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SOS-Kinderdorf-Mutter – aber keine „Mama“

30. Juli 2019

SOS-Kinderdorfmutter Anne Henrichs im SOS-Kinderdorf Niederrhein

Kinderdorfmutter Anne Henrichs im Garten ihres SOS-Kinderdorfhauses, in dem sie mit ihren Pflegekindern wohnt.

von Kirche und Leben

Am Stadtrand von Kleve, zwischen Wäldern und Kornfeld, steht ein außergewöhnliches Dorf. Rote Klinkerbauten, schräge Dächer, die Bauweise der Häuser ist identisch. Dazwischen Spielplatz, Rasenflächen und Gemeinschaftshäuser. Es könnte eine jener modernen Neubausiedlungen sein, von der Stadt geplant, um jungen Familien Wohnfläche zu bieten. Das wäre nicht außergewöhnlich. Aber dieses Dorf ist anders. Seit 50 Jahren ist es das Zuhause für Kinder, die einen Lebensraum außerhalb ihrer Familien benötigen.

Sie will Freundin sein

Die Idylle ist gewollt. Sie war ein zentrales Ziel, als Hermann Gmeiner 1949 die SOS-Kinderdörfer ins Leben rief. Er wollte Geborgenheit, wollte Strukturen, in denen Kinder trotz eines schweren Starts ins Leben mit Vertrauen und Zuversicht aufwachsen können. Waisen- und Pflegekinder sind es, die hier wohnen – in Wohngruppen und Familien, manchmal zu viert, manchmal zu acht. Mit wichtigen Bezugspersonen. Die wohl wichtigsten unter ihnen sind die SOS-Kinderdorfmütter.

Anne Henrichs ist eine von ihnen. Seit 24 Jahren hat sie ihren ersten Wohnsitz hier. 19 Kinder hat sie in ihrem Haus aufwachsen sehen, derzeit leben drei bei ihr. „Eigentlich ist der Begriff ‚Mutter‘ nicht ganz richtig“, sagt sie. „Denn das bleibt ein Leben lang die leibliche Mutter.“ Freundin will sie sein – „Begleiterin, Vertraute, Helferin“. Was für die Kinder, die bei ihr leben, schon sehr viel ist. „Denn genau diese Nähe hat ihnen in ihren ersten, entscheidenden Entwicklungsjahren oft gefehlt.“

Beruf und Leben sind eins

Es ist eine Nähe, die auch sie selbst gesucht und gefunden hat. Früher war sie Floristin und Gärtnerin. „Da fehlte mir genau dieser soziale Anspruch.“ Als Kinderdorfmutter konnte sie das ändern. Sie lebt jetzt, wo sie arbeitet, und arbeitet, wo sie lebt – Beruf und Leben sind eins, 24 Stunden am Tag, sechs Tage die Woche. Die freien Tage, die ihr zustehen, spart sie, bis sie eine längere Zeit freinehmen kann. Eine „wichtige Zeit zum Durchatmen“ sei das, sagt die 54-Jährige. In dieser Zeit leben die Kinder mit Betreuern in ihrem Haus.

Ihr Haus ist Haus „O“. Die Gebäude des SOS-Kinderdorfs bei Kleve sind durchbuchstabiert. Die Buchstaben prangen im leuchtenden Gelb an der Haustür. Dahinter geht es etwas verschachtelt über mehrere Etagen – jedes Kinderzimmer hat seine eigene kleine Ebene. Der große Küchen- und Wohnbereich wird vielseitig genutzt: Hausaufgaben-Ecke mit Computer, großer Esstisch, Sofa und Sessel mit Blick ins Grüne. Das Treppenhaus erzählt etwas über die Geschichte dieser Räume: An den Wänden hängen die Scherenschnitte aller ehemaligen Bewohner. „Wenn sie zu Besuch kommen, stehen sie oft davor“, sagt Henrichs.

Mutter für 19 Kinder

Die emotionale Seite ihrer Arbeit wird deutlich. Hier wachsen junge Menschen mit ihren Träumen und Sehnsüchten auf, bis sie auf eigenen Beinen stehen können. Mit allen spannenden Phasen, die die Jugend mit sich bringt. Wird das von Henrichs abgearbeitet – quasi von einer Profi-Mutter für 19 Kinder? „Ich bin vor allem als Mensch hier, nicht als Angestellte, die einen Job erledigt.“

Hermann Gmeiner im SOS-Kinderdorf Niederrhein

Hermann Gmeiner bei der Eröffnung des SOS-Kinderdorfs Niederrhein in Kleve.


SOS-Mütter-Schule

Natürlich wurde sie vor ihrem Einsatz pädagogisch ausgebildet, etwa während ihres Jahres in der SOS-Mütter-Schule, die sie als Fachkraft für Heimerziehung abschloss. Später hat sie sich zur Erzieherin weitergebildet. Das hat ihr immer dann besonders geholfen, wenn sie vom Verhalten der Kinder überrascht wurde. „Sie haben alle ein schweres Paket mitbekommen, da kann es manchmal schon anstrengend werden.“ Kein Grund, in diesen Momenten an ihrer Aufgabe zu zweifeln. „Das ist wie in jeder anderen Familie auch, da werden Grenzen ausgelotet.“

Genau darum geht es im Alltag, sagt Henrichs: „Um Normalität.“ Dazu gehört für sie auch eine Kinderdorfmutter, die Fehler macht. Perfektionismus würde an der Realität vorbeigehen. „Wichtig ist, dass dem Scheitern und dem Streit Klärung und Lösung folgen.“ Dann können auch die Kinder lernen, mit ihren Schwächen umzugehen. „Für mich wäre es traurig, wenn sie sich sonst in ihrem Leben immer wieder selbst im Wege stehen würden.“ Wer Anne Henrichs erlebt, ist sich sicher, dass es ihr gelingt, viele Steine gemeinsam mit den Kindern aus dem Weg zu räumen. Sie strahlt Ruhe aus, lächelt viel.

Unterstützung in der Dorfgemeinschaft

Den Box-Sack, der im Flur hängt, um im Vorübergehen schnell mal Frust abzubauen, nutzt sie genauso selten wie die Kinder des Hauses. Sie hat viele Faktoren ausgemacht, die helfen, die sicher nicht leichte Ausgangssituation einer SOS-Kinderdorf-Familie zu meistern. Dazu zählt sie auch die Dorfgemeinschaft: „Die Probleme in den Gruppen und Familien ähneln sich, da können wir uns gegenseitig unterstützen.“

Auch die Kinder könnten sich in die Situation der anderen häufig hineinversetzen und gegenseitig Trost spenden. Eine Gemeinschaft entstehe, über den Gartenzaun hinaus – eine lebendige Dorfgemeinschaft, kein Chaos. Das Vorurteil kennt sie: Wo viele Kinder aus sozial problematischen Verhältnissen leben, müsse es drunter und drüber gehen. „Tut es nur selten.“

Mehr als eine Betreuerin

Henrichs bleibt die wichtigste Bezugsperson. Auch wenn immer etwas Distanz bleiben wird. Die Situation lässt sie keine so enge Beziehung aufbauen wie eine leibliche Mutter. Und trotzdem ist sie viel mehr als nur eine pädagogische Fachkraft. Ihre Aufgabe liegt irgendwo dazwischen.

Das bleibt so, auch wenn einige Kinder „Mutter“ zu ihr sagen. „Für sie ist das wichtig, weil sie dahinter ihr Schicksal kaschieren.“ Die Tiefe einer Eltern-Kind-Liebe wäre aber das falsche Ziel, sagt sie: „Wer als Kinderdorfmutter hierher kommt, um eine Familie zu haben, würde enttäuscht.“ Ihre Gefühlswelt beschreibt sie anders: „Ich bin glücklich, wenn die Kinder Ballast abwerfen und ihr Potenzial nutzen können.“ Dafür arbeitet sie hier, dafür lebt sie hier – rund um die Uhr.

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