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Eine Familie ist das größte Geschenk

Kleve , 23. Dezember 2019


Kinderdorfmutter Linda Reintes im SOS-Kinderdorf Niederrhein

Kinderdorfmutter Linda Reintjes freut sich auf das erste Weihnachtsfest mit ihren Schützlingen.

Linda Reintjes ist Anfang Dezember Mutter von fünf Kindern im SOS-Kinderdorf Kleve geworden. Ihr ist „wichtig, dass sich die Kinder an ihr erstes Weihnachten hier erinnern“. Und einen sicheren Ort gefunden haben.

Es war der 2. Dezember, der Tag nach dem ersten Advent, „da bin ich Mutter geworden“. Linda Reintjes sagt das so, mit ihrem großen warmen Lächeln, es wäre ja auch ganz normal: Aber da kamen drei Mädchen auf einmal und dann noch zwei Jungs, „fünf auf einen Schlag“. Zu Weihnachten hat die 27-Jährige im SOS-Kinderdorf Kleve ihre erste Familie bekommen und ihre Kinderschar ein neues Zuhause.

„Das hier ist ein sicherer Ort. Egal, wo du herkommst, und egal, wohin du gehst, alles ist okay.“ Der Spruch hängt an der Wohnzimmerwand, gemalt auf einen Regenbogen: Zeichen der Hoffnung. Er ist wie eine Überschrift für dieses Haus: Hier wohnt Linda Reintjes, die „Mutter“ heißt, aber nicht die „Mama“ ist, mit diesen Fünf, deren Eltern sich nicht selbst kümmern können. Kindern, denen das Leben schon einen Rucksack aufgesetzt hat, und die das Jugendamt nun in dieses Dorf vermittelt hat. In die offenen Arme einer jungen Sozialpädagogin, die ihnen vor allem drei Dinge schenken will: „Sicherheit, Geborgenheit, Zuverlässigkeit.“

Herzchengirlanden und Nachtgebet

Linda Reintjes hatte nicht viel Zeit zum Renovieren, noch weniger zum Dekorieren, aber es ist alles fertig und sehr gemütlich geworden. „Sie kommen in ein Zimmer, und es ist ein Kinderzimmer.“ Die Farbeimer sind längst weg, die Jungs wohnen in Blau und Grün, die Mädchen haben Herzchengirlanden neben den Betten und am Kopfende ein Nachtgebet im Rahmen, rosa, lila, pink, „sonst ist alles gleich“. Lindas Schwester hat Bilder gemalt für alle weißen Wände, über dem Sofa hängt das „Glück“ in Himmelblau und Orange.

Nur die Älteste kann das schon lesen, aber alle finden es schön. Wie den Adventskranz mit den dicken roten Kerzen, die Lichter und die lustigen Elche im Fenster, die Linda Reintjes gebastelt hat. Den Baum haben sie gemeinsam geschmückt mit vielen, vielen Kugeln, „wieso nur rot und gold?“, hat die Jüngste gefragt. „Weil ich das von Zuhause kenne und schön fand“, sagt Linda.

Heiligabend gibt es Gans

Die 27-Jährige macht zum Fest vieles so, wie sie es von Zuhause kennt. Am ersten Weihnachtstag werden sie zusammen essen gehen, wie die Familie das immer macht: Lindas Großeltern kommen auch, statt drei sind sie nun eben vier Generationen und fünf kleine Menschen am Tisch mehr. „Besinnlichkeit, Zusammensein, Geschichten erzählen, Weihnachtslieder hören“, so soll es werden, und am Heiligabend gibt es Gans, „keine Diskussionen“. (Zum Einzug hat Linda Reintjes den Kindern ihr Wunschessen gekocht: Kartoffelpüree, Spinat, Fischstäbchen.)

Der Kinderdorf-Mutter ist es „wichtig, dass sich die Kinder an ihr erstes Weihnachten hier erinnern“. Sie haben Plätzchen gebacken, auch wenn der Vorratsschrank noch keine lustigen Verzierungen hergab, sie waren auf dem Weihnachtsmarkt und im Weihnachtszirkus, sie haben Wunschzettel geklebt, weil sie noch nicht schreiben können: Kuscheltiere, Stifte, ein Fahrrad. Und bunten Schleim. Zum Teil kamen die Kinder „ohne alles“, sagt Linda Reintjes, nur mit ihrer Kleidung am Leib.

Nikolaus hinterließ Fußspuren im Mehl

Am 6. Dezember hat der Nikolaus draußen Fußspuren hinterlassen in Mehl. „Nackte Füße!“, ruft eins der Mädchen immer noch erstaunt, aber schließlich stellte der Nikolaus auch seinen eigenen Stiefel vor die Tür. Der war für Linda, an sich selbst hatte sie gar nicht gedacht.

Das tun dafür ihre Freunde, die wie ihre Familie alles mittragen, was Linda macht. „Die stehen voll hinter mir.“ Niemand hat gesagt, dass sie in ihrem Alter doch andere Dinge zu tun hätte, als andererleuts Kinder großzuziehen. Niemand hat gefragt, ob sie das wirklich will und kann. „Es war, als hätten sie alle gewusst, dass das passieren wird.“ Und eigentlich, sagt sie, sei das schön.

Bewusste Entscheidung für die Kinder

Sie selbst hatte Zeit, über ihren neuen Beruf nachzudenken. Vier Jahre war sie nach ihrem Studium schon angestellt im Kinderdorf, arbeitete als pädagogische Fachkraft in einer Familie, sammelte Erfahrungen. Aber sie wollte näher an den Kindern sein, intensiver mit ihnen leben, fand es „immer schade, dass es so wenig Kinderdorf-Mütter gibt“. Nun ist sie die jüngste, die Kleve je hatte. „Es war eine bewusste Entscheidung. Für die Kinder da zu sein, das ist es, was meins ist.“

Und es wirkt, als sei es nie anders gewesen. Die Kinder turnen auf ihrer „Linda“ herum, die ihnen aber deutlich Grenzen setzt, zum Essen sitzen sie zusammen mit den Erzieherinnen zu acht am Tisch, im Treppenhaus hängen fünf Adventskalender am Geländer: bunte Waschlappen, mit Schokolade und Knete darin. In der Garderobe hat jedes Kind sein Fach für die Mütze, am Haken im Bad sein Handtuch, Struktur ist wichtig. Nur Lindas eigenes Zimmer ist noch nicht ganz fertig geworden.

Ein paar Taschen hat sie mitgebracht, rein rechtlich ist das Kinderdorf ihr neuer Hauptwohnsitz, aber das Elternhaus mit der eigenen Wohnung liegt gleich um die Ecke. „Es ist beides Zuhause, das habe ich noch nicht getrennt.“ Vielleicht wird das auch gar nicht geschehen, durch die Nähe kann Linda Reintjes ihr altes Leben weiterleben: die Hundeschule, den Karnevalsverein, der Spielzeug gespendet hat. Und auch eine Kinderdorf-Mutter hat manchmal frei.

Geschwister sollen sich finden

Nur will sie das im Moment gar nicht. Es ist alles noch so neu, die Kinder sollen sich an sie als ihre Kinderdorf-Mutter gewöhnen „und als Geschwister finden“. Sie freut sich, dass kleine Kinder bei ihr eingezogen sind, denn auch wenn die Vorschulkinder schon einen Weg hinter sich haben: „Noch kann ich Einfluss auf ihre Lebensgeschichte nehmen.“

Linda Reintjes möchte es „total gern schaffen, dass die Kinder Zusammenhalt erleben in ihrer neuen Familie“. Mit all den Dingen, die ebenfalls an der Wand geschrieben stehen: „Wäschebergen, Krümeln auf dem Boden, Handabdrücken am Fenster...“ Mit Katzen und manchmal auch Lindas Hunden: Sie findet, Tiere gehören zu einer Familie dazu, „das macht die Kinder ruhiger und achtsamer“. Sie sollen dabei aber auch wissen, dass es noch eine andere Familie gibt, ihre leiblichen Eltern, „und dass das gut so ist“.

Eine Familie, mit der sie im Moment nicht zusammenleben können und auch nicht Weihnachten feiern. Aber dafür haben sie jetzt ein ganzes Dorf: mit ihrer Kinderdorf-Mutter, der Nachbarschaft mit vier weiteren Familien und sieben Wohngruppen, mit den Erzieherinnen, dem heimeligen Haus. „Es wird“, sagt Linda Reintjes, „hoffentlich ihr Zuhause werden können“.

von Annika Fischer

Quelle: WAZ vom 21. Dezember 2019

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Katrin Wissen