeister Oliver Schmiedlein gehörte vor 50 Jahren zu den ersten Bewohnern der Einrichtung in Lütjenburg.

Oliver Schmiedlein war eines der ersten SOS-Kinderdorfkinder in Lütjenburg

Ein Bericht von Hans-Jürgen Schekahn, Kieler Nachrichten

Seinen Vater kennt Oliver Schmiedlein nicht. Seine Mutter schaffte es nicht, sich um ihn und seinen Zwillingsbruder zu kümmern. Vor 50 Jahren gehörte Schmiedlein zu den ersten Bewohnern des neu gegründeten SOS-Kinderdorfs in Lütjenburg. „Für einander einstehen“ ist etwas, was er dort gelernt hat.

Seine Mutter lebte mit ihren Eltern auf einem Bauernhof in Bayern. Als die ledige Frau schwanger wurde, schaltete sich das Jugendamt Kulmbach ein. Was dann geschah, hat sich Schmiedlein von seiner Tante erzählen lassen. Der Vater ist unbekannt, vielleicht ein Landarbeiter. Das Jugendamt urteilte, seine Mutter schaffe es nicht, die beiden Jungen aufzuziehen. Man habe die Kinder der Mutter „entrissen“, sagt der 52-Jährige dazu.

Die ersten Jahre verbrachte er im Waisenhaus

Kurz nach der Geburt kamen sie in ein Waisenheim der katholischen Kirche. Ein Schwarz-Weiß-Foto hat Schmiedlein aus der Zeit noch. Es zeigt ihn und seinen Bruder auf dem Schoß einer Nonne. Doch ein Mitarbeiter im Jugendamt in Kulmbach hörte davon, dass es im hohen Norden ein neues SOS-Kinderdorf gibt. Er vermittelt Schmiedlein und seinen Bruder nach Lütjenburg, wo sie im Alter von knapp zwei Jahren zusammen mit anderen Jungen und Mädchen eine neue Familie bildeten. Bis zu seinem Auszug als junger Mann sollte es so bleiben. Haus Nummer 8. Seine Kinderdorfmutter heißt Rosemarie Malinka.

Das Verhältnis zu ihr ist, als ob sie meine richtige Mutter wäre.“ Die 84-Jährige lebt heute in einer Seniorenwohnung in Lütjenburg. Der Kontakt ist regelmäßig. Wie der eines Sohnes zur Mutter. 

Eine neues Geschwisterchen

Eines Tages, als Schmiedlein etwa neun Jahre alt war, erklärt Rosemarie Malinka, dass ihre Kinderdorf-Familie ein „Geschwisterchen“ bekommt. Am Mittagstisch nimmt von da an Maria Platz – damals drei – und wird angenommen von allen. „Füreinander einstehen“, das lernt man in der Einrichtung von klein auf an. Schmiedlein: „Ich habe mich gleich für sie verantwortlich gefühlt.“

Im Rückblick spricht er von glücklichen Jahren im Kinderdorf. Ihm habe nichts gefehlt. Und dass er keinen Vater als männlichen Ansprechpartner hatte. „Ich habe das ja nicht anders gekannt.“ 

Schon als Kind entdeckte er seine Liebe zum Holz

Von einer Sache schwärmt er heute noch: der Abenteuerspielplatz mit seinen selbstgebauten Hütten aus Holz. Schon als Kind bekam er einen Hammer und eine Kneifzange geschenkt. Seine Lust auf Handwerk mit Holz war entflammt. Und auf dem Abenteuerspielplatz war er wegen seines Geschicks im Umgang mit der Säge der Chef. „Es war eine schöne Zeit für uns. Ich habe unwahrscheinlich schöne Erinnerungen an das Kinderdorf.“

Der Auszug aus dem Kinderdorf war hart

Mit 15 begann er eine Lehre bei der Tischlerei Burmeister in Kaköhl. Er wird Geselle mit 18. Das ist der Zeitpunkt, an dem junge Menschen das Kinderdorf verlassen mussten. Heute ist das anders. Aber damals legte man Wert darauf, dass die Schützlinge ab 18 Jahren ihr eigenes Leben lebten. Schmiedlein zog aus. „Das war ein Schnitt, ein Abbruch“, beschreibt er die Zeit danach. Ab und zu durfte er noch im Kinderdorf zu Mittag essen. Außer zu seinem Bruder und Rosemarie Malinka riss der Kontakt zu seiner Kinderdorf-Familie ab.

Nicht alle Geschwister fanden ihren Platz im Leben

Einige seiner Geschwister in Lütjenburg scheiterten im Leben. Drogen und Alkohol. Ihre Kinderdorfmutter steht weiterhin zu ihnen. Schmiedlein machte hingegen beruflich Karriere. 1988 schloss er seine Gesellenprüfung als bester Tischler im Kreis Plön ab. Seine Meisterprüfung folgte im Jahr 2000. Fast auf den Tag genau führt er seit zehn Jahren seinen eigenen Betrieb mit einem Angestellten. Und es läuft gut.

Ein starker Sinn für Gerechtigkeit

Welche Eigenschaft hat sich in seiner Zeit im SOS-Kinderdorf entwickelt? Schmiedlein hat etwas gegen Ungerechtigkeiten und versucht solche Situationen aufzulösen. Der Grund: Wenn früher etwas in der Schule gestohlen wurde, zeigten die anderen Kinder mit dem Finger auf die Mädchen und Jungen aus dem Kinderdorf. Das empfand er als ungerecht und gemein. Die ganze Gemeinschaft im Dorf habe das so gefühlt.