Aktuelles

Wichtige Biografiearbeit im SOS Kinderdorf Saar

3. Dezember 2018

„Wenn meine Geburtsurkunde erst drei Jahre nach meiner Geburt ausgestellt ist, dann habe ich die ersten drei Jahre gar nicht existiert“

Diesen Gedanken spricht die 15 jährige Lilly (Name geändert) verwundert aus, als sie  in ihre Biografiearbeit kam und ihre Geburtsurkunde betrachtete. 

Mit Figuren werden Systemische Konstellationen nachgestellt

Was für viele junge Menschen Selbstverständlichkeit ist, sich bei den Eltern und Verwandten rück zu versichern über Fakten, Begebenheiten und Menschen aus der Vergangenheit und Gegenwart, ist für Kinder und Jugendliche in der stationären Jugendhilfe oft ein Puzzle mit vielen fehlenden Puzzleteilen. Warum lebte Papa nicht mehr bei uns zu Hause, als ich noch bei Mama wohnte? Warum kann Mama nicht für uns sorgen? Wo bin ich eigentlich geboren? Wie hieß Papa´s Papa? Warum sehe ich Papa gar nicht ähnlich? Oft sind viele Fragen nicht beantwortet, wurden bisher nicht gestellt, nicht darüber gesprochen; gar Umstände tabuisiert. Das verunsichert, wirft Fragen auf; nimmt Energie und Kraft für weitere Entwicklungsschritte und entwurzelt; je weniger ein Kind von seiner Herkunft weiß.

Biografiearbeit kann dabei helfen, Fragen zu beantworten und fehlende Puzzleteile zusammen zu tragen

Sie hat sich in den letzten 20 Jahren im Pflege- und Adoptivelternwesen in Deutschland entwickelt und hat die stationäre Jugendhilfe in englischen Kommunen zum Vorbild. Dort ist Biografiearbeit ein gesetzlich verankerter Bestandteil und es muss ein klar definierter Umfang an biografischen Daten erhoben werden, wenn Kinder oder Jugendliche für eine Zeit ihres Lebens in der stationären Jugendhilfe leben werden. Biografiearbeit im stationären Kontext der Jugendhilfe ist ein Arbeitsmodell, keine Therapie. Dennoch können therapeutische Elemente Teil einzelner Treffen sein und sich entwickeln, tiefergreifende Erlebnisse, die therapeutisch begleitet werden müssen, gehören in therapeutische Hand.

Im SOS Kinderdorf Saar haben im Jahre  2006  zwei engagierte KollegInnen des Fachdienstes in einer Auftaktveranstaltung Biografiearbeit vorgestellt und diese maßgeblich in ihren Inhalten für das Kinderdorf ausgeformt und ausgebaut. Räumliche, zeitliche und inhaltliche Voraussetzungen sind so bis heute im SOS Kinderdorf Saar gegeben, so dass Kinder und Jugendliche die Bausteine ihres Lebens verlässlich und kontinuierlich bearbeiten können. In regelmäßiger Rücksprache mit den betreffenden Kinderdorffamilien, Familiengruppen  und Wohngruppenteams, in denen das Kind/ der Jugendliche wohnt, können Entwicklungen im Alltag und in der Herkunftsfamilie parallel mit betrachtet und berücksichtigt werden. Auch sehen wir die Familie und das Herkunftssystem des Kindes ressourcenorientiert und richten unsere Haltung wertschätzend in unserem Handeln danach aus. Konkret werden Kinder und Jugendliche im Einzelkontakt von einer Fachkraft des Fachdienstes eine Stunde wöchentlich in der Schulzeit auf dem Weg begleitet, das lebenseigene Puzzle zusammen zu fügen und zu stellen. Durch Regelmäßigkeit und Kontinuität in der Begleitung kann Sicherheit und Zutrauen gewonnen werden für den oft holprigen Weg, an Informationen zu gelangen und um diese schließlich gewinnbringend und integrierend für die eigene Geschichte zu verarbeiten.

Ein "Lebensbuch" wird erstellt und hilft bei der Aufarbeitung

Kern der Dokumentation bildet ein sog. „Lebensbuch“; ein Ringordner, der im Laufe der Begleitung mit den gewonnenen Antworten gefüllt wird. Dieser gehört dem Kind/ Jugendlichen und wird im Verlauf immer mehr greifbares Zeugnis der eigenen Existenz und Identität. Inhaltlich orientieren wir uns im Dreiklang Vergangenheit- Gegenwart- Zukunft an den praktisch erfahrenen Empfehlungen von Lattschar/ Wiemann, die für das individuell zu gestaltende Lebensbuch folgende Themenbereiche vorschlagen: Das bin ich, das ist meine leibliche Familie, das ist meine Kinderdorffamilie/ Wohngruppe, meine Gefühle, meine Geschichte, meine Gegenwart, meine Zukunft.

Wie und an welcher Stelle die genannten Themen bearbeitet werden ist vom jeweiligen Verlauf der Begleitung abhängig. Focus ist immer das Tempo und die Gefühlswelt des Kindes/ Jugendlichen, an einem Thema arbeiten zu wollen. Neue Informationen und Erkenntnisse können schmerzvoll sein, können bedrücken, können Rückschläge für das Selbst- bewusst- sein des Kindes/ Jugendlichen darstellen. Deshalb gehören kreative Elemente und sportliche Aktivitäten, verschiedenste Spiele sowie die Förderung der Interessen und Ideen der Kinder/ Jugendlichen ebenso dazu wie Fahrten zu den Stätten der Kindheit oder z.B. der Besuch der Großmutter, der in der Biografiearbeit FÜR das Kind geebnet werden konnte OBWOHL z.B. die Eltern des Kindes keinen Kontakt pflegten, sich aber mit dem Besuch ihres Kindes bei dessen Großmutter einverstanden erklärten.

Lilly´s Suche ging weiter, indem sie in Begleitung herausfand, dass das Standesamt des Geburtsortes Geburtsurkunden auf Antrag auch eine lange Zeit nach der Geburt ausstellt… und das Datum ihrer Urkunde zeitlich mit dem Übergang ins Kinderdorf zusammen fiel. Eine Frage war für sie geklärt…und ein Puzzleteil ihrer Existenz gerade gerückt.

                                                                                                                    

Literatur:

  • Lattschar, Birgit; Wiemann; Irmela: Mädchen und Jungen entdecken ihre Geschichte. Grundlagen und Praxis der Biografiearbeit. Beltz Juventa, Weinheim/ Basel, 2018
  • Ryan, Tony; Walker, Rodger: Wo gehöre ich hin? Biografiearbeit mit Kindern und Jugendlichen. Beltz Verlag, Weinheim, Basel, Berlin, 2004