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Aktuelles

Plötzlich Quarantäne!

15. April 2020

Eine Familie mit Straßenkreide gemalt

Vor wenigen Wochen erfuhr Peter Zverina, AEH-Bereichsleiter im SOS-Kinderdorf München , dass bei einem Mitglied des Teams ein angeordneter Corona-Test ein positives Ergebnis zeigte. Nach Informationen des Gesundheitsamtes sollten sich alle Mitarbeitenden des Teams aufgrund der Kontaktintensität der vergangenen zehn Tage in Quarantäne begeben.

Herr Zverina, was waren Ihre ersten Gedanken nach dem Anruf, dass sich ein Mitglied Ihres Teams mit dem Corona-Virus infiziert hat?

Die Tragweite der Situation war mir im ersten Moment nicht gleich bewusst. Wir hatten die Situation in den Medien verfolgt und ernst genommen. Aber dass wir schon zu Beginn der Virus-Ausbreitung als ganzes Team betroffen sein würden, damit hatte ich nicht gerechnet.

Was waren Ihre ersten Schritte unmittelbar nach dem Bekanntwerden der Infektion?

Uns traf die Information an einem späten Freitagabend. Wir versuchten zunächst sicherzustellen, dass wir alle betreffenden Kolleginnen und Kollegen erreichen, damit sie regelmäßig über das Wochenende weitere Informationen abrufen und sich miteinander austauschen könnten. Glücklicherweise stehen wir in unserem Team in einem sehr vertrauten Verhältnis zueinander. So konnten wir immer in unserer gesamten Runde offen kommunizieren.

Gab es da schon Handlungsempfehlungen der Jugendämter?

Nein, leider gab es die noch nicht. Wir mussten uns in den Tagen, bevor uns die Nachricht erreichte, allerdings schon auf die Schließung der bayerischen Kindertagesstätten vorbereiten und damit befassen, was dies für das SOS-Kindertageszentrum Neuaubing bedeutet. Wir haben uns auch fragen müssen, wie gehen wir mit den Kindern unter zwölf Jahren der eigenen Mitarbeitenden um? Unser Träger SOS-Kinderdorf e.V. hatte zu dem Zeitpunkt erst vor wenigen Tagen die ersten Corona-Richtlinien herausgegeben.

Wie sind Sie dann mit den Fragen umgegangen? Was waren Ihre ersten Maßnahmen?

 Vom wohnortzuständigen Gesundheitsamt des Teammitglieds erhielt ich die Information, dass wir als „Kontaktperson der Kategorie I“ gelten und uns in eine 14-tägige häusliche Quarantäne begeben müssten, zurückgerechnet seit dem letzten Kontakt mit der infizierten Person. Glücklicherweise ist das Team mit Smartphones und mobilen Laptops ausgestattet. Alle sind gut erreichbar und gewohnt, selbstständig zu arbeiten und eigenverantwortlich Entscheidungen zu treffen. Das war von Anfang an ein großer Vorteil, weil wir von überall auf das Netzwerk unseres Trägers zugreifen konnten. Wir haben umgehend die Jugendämter und alle betreuten Familien über die Infektion und die uns auferlegte Quarantänesituation informiert und standen seitdem über Telefon, Messenger-Dienste und Video-Kommunikation in Kontakt.

Wie haben Ihre Klient*innen reagiert?

Gemischt. Einige nahmen es nüchtern zur Kenntnis, manche wünschten uns für die Zeit alles Gute. Andere waren selbst etwas verunsichert, was wir jedoch durch entsprechende Aufklärung gut auffangen konnten. Als Ambulante Erziehungshilfe sind wir ja häufig nachmittags und auch abends für die Familien erreichbar. In der für uns alle plötzlich neuen Situation standen wir unseren Klient*innen mit einer zeitlich erweiterten Erreichbarkeit zur Verfügung als zu unseren sonst üblichen Arbeitszeiten. Aufgrund unserer eigenen Quarantäne konnten wir bereits vor Inkrafttreten der Ausgangsbeschränkungen erproben, wie wir die Familien ohne persönliche Hausbesuche telefonisch bzw. elektronisch unterstützen und begleiten können. Wir hatten somit einen kleinen Vorsprung und sind inzwischen mit den Familien gut eingespielt. In der für sie teilweise sehr anstrengenden Zeit der gesellschaftlichen Kontaktreduzierung brauchen einige Familien viel Zuspruch und nehmen unsere Unterstützung gern an.

Wie lief die Zusammenarbeit mit den Gesundheitsämtern?

Wir haben leider eine komplette Überlastung des öffentlichen Gesundheitssystems erlebt. Einem Drittel der Mitarbeitenden aus unserem Team ist es nie gelungen, das jeweils für sie zuständige Gesundheitsamt zu erreichen. Und die Kollegen*innen wurden auch nicht aktiv kontaktiert.  Irgendwann haben wir unsere vielfältigen Bemühungen um Kontaktaufnahme eingestellt. Ich habe mich in der Situation von den zuständigen Behörden ziemlich allein gelassen gefühlt.

Was würden Sie anderen Einrichtungen raten, die jetzt in eine Situation kommen?

Eine universelle Empfehlung kann ich nicht abgeben. Vorrangig erscheint mir der Schutz der infizierten Person. Sie ist neben den beruflichen auch mit privaten Kontaktpersonen konfrontiert, die alle viele Fragen und vielleicht auch Ängste haben. So wurde sie anfänglich von Telefonaten und Nachrichten aller Art regelrecht überrollt. Gemeinsam mit ihr habe ich daher entschieden, dass der Teil der berufsbezogenen Kommunikation über mich als Bereichsleiter erfolgt. Für uns war es auch wichtig, im Team und um uns herum ein Gleichgewicht zwischen Panik und allzu sorgloser Gelassenheit zu finden. Jeder Mensch nimmt so eine Situation ja unterschiedlich wahr. Insgesamt hat die verordnete Quarantäne mich und sicher auch das Team sehr gefordert. Letztlich erreichten mich jedoch viele positive Rückmeldungen zu der transparenten Informationsgestaltung.

Ihr Ansprechpartner

Peter Zverina
Bereichsleitung Ambulante Hilfen

SOS Kinderdorf München Kinder-, Jugend- und Familienhilfe
Wiesentfelser Str. 68
81249 München

Telefon 08122 22738-44
Fax 08122 992020
peter.zverina@sos-kinderdorf.de