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Wichtige Biographiearbeit

"Jeder will wissen, wo er herkommt!

Die eigene Vergangenheit ist für viele Kinder, die nicht in ihrem Elternhaus aufwachsen, ein Puzzle mit vielen fehlenden Teilen. Dabei ist die eigene Herkunft und der Umgang damit ein wichtiger Baustein in der Persönlichkeitsentwicklung eines Kindes. Im SOS-Kinderdorf Saar unterstützen die FachdienstkollegInnen im Rahmen der Biografiearbeit die hier lebenden Kindern dabei, viele dieser fehlenden Teile zu finden und sie zu einem Gesamtbild zusammenzusetzen. Im Interview erklärt Stefanie Pfaff, wie diese Arbeit genau aussieht und wie Kinder jeden Alters davon profitieren können.

Frau Pfaff, was ist Biografiearbeit und warum ist sie so wichtig für die Kinder, die bei SOS-Kinderdorf leben?

Ein Blick zurück… und denken Sie einfach kurz an Ihre eigenen Erfahrungen: Wie die meisten von uns haben Sie vermutlich ein Fotoalbum aus ihrer Kindheit und/oder jemanden, der Ihnen von dieser Zeit und Ihrer Familie erzählen kann. Viele der Kinder, die in einem SOS-Kinderdorf aufwachsen, haben das nicht. Je nachdem in welchem Alter sie zu uns kommen, wissen sie oft nur wenig über ihre Zeit vor ihrem Aufenthalt hier und aus der Herkunftsfamilie. Aber jeder Mensch will wissen, wo er herkommt . Denn nur so können wir verstehen, wer wir sind und wo wir hin möchten. In der Biografiearbeit unterstützen wir die Kinder, mehr über ihre eigene Geschichte herauszufinden, damit sie sich selber und ihr Leben besser verstehen lernen können.

Wie gehen Sie diese Suche nach Informationen an?

Die Methoden der Biografiearbeit sind so vielfältig, wie das Leben selbst. Meine erste Quellen, um Daten und Informationen des Kindes zusammen zu tragen, sind die Akte der Kinder, das Jugendamt und besonders ihre BetreuerInnen hier bei SOS haben oft zusätzliche und wichtige Begebenheiten zu erzählen. Wir alle sind „HüterInnen der Erinnerung“ für die Kinder, denn die Lebensphase, die sie im Kinderdorf verbringen, ist sonst nicht dokumentiert. An manches erinnern die Kinder sich auch noch selbst und wenn sie noch Eltern oder andere Verwandte haben, kann ich diese ebenfalls ins Boot holen. Sie können zum Beispiel mit helfen, einen Stammbaum für das Kind zu erstellen, sie haben bestenfalls noch Fotos, wissen noch Dinge und können Fragen beantworten. Auch besuchen wir Orte und Menschen, die die Kinder noch von früher kennen. Dann können wir zum Beispiel eine Straße besuchen, in der ein Kind aufgewachsen ist, an der Tür klingeln vom ehemaligen Spielfreund, den es so gerne mochte, den Bäcker besuchen, wo das Kind mit seinen Geschwistern besondere Brötchen ab und zu Sonntags kaufen durfte und die herrlich dufteten… und so auch die Vergangenheit nochmal in Erinnerung rufen. Ich habe aber auch schon versucht, mit Kindern einen Kuchen, den sie noch von ihrer Oma kennen, nach zu backen.

Der Raum, in dem die Biografiezeiten stattfinden, ist voller anregender Materialien und Spielsachen. Wie setzen sie das in Ihrer Arbeit ein?

Der Hauptzugang zum Kind ist so gut wie immer das begleitende Spiel während dessen „oft nebenbei“ Dinge aus dem Alltag erzählt werden und von Begebenheiten, die belasten und die dann in Folgetreffen weiter begleitet werden können. Biografiearbeit denkt immer ressourcenorientiert; und sie kann nie ohne die Eigenmotivation des Kindes durchgeführt werden, etwas über seine Herkunft und sein Leben erfahren zu wollen. Im Rahmen der Einzelförderung wirkt Biografiearbeit allein schon durch die Aufmerksamkeit und die Ruhe des Einzelkontaktes. Manche Kinder wollen zum Beispiel sofort von vielen Dingen aus ihrem Leben erzählen, manche brauchen länger, um sich öffnen zu können. Der Biografieraum als anregungsreicher Platz bietet Angebot, regt an, den eigenen Willen zu stärken, indem das Kind aussuchen kann, was es spielen möchte. Klassiker wie Playmobilfiguren oder Lego oder altbewährte Tischspiele sind oft Türöffner zur Vertrauensbildung und gehen immer. Die Sandkiste, die im Raum steht ist Magnet für sehr haptisch geprägte Kinder. Auch sind wir nicht nur an den Biografieraum gebunden; das Ziel ist ja, die Lebens- und Erfahrungswelt des Kindes kennen- und verstehen zu lernen, um daraus ressourcenorientiert mit dem Kind dessen Lebensbuch zusammen zu stellen. Mit kleineren Kindern male ich auch viel. Wichtig ist, dass es nicht darum geht in jedem Treffen ein bestimmtes Thema abzuarbeiten Oft ergeben sich aus diesen Aktivitäten eben auch Anknüpfungspunkte und sind somit essentiell für die Begleitung. Wenn ein Kind zum Beispiel ein Geschwisterchen nicht malt oder die Papa-Figur in der Sandkiste weit weg vom Rest der Familie stellt, dann kann ich nachfragen.

Was passiert mit all den Informationen, die Sie in ihren Sitzungen mit dem Kind sammeln?

Ich erstelle mit dem Kind im Laufe der Zeit ein sogenanntes Lebensbuch, eine Art Sammelalbum ihres Lebens, mit Fotos, Steckbriefen der Personen aus der Familie, Geburtsurkunde, Erzählungen, Erinnerungen  – eben allem, was ein Leben ausmacht. In dem Buch geht es um seine Vorgeschichte, die jetzige Situation, aber auch um die Zukunft, die das Kind sich wünscht. Das Lebensbuch bietet mit der Zeit neben der tatsächlichen Dokumentation von Lebensinhalten auch die Möglichkeit, beschwerliche oder unverständliche Begebenheiten aus dem bisherigen Leben neu zu bewerten und somit besser zu verstehen. Wenn die Kinder aus dem SOS-Kinderdorf ausziehen, bekommen sie dieses Lebensbuch mit; es gehört von Beginn an ihnen. Viele nutzen es auch in ihrem späteren Leben immer wieder, wenn sie über sich und ihre Vergangenheit nachdenken. Denn in dem Album geht es nicht nur um reine Fakten, sondern auch um die Gefühle, die die Kinder mit den darin erarbeiteten Inhalten verbinden.

Biografiearbeit heißt also nicht nur Wissen sondern auch Bewerten?

Genau, denn je mehr ein Kind über sich selber weiß, umso besser kann es auch bestimmte Gefühle einordnen und mit ihnen umgehen Es gab hier zum Beispiel mal eine Jugendliche, die interviewte für ihre  Biografiearbeit einen Erzieher, der sie als kleines Kind betreut hatte. Bei dem Gespräch kamen sie auch auf eine andere Erzieherin zu sprechen, die damals gekündigt hatte. Das Mädchen hatte das all die Jahre unbewusst auf sich bezogen, dabei hatte die Kollegin einfach nur einen anderen Job gesucht. Ohne die Biografiearbeit hätte das Mädchen vielleicht heute noch dieses Schuldgefühl, stattdessen weiß sie jetzt, dass die Kündigung der Erzieherin nichts mit ihr zu tun hatte.

Gerade bei SOS-Kinderdorf leben viele Kinder mit belastenden Vergangenheiten. Gibt es da vielleicht auch Dinge, die gerade kleine Kinder erst zu einem späteren Zeitpunkt erfahren sollten?

Nein, man sollte Kindern immer so früh wie möglich die Wahrheit sagen, eben kindgerecht und umschrieben, aber nah an dem, was tatsächlich ist. Wichtig ist, dass die Erwachsenen, die das Kind begleiten, diese kindgerecht formulierte Wahrheit mittragen. Bilderbücher helfen und unterstützen da viel, gerade auch bei Themen wie Süchten oder psychischen Erkrankungen der Eltern. Je weniger Fragezeichen das Kind mit sich herumträgt, desto förderlicher ist es. Kinder können mit vielen Themen umgehen, wenn man sie eben kindgerecht verpackt. Und je selbstverständlicher wir mit der Geschichte eines Kindes umgehen, desto selbstverständlicher kann auch das Kind sie annehmen. Das einzige, was Kinder nicht gut vertragen bzw. auf jeden Fall bemerken, sind Tabuthemen.

Wie sieht dieses kindgerechte Verpacken in der Praxis aus?

Ich begleite zum Beispiel gerade einem sechsjährigen Jungen, der bei SOS-Kinderdorf lebt, da seine alleinerziehende Mutter immer wieder kurz vor der Obdachlosigkeit stand, die Wohnung nicht sauber halten konnte nicht genügend für die Kinder sorgen konnte und immer wieder abtaucht für Monate. Dem Jungen ist recht schnell aufgefallen, wie sehr sich das Haus der Kinderdorffamilie von seinem bisherigen Zuhause unterscheidet. Es ist zum Beispiel viel aufgeräumter. Aus solchen Beobachtungen kann man mit dem Jungen schon ganz gut ableiten, warum er momentan im Kinderdorf ist und nicht zu Hause leben kann. Trotzdem bleibt seine Mama seine Mama und er ist nicht der Grund, weshalb er nicht zuhause leben kann. Momentan reicht ihm diese Erklärung so und er hat eine weitere Spur der Erklärung, warum er nicht mehr bei Mama leben konnte, verinnerlicht. Er hat ein Bild dazu gemalt und in sein Lebensbuch gelegt. Dort können wir weitere Erkenntnisse sammeln und irgendwann eine Geschichte dazu schreiben- eine Geschichte mit Bildern aus seinem Leben.







So erreichen Sie uns

SOS-Kinderdorf Saar
Einrichtungsleitung: Joachim Selzer

Leipziger Straße 25
66663 Merzig/ Saar

Telefon: 06861 93984-0
Fax: 06861 93984-10
kd-saar@sos-kinderdorf.de

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