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SOS-Kinderdorf Saar feiert 60-jähriges Jubliäum
Ein Konzept im Wandel

Die SOS-Kinderdorffamilie

Wie schafft man den Spagat zwischen Fachkräftemangel und dem natürlichen Bedürfnis der Kinder nach verlässlichen Bezugspersonen?

Dieser Frage musste sich auch das SOS-Kinderdorf Saar in den letzten Jahren stellen. Gesellschaftliche Veränderungen machten neue Strategien erforderlich. Einerseits aufgrund rückläufiger Zahlen bei den BewerberInnen für die Stelle der Kinderdorfmutter, andererseits wegen der Tatsache, dass die aufgenommenen Kinder in der Regel keine Waisenkinder mehr sind. Daraus resultiert ein hohes Maß an Investition in die Beziehungen mit den leiblichen Eltern und viel Bürokratie mit dem Jugendamt. Außerdem haben die Kinder in früheren Jahren nicht die Problematik mitgebracht, die sie heute zeigen. 

Neues Konzept

Auch das ist ein Zeichen unserer Zeit. Ergänzend zum ursprünglichen Kinderdorf- Konzept mit einer Kinderdorfmutter, gibt es seit einigen Jahren auch das Konzept der familienanalogen Wohngruppen, in denen ein Team von SozialpädagogInnen und ErzieherInnen sich um etwa sechs Kinder und Jugendliche kümmert. Beide Konzepte werden heute nebeneinander und gleichberechtigt umgesetzt und basieren auf dem Gedankengut des SOS-Kinderdorfgründers Hermann Gmeiner: 




„Jedes Kind braucht eine Familie und das Recht auf eine Familie darf niemandem verwehrt werden.“

„Nicht mehr viele Nachwuchs-Fachkräfte stehen so entschlossen hinter dem ursprünglichen Konzept. Oder wie Nicole Breiner es ausdrückt, die als Sozialarbeiterin in der Bereichsleitung für die Wohngruppen zuständig ist: „Ich glaube, dass die gesellschaftlichen Entwicklungen deutlich zeigen, dass immer mehr Menschen sehr bewusst Berufliches und Privates trennen wollen. Vor diesem Hintergrund haben auch wir eine Wandlung vollzogen in Richtung Familienwohngruppen, in denen Kollegen im Schichtdienst arbeiten.“ 

Der Familiengedanke bleibt bestehen

SOS-Kinderdorf Saar feiert 60-jähriges Jubiläum

SOS-Sozialarbeiterin Nicole Breiner

In der Praxis sieht das so aus: Die Kinder wohnen nach wie vor in einer familienähnlichen Struktur in Einfamilienhäusern, nur dass es statt einer Bezugsperson in Form der Kinderdorfmütter, -väter oder -eltern verschiedene Erzieher gibt. Was bleibt, ist der familiäre Aspekt, der ja der zentrale Gedanke der SOS-Kinderdörfer ist. 

„Wir legen auch in den Wohngruppen ganz viel Wert darauf, dass die Kinder sich heimisch und zuhause fühlen“, betont Nicole Breiner. Jedes hat in den mit maximal sechs Kindern verhältnismäßig kleinen Wohngruppen ein Einzelzimmer. Anderswo ist eine Regelbelegung von neun Kindern üblich. 

Die Kinder bestimmen mit

Zum Konzept der Wohngruppen gehört neben einem respektvollen, transparenten Umgang auch, dass die Kinder in vielen Bereichen ein Mitbestimmungsrecht haben: Bei der individuellen Einrichtung der Zimmer etwa oder bei den Mahlzeiten, die immer frisch von den Erziehern zubereitet werden. Gerade bei traumatisierten Kindern ist die Möglichkeit wichtig, mitentscheiden zu dürfen, damit sie sich bei den Erwachsenen sicher und in keiner Weise ausgeliefert fühlen. Natürlich innerhalb klarer Regeln und Grenzen. 

„Ich gehe nach Hause“

SOS-Kinderdorf Saar feiert 60-jähriges Jubiläum

Beziehungsarbeit und Verlässlichkeit sind die Grundlagen beider Konzepte.

Wie in den Familien der Kinderdorfmütter liegt auch in den Wohngruppen ein großer Schwerpunkt auf Beziehung und Bindung. Für die Erzieher bedeutet das: Wenn ich hier bin, dann lebe ich auch hier. Dieses Grundprinzip spielt bei der Einstellung neuer Mitarbeiter eine große Rolle. Die Erzieher sollen mit den Kindern so leben, wie sie es auch zu Hause tun würden, z. B. gemeinsam im Schlafanzug auf der Couch einen Film anschauen. Dieser familiäre Ansatz zieht sich durch alle Lebensbereiche der Wohngruppen und zeigt sich auch an der Wortwahl der Kinder. Sie sagen ‚ich gehe nach Hause‘ und nicht ‚ich gehe in die Wohngruppe‘. 

Gäste sind immer willkommen

Die Freunde der Kinder sind gern gesehene Gäste im Haus und dürfen nach Rücksprache auch mal dort übernachten. Familiennah sind auch die zahlreichen Feiern und Feste im SOS-Dorf, zu der bewusst die Ursprungsfamilie eingeladen wird. Denn die Eltern spielen für die Kinder nach wie vor eine große Rolle, unabhängig davon, was sie mit ihnen erlebt haben.

„Aus all meiner Erfahrung kann ich sagen, wenn die Arbeit mit den Eltern positiv gelingt, dann haben die Kinder die besten Chancen, eine sehr gute Entwicklung zu nehmen. Dazu gehört für die Pädagogen, sich nie als Konkurrenz zu den Eltern zu sehen, weil das den Kindern unglaublich schadet. Am besten ist es, wenn sowohl Eltern als auch Kinder akzeptieren: Ok, es gibt zwei Zuhause, eines hier und eines in der Ursprungsfamilie. Wir wollen nicht die Eltern ersetzen, sondern mit den Eltern gut für die Kinder sorgen. Manche Eltern können das ein bisschen besser, andere weniger.“, sagt Sarah Maringer, die schon viele Jahre als pädagogische Fachkraft in einer Wohngruppe des SOS-Kinderdorfes Saar arbeitet. Sie und ihre Kollegen tun ihr Möglichstes, um die Eltern dabei zu unterstützen, denn Ziel ist in fast allen Fällen die Rückführung der Kinder zu ihren Eltern.

Jedes Konzept hat seine Vor- und Nachteile

Lange haben die Pädagogen der Wohngruppen des SOS-Kinderdorf Saar daran gearbeitet, die Rahmenbedingungen für die Kinder so gut und konstant wie möglich zu halten. Wenn Erzieher wechseln, bleibt die Struktur erhalten und den Kindern ein kompletter Umbruch in der Gruppe erspart. Auch wenn Sarah Maringer dem Konzept der Kinderdorfmütter viel Gutes abgewinnen kann, spricht für sie auch einiges für die familienanalogen Wohngruppen: „Wenn wir in den 24-Stunden-Diensten arbeiten, haben wir sicher mehr Energie, um den Tag mit den Kindern zu bestreiten.

Jedes Konzept hat seine Vorteile, für mich hält es sich fast schon die Waage.“ Durch die Beziehungsarbeit und Verlässlichkeit, die beide Konzepte bieten, erleben sowohl die Kinderdorfmütter als auch die Kollegen und Kolleginnen in den familienanalogen Wohngruppen beachtliche Entwicklungsfortschritte bei den Kindern: „Das mag vielleicht nicht immer altersentsprechend sein, aber das ist auch nicht unser Ziel. Jedes Kind braucht die Zeit, die es braucht, und wir holen es dort ab, wo es steht.“