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Von Eselflüsterern und Schreinermeistern

24. August 2018

„Ich bin ein Eselflüsterer“, stellt Erik stolz fest. Denn nach langem Zureden auf den Esel Johnny hat dieser – ohne sich anzustellen – einen Parcours zusammen mit Erik absolviert. Ein tolles Gefühl für den Zehnjährigen. Und auch sein Bruder Sebastian freut sich über seine Arbeit mit Esel Tom: „Svea, hast du das gesehen?! Ich habe Tom mit einer unsichtbaren Leine geführt!“ Die Pädagogin nickt ihm zu und sieht dabei fast so glücklich aus wie die beiden Brüder. „Das habt ihr echt toll gemacht.“

Erik und Sebastian sind zwei von neun Kindern, die in diesem Jahr am Ferienprogramm der tiergestützten Pädagogik im SOS-Kinderdorf Sauerland teilgenommen haben. In zwei Gruppen haben sie jeweils über vier Tage mit Meerschweinchen, Hühnern, Schafen und Eseln gearbeitet und viel über Tiere und sich gelernt. Zusammen mit Erik und Sebastian sind Lisa und Alina in einer Gruppe. Und während die Jungs den Eseln gut zureden, sägen und bohren die beiden Mädchen an einem Haus für die Meerschweinchen. Als Vorlage dafür hat „ihr“ Haus gedient – Haus 2 im Kinderdorf. Denn die Meerschweinchen sollen auch ein Zuhause haben, genau wie Lisa und Alina. Dabei arbeiten die Mädchen das erste Mal mit Stichsäge und Bohrmaschine. „Das geht in die Arme!“, stöhnt Alina. Doch sie dreht trotzdem noch eine Schraube mit dem Akkubohrer in das Dach des Meerschweinchenhauses.

Mit welchem Elan alle Kinder an ihre Aufgaben gehen, macht deutlich, wie sehr die Tiere ihnen in den vergangenen Tagen bereits ans Herz gewachsen sind. Morgens haben sie Futter für die Tiere zubereitet, sich anschließend zwischen die Meerschweinchen und Kaninchen gesetzt und ganz still gesessen, bis sich die Tiere an sie herangetraut haben und ihnen sogar aus der Hand gefressen haben. Anschließend haben sie einen Ausflug mit den Eseln gemacht oder einen Parcours und dabei festgestellt, dass jedes Tier anders ist – genau wie sie. Während Sebastian mit dem Schaf Momo einen Parcours in Windeseile bestreitet hat, musste sich Erik erst einmal ganz ruhig hinsetzen und warten, bis das andere Schaf Merle seine Scheu überwunden hatte und selbst auf Erik zu kam. Eine herausfordernde Situation für einen Zehnjährigen. Doch als Merle langsam auf ihn zutrabt, fällt ihm sichtlich ein Stein vom Herzen. Behutsam führt er sie durch den Parcours – in ihrem Tempo und auf ihre Bedürfnisse eingehend.

All diese kleinen und großen Erfolgserlebnisse spiegeln sich auch in der Abschlussrunde der Kinder am Mittag wieder. Die einen brauchen nur die Feder, um auszudrücken, was heute alle toll war und leicht gefallen ist. Doch der ein oder andere greift auch zum Stein für Dinge, die schwieriger waren. „Ich fand es blöd, dass Tom nicht mit mir gehen wollte“, sagt Sebastian ernst. „Aber dann habe ich es mit der unsichtbaren Leine probiert! Das hat geklappt! Und das fand ich toll! Das hat gut getan mit den Eseln“, sprudelt er auf einmal über und strahlt dabei.

Namen der Kinder wurden geändert.