06. 08. 2018Quelle: Martina Kind

Internationales Workcamp - Verschiedene Kulturen, ein gemeinsames Ziel

Kinder spielen auf dem Boden

Donnerstag, elf Uhr morgens, das Thermometer zeigt 25 Grad an – und es wird noch höher klettern. So wie fast jeden Tag in den vergangenen Wochen. Während es die meisten jungen Menschen für eine Abkühlung ins Freibad oder an den See zieht, wischen sich die neun Teilnehmer des Internationalen Workcamps im Merziger SOS-Kinderdorf die Schweißperlen von der Stirn. Seit gut zehn Tagen schieben sie Schubkarren hin und her, füllen das Volleyballfeld mit Sand auf, renovieren die Tischtennishalle und gestalten gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen, die hier wohnen, das Sommerferienprogramm. Da wird Fußball gespielt, gebastelt, gekocht und vor allem eines: viel gelacht.


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Die Workcamps sind ein Angebot des Internationalen Jugendgemeinschaftsdienstes (IJGD), einem gemeinnützigen Verein, der verschiedene Freiwilligendienste in Deutschland und in über 70 Ländern weltweit organisiert. Dabei kommen 16- bis 26-Jährige aus aller Herren Länder für zwei bis drei Wochen zusammen, um bei einem sozialen Projekt anzupacken ­– und ganz nebenbei fremde Kulturen kennenzulernen, ihre Sprachkenntnisse aufzupolieren und im besten Fall neue Freundschaften zu knüpfen. Zwei ehrenamtliche Teamleiter betreuen die Gruppe, die sich hauptsächlich auf Englisch und Deutsch verständigt.

Zum zweiten Mal macht der IJGD mit seinen Workcamps Halt im Landkreis Merzig-Wadern. 2016 haben 14 Teilnehmer hinter dem Familienzentrum in der Gemeinde Beckingen unter anderem für ein neues Klettergerüst gesorgt. Dass der Verein dieses Jahr wieder mit dem SOS-Kinderdorf zusammenarbeit und der Landkreis das Projekt finanziell unterstützt, freut Einrichtungsleiter Joachim Selzer sehr: „Es ist eine Bereicherung für beide Seiten.“ Denn neben den Renovierungs- und Bauarbeiten, für die täglich etwa fünf bis sechs Stunden anfallen, unternehmen die Teilnehmer aus sieben verschiedenen Nationen, darunter Frankreich, Spanien, Polen, aber auch Weißrussland und Mexiko, jede Menge mit den jungen Dorfbewohnern. „Es gibt eine Pinnwand, auf der die Kinder eintragen können, was sie gerne machen würden, zum Beispiel eine Fahrradtour oder Wasserschlacht“, erklärt Stefanie Pfaff, die das Sommerferienprogramm des SOS-Kinderdorfes leitet.

In den meisten Fällen wird das auch umgesetzt – was vor allem bei den Kindern gut ankommt. So seien sie schon einmal alle zusammen ins Wolfsgehege gefahren oder hätten abends einen Film geschaut, erzählt der zwölfjährige Kilian. Trotz Sprachbarrieren verstehe man sich bestens, habe sogar schon Freundschaften schließen können. „Und ein wenig Türkisch kann ich jetzt auch“, sagt er stolz. Beigebracht habe ihm das der 16-jährige Ege, der wiederum ins Workcamp kam, um seine Deutschkenntnisse zu verbessern. „Wir helfen uns hier gegenseitig“, lacht Kilian. Sein gleichaltriger Freund Justin teilt seine Meinung. „Wir haben uns einmal von den Teilnehmern gewünscht, Fußball zu spielen. Direkt am nächsten Tag gab es dann ein Turnier. So etwas könnten wir ruhig öfter haben bei uns“, meint er. An ein Erlebnis erinnern sich die beiden aber besonders gerne zurück: das gemeinsame Piroggen-Essen. „Da haben zwei Teilnehmerinnen aus Polen fast 500 Piroggen für uns alle gekocht. Das sind gefüllte Maultaschen, ein typisch polnisches Gericht. Die haben super geschmeckt“, erzählt Kilian. Als Gegenleistung wurde bei der Abschiedsfeier am Freitag dann auch traditionell saarländisch geschwenkt.

Mädchen sitzt auf dem Boden und malt Bild vergrößern

Dass die Workcamper ihre Zelte heute schon wieder abbrechen, findet nicht nur die 17-jährige Kinderdorf-Bewohnerin Selina schade: „Da kommen Menschen von überall her zusammen, bilden eine Gemeinschaft und zerstreuen sich dann wieder auf der ganzen Erde.“ Auch den Camp-Teilnehmern und den beiden Teamleiterinnen Theresa Müller und Anne Jansen wird der Abschied alles andere als leicht fallen. „Man taucht hier in eine komplett andere Welt ein, vergisst alles andere. Wieder zurück in den Alltag zu müssen, ist schon hart. Aber man kann ja heutzutage relativ gut über Facebook in Kontakt bleiben“, sagt Müller, die Soziologie in Köln studiert und zum zweiten Mal in ihren Semesterferien ein Internationales Workcamp betreut.

Am 21. Juli ist die Gruppe ins Haus Kurt Linder auf dem Gelände des SOS-Kinderdorfs gezogen. Fremde, die einander nicht kannten, aber alle mit ähnlichen Erwartungen nach Merzig kamen. Die neugierig waren auf das Land, die deutsche Sprache lernen oder ihre Englischkenntnisse verbessern und gleichzeitig etwas Gutes tun wollten. Über zwei Wochen haben sie tagsüber abwechselnd gewerkelt oder Zeit mit den Kindern und Jugendlichen verbracht, abends und am Wochenende lernten sie sich und die umliegende Region bei Ausflügen, etwa nach Trier und Luxemburg, besser kennen. Ihre Bilanz ist durchweg positiv: „Wir hatten eine tolle Zeit, haben uns alle auf Anhieb super verstanden, sowohl untereinander als auch mit den Kindern“, resümiert die 16-jährige Lenaig Naggiar aus Le Mans im Département Sarthe. Wie ihnen das Saarland gefallen habe? „Die Menschen hier sind wirklich sehr nett und hilfsbereit“, findet Perla Flores Camacho, die nach dem Workcamp noch quer durch Europa reisen wird, bevor es dann wieder zurück in ihre Heimat Mexiko geht. Und Ege Aybek aus Denizli, der zum ersten Mal im Saarland war, schwärmt von der schönen Landschaft. „Das Saarland mag zwar beschaulich sein, doch hat es wirklich jede Menge zu bieten.“

Mehrere Kinder sitzen auf Skateboards und fahren einen Hügel herunter Bild vergrößern

Wenngleich ihnen die nur schwer erträgliche Hitze einen Strich durch die Rechnung machte und sich das geplante Volleybaldfeld bis zum Tag der Abreise nicht komplett fertigstellen ließ, weil die Posten fürs Netz keinen Halt im ausgetrockneten Sand finden wollten, war das Internationale Workcamp des IJGD und SOS-Kinderdorfs Saar auch in diesem Jahr wieder ein voller Erfolg – sowohl für die Camp-Teilnehmer als auch für die Kinder und Jugendlichen.