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Wenn Gewalt zum Thema wird

Kleve, 11. Juli 2019


Präventionswoche am Förderzentrum Grunewald in Kleve

Präventionswoche am Förderzentrum Grunewald in Kleve

Marvin wird von seinen Mitschülern in der Straßenbahn attackiert. Er wird auf den Boden geworfen. Seine Augenbraue blutet. Ihm wird die Hose weggerissen, er muss in Shorts die Stufen des Bahnhofs hinunterlaufen. Ein anderer Mitschüler filmt das Ganze mit der Handykamera. Marvin schämt sich. Er will nichts sagen, bis ihm Mitschülerin Lea mit einem zugesteckten Zettel ermutigt, sich bei der Polizei zu melden um Anzeige zu erstatten. Die jugendlichen Täter werden gefasst, gemeinsam mit ihren Eltern verhört. Diese Szenen sind nicht echt, sondern nur ein Filmausschnitt. Doch sie wirken. In wenigen Minuten bringen sie das Thema der Projektwoche, die jetzt im Förderzentrum Grunewald am Standort Kleve durchgeführt wurde, auf den Punkt: Was ist Gewalt? Wie vermeide ich sie? Wann werde ich zum Täter? Wie kann ich mich schützen?

Der Film ist zu Ende. Die Klasse ist still. Die ersten Schülerinnen und Schüler im Alter zwischen 13 und 15 Jahren melden sich, zeigen Mitgefühl für das Opfer, kritisieren die Handygewalt, die im Film gezeigt wurde. Ein Schüler sagt, er hätte sich in so einer Situation gewehrt. Und genau darum geht es: sich mit dem Thema Gewalt aus unterschiedlichen Blickwinkeln auseinanderzusetzen, Verhalten zu hinterfragen, Recht und Unrecht zu unterscheiden. Dazu schlüpfen die 15 Mädchen und Jungen eine Woche lang in unterschiedliche Rollen. Sie sind Täter, Opfer, Zeugen, Polizisten, Richter, Schöffen, Journalisten, Fotografen. Mit ihren neuen Persönlichkeiten besuchen sie die Polizeidienststelle in Kleve, die Justizvollzugsanstalt, sprechen mit Jugendrichtern, einem Bewährungshelfer. Das Projekt wurde 2012 vom Theodor-Brauer-Haus und der Polizei Kleve entwickelt, vom Land Nordrhein-Westfalen mit dem Landespreis für Innere Sicherheit 2013  ausgezeichnet.  

„Wir sind immer wieder begeistert, wie sich unsere Schülerinnen und Schüler in die Rollen hineinversetzen und so ganz unmittelbar erfahren, wie es ist, wenn kriminelles Verhalten in das eigene Leben eindringt – egal ob als Täter, Opfer oder Zeuge. Durch das Rollenspiel erreichen wir eine ganz starke Sensibilisierung der Jugendlichen“, erläutert Bärbel Wollmann, die als Sozialpädagogin des SOS-Kinderdorfs Niederrhein gemeinsam mit Frauke Bauhaus die Schulsozialarbeit am Förderzentrum verantwortet und das Präventionsprojekt durchführt.

“Auf’s Bauchgefühl verlassen”

Neben dem Rollenspiel stehen auch Vorträge und Gespräche mit Experten auf dem Wochenprogramm. Gleich am ersten Tag informiert Stefan Hellwig, Kriminalhauptkommissar bei der Polizei Kalkar und kreisweit zuständig für die Themen Gewaltprävention und Cybermobbing, über die Gesetzeslage. Er macht anschaulich, welche Straftaten in der kurzen Filmsequenz begangen wurden: Körperverletzung, Diebstahl, Beleidigung, Sachbeschädigung und unerlaubtes Hochladen des Handyvideos mit anschließender Verbreitung in sozialen Netzwerken. „Natürlich dürft ihr euch in Gefahrensituationen auch wehren. Das ist Notwehr. Der Grat ist aber sehr eng. Und vor allem solltet ihr euch nie in Gefahr bringen, wenn ihr helfen wollt. Wählt lieber die 110“, so Hellwig. Und er hat noch einen ganz wichtigen Rat für die Jungen und Mädchen: „Hört immer auf euer Bauchgefühl. Ihr wisst ganz genau, wenn etwas in Ordnung ist oder nicht.“

Schulsozialarbeiterin Frauke Bauhaus blickt zufrieden auf die Präventionswoche: „Unsere Schülerinnen und Schüler lernen sehr gut, wenn wir Themen praxisnah vermitteln. Das Rollenspiel zu durchlaufen und von der Polizei bis zum Gericht alle beteiligten Instanzen zu besuchen, das wirkt viel länger als nur theoretisch über das Thema zu sprechen.“

Info: Der Kurzfilm “Handygewalt” steht bei Youtube zur Verfügung

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