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Am Wald neue Wurzeln geschlagen

27. Dezember 2018

Zum Weihnachtsfest kehrt Ben immer zurück in die SOS-Kinderdorffamilie. „Sie wird zur eigenen Familie, wenn man es selbst will und zulässt“, sagt er.

Benjamin vor einem Weihnachtsbaum

Benjamin lebte neun Jahre in einer Kinderdorf-Familie. Nun ist der 20-Jährige verselbstständigt, aber um Weihnachten zu feiern, kommt er ins Dorf zurück und trifft Freunde und Beziehungspersonen.

„Weihnachten, das ist das Dorf für mich. Da bin ich groß geworden. Es hat mich zu dem gemacht, der ich bin. Das ist es, wohin ich gerne gehe und wo ich willkommen bin.“ Kluge, emotionale, fast poetische Worte findet Benjamin, wenn er an seine zehn Jahre im SOS-Kinderdorf in Materborn denkt. Heute ist er 20 Jahre alt, lebt in einer Verselbstständigungsgruppe des SOS-Kinderdorfs und sein jüngerer Bruder zog zu ihm. Aber Weihnachten, da sitzt er jedes Jahr am Baum in der früheren Kinderdorffamilie an der Kuhstraße. Da trifft er die Erzieherin, die kleinen Geschwister. „Die habe ich ganz lieb und die mich auch“.

In den Osterferien 2007 war es, dass das Jugendamt ihn und seinen Bruder von der Mutter fort nahmen. „Sie hatte Probleme, sie war sehr krank“. Der elfjährige Benjamin empfand „das Rausreißen als Angriff. Dass man die Mutter erst mal nicht mehr sieht, ist sehr belastend für ein Kind“. Auf der Fahrt nach Kleve versuchte er beim Blick aus dem Autofenster, sich jede Straße zu merken, „ob’s nicht zu weit wäre, zurück zu finden“.

Zudem lag das Ziel auch noch direkt am Waldesrand: „Da is’ ja nix.“ Aber genau da lag überraschend viel. „Es gab eine sehr große Gruppe von Elf- bis 14-Jährigen, alle auf einer Wellenlänge, alle mit ihrer Vergangenheit. Mit denen verabredete man sich schon am Abend zuvor zum Räuber- und Gendarm-Spielen.“ Oder man klingelte in der Dorf-Nachbarschaft, wer mit zum Wald kommt. „Selbst wenn die gerade noch Playstation spielten, kamen die doch lieber ‘raus“, erinnert sich Benjamin. Freundschaften blieben.

Die Eingewöhnung dauerte dennoch einige Monate. „Vorher durften wir zu Hause alles. Dass das nicht vernünftig ist, habe ich damals nicht eingesehen. Heute sage ich: Es gelten im Dorf super Regeln. Man hält sich an Absprachen. Das sind wertvolle Dinge fürs Leben, das merkte ich auch in den beruflichen Praktika.“ Für Benjamin war es „die richtige Entscheidung“, dass sein Bruder und er in zwei benachbarten Familien aufwuchsen, jeder seinen Platz im Leben finden konnte.

„Ich war in der Schule nicht so gut, auch motorisch nicht, konnte Messer und Gabel nicht richtig halten, meine Zähne waren gar nicht in Ordnung“, sagt der 20-Jährige heute mit umwerfend strahlendem Lächeln. „Hier war es so ruhig und man wurde in Ruhe gelassen. Ich habe abends der Eule beim Heulen zugehört. Man kann den inneren Frieden finden. Zum Nachdenken gibt es keinen besseren Ort als hier.“

Mit zwölf hat Ben gemerkt, „dass ich hier Wurzeln geschlagen habe, mit 14 erkannt, dass die Zeit schon schnell vorbei ist“, denn das Jugendhilfegesetz sieht vor, dass 18-Jährige ausziehen, auch wenn sie es noch nicht so gern wollen. „Das ist immer eine Sache des Geldes“, weiß er. „Ich habe mich in den ersten Wochen in der Verselbstständigungsgruppe echt sehr unwohl gefühlt, ungemütlich.“ Bis er sein Zimmer einrichtete, dauerte es ein Jahr. „Im Kinderdorf muss man schneller selbstständig werden als anderswo. Das ist der Unterschied. Andere haben es stressfreier.“

Zuvor hatte Benjamin zu seinem Dorfvater eine enge Beziehung gehabt. Die Kinderdorf-Mutter ist mittlerweile in Rente. Es traten neue Bezugspersonen vom Pädagogischen Fachdienst an ihre Stelle. Zu denen hat er bis heute guten Kontakt, kann sie bei Problemen anrufen. „Sie ist immer erreichbar, auch wenn sie frei hat. Der Hammer.“

In Grund- und Realschule „habe ich mir selbst Druck gemacht. Ich wollte keine Mitleidsschiene, armer Junge, geht’s dir schlecht“, sagt er. „Es ist eine Frage der Reife.“ Die Realschule „reichte mir nicht. Ich hatte voll Bock auf Schule“. Sein Fachabitur baute er am Berufskolleg Placidahaus in Xanten, Berufsfeld Soziales- und Gesundheitswesen. „Eine kleine Schule, richtig cool, eine unvergessliche Zeit.“

Jetzt absolviert er sein Freiwilliges Soziales Jahr in der Landesklinik Bedburg-Hau, schließt die Ausbildung zum Krankenpfleger an, plant den Weg über Fachpflege, Psychiatrie, vielleicht Studium. „Ich freue mich sehr auf die Ausbildung. Gesundheits- und Erziehungsdienst ist voll mein Ding.“

In einer Klausur zum Fachabitur berichtete Ben über das Leben im Kinderdorf, „frei vor der Klasse und der Schule. Das war für mich selbst ein bewegender Moment. Da merkt man, wo man steht, wie man zum Dorf steht“, sagt Ben. Es gebe Bewohner, die nicht gern drüber reden, aber „doch froh sind, hier zu sein“. Es gibt Leute, die „leider den geraden Weg nicht finden, das Dorf ablehnen“, weiß er. „Die Kinderdorffamilie wird zur eigenen Familie, wenn man es selbst will und zulässt“. Für ihn ist es so.

Nun also an Weihnachten kommt er regelmäßig zurück. Seine Erzieherin von vor zwei Jahren ist heute selbst Dorf-Mutter. Ben erinnert sich an die Rituale: Zusammen im Fernsehen Michel aus Lönneberga oder Pippi Langstrumpf gucken, Kirchgang, Bescherung, großes Essen. Er freute sich über Hörspielkassetten und Star-Wars-Figuren. „Damals war es wichtig, beschenkt zu werden. Ich habe jetzt gemerkt: Das Schönste ist es, selbst zu schenken. Und die Gesichter zu sehen.“

Quelle: Neue Rhein Zeitung vom 24.12.2018
Von Astrid Hoyer-Holderberg